28.09.2019 20:14

Neue StudieMacht Trash-TV dumm?

Drei Ökonomen behaupten, Berlusconis TV-Sender hätten die Italiener populistischer und dümmer gemacht. Kann das stimmen?

von
Rolf Maag
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Silvio Berlusconi (geboren 1936) begann seine Laufbahn als Bauunternehmer. In den 1980er-Jahren integrierte er mehrere Regionalsender in seine Gesellschaft Mediaset, die wiederum Teil seines Konzerns Fininvest war. 1994 wurde er erstmals zum Premierminister gewählt.

Silvio Berlusconi (geboren 1936) begann seine Laufbahn als Bauunternehmer. In den 1980er-Jahren integrierte er mehrere Regionalsender in seine Gesellschaft Mediaset, die wiederum Teil seines Konzerns Fininvest war. 1994 wurde er erstmals zum Premierminister gewählt.

AP/Alessandra Tarantino
Berlusconis Sender zeigten viel nackte Haut. Hier ist der Motorradfahrer Valentino Rossi in einer Sendung von Canale 5 zu sehen.

Berlusconis Sender zeigten viel nackte Haut. Hier ist der Motorradfahrer Valentino Rossi in einer Sendung von Canale 5 zu sehen.

Daniel dal Zennaro
Die staatliche Gesellschaft RAI, die zuvor auf Nachrichten und Bildung gesetzt hatte, passte sich mit der Zeit dem Niveau von Berlusconis Sendern an. Im Bild: der frühere Innenminister Matteo Salvini während der Talkshow «Porta a Porta».

Die staatliche Gesellschaft RAI, die zuvor auf Nachrichten und Bildung gesetzt hatte, passte sich mit der Zeit dem Niveau von Berlusconis Sendern an. Im Bild: der frühere Innenminister Matteo Salvini während der Talkshow «Porta a Porta».

Riccardo Antimiani

Als die Sender von Silvio Berlusconis Gesellschaft Mediaset in den 1980er-Jahren den Betrieb aufnahmen, änderte sich die italienische Fernsehlandschaft grundlegend. Die Programme der staatlichen RAI hatten bis dahin vor allem auf Nachrichten und Bildung gesetzt. Auch die Werbespots hatten ethischen Mindeststandards genügen müssen.

Berlusconis Sender Canale 5, Rete 4 und Italia 1 brachten dagegen stundenlange Varietéshows voller Spiele und Sketche. Die fast ausschliesslich männlichen Moderatoren wurden von leicht bekleideten Assistentinnen unterstützt. Alle paar Minuten wurden die Sendungen von lauter Werbung unterbrochen. Nachrichten gab es bis 1990 gar nicht, weil das italienische Mediengesetz den Privatsendern Liveübertragungen untersagte.

Je früher, desto populistischer

Glaubt man den Ökonomen Ruben Durante, Paolo Pinotti und Andrea Tesei, hatte das starke Auswirkungen auf die Psyche vieler Italiener. In einer vor kurzem erschienenen Studie behaupten sie, regelmässige Konsumenten von Berlusconis Programmen würden nicht nur häufiger populistische Parteien wählen, sondern seien auch weniger intelligent.

Diesen Befund stützen die Autoren auf den Vergleich von Regionen, in denen die Sender von Mediaset zu unterschiedlichen Zeiten empfangbar wurden. Je früher das der Fall war, desto erfolgreicher schnitt Berlusconis 1994 gegründete Partei Forza Italia bei Wahlen ab. Erstaunlicherweise hält dieser Effekt bis heute an: Die weniger rechte, aber ebenso populistische 5-Stern-Bewegung hat in den entsprechenden Gebieten ebenfalls besonders viele Anhänger.

Beeinträchtigungen der Intelligenz

Bei den älteren Zuschauern ist das wohl dadurch zu erklären, dass sie in den politischen Sendungen der Mediaset-Programme fast nur Loblieder auf Berlusconi zu hören bekamen. Ausserdem erhielt er mehr Sendezeit als seine Gegner.

Anders sieht es bei den Jüngeren aus. Die Autoren führen Belege dafür an, dass diejenigen, die schon vor dem zehnten Lebensjahr regelmässiger Beschallung durch Berlusconis Sender ausgesetzt waren, bei Tests zur Lese- und Rechenfähigkeit markant schlechter abschneiden. Auch italienische Wehrpflichtige, die vom Dienst befreit werden, weil sie die Mindestanforderungen an die Intelligenz nicht erfüllen, haben mit hoher Wahrscheinlichkeit viel niveauloses Fernsehen geschaut.

Je dümmer, desto rechter

Die Theorie der Autoren sieht also ungefähr so aus: Wer von Kindesbeinen an fast ausschliesslich anspruchslose Fernsehunterhaltung konsumiert, verkümmert geistig und büsst einen erheblichen Teil seiner Denkfähigkeit ein. In der Politik sind diese Leute anfällig für die allzu einfachen Rezepte populistischer Parteien. Tatsächlich schärfte Berlusconi seinen Mitarbeitern ein, dass die meisten Wähler die Schule vor dem 18. Altersjahr verlassen und niemals zu den Klassenbesten gezählt hätten. Sie müssten die Realität also möglichst simpel, wenn nötig auch zu simpel darstellen. Ähnlich sieht es Donald Trump, dessen Ausspruch «I love the poorly educated» (ich liebe die schlecht Gebildeten) berühmt geworden ist.

Unabhängige Bestätigung

Die Thesen der drei Autoren müssen sicher ernst genommen werden, weil sie auf einer grossen Menge von Daten beruhen, die über einen langen Zeitraum erhoben wurden. Dennoch wird man ihnen erst dann zustimmen können, wenn sie von anderen Forschern (auch aus anderen Ländern) bestätigt worden sind, wie der Politologe Yascha Mounk schreibt. Es muss einen skeptisch stimmen, dass sie nur allzu gut zu den Ansichten der Gegner der Populisten passen.

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