Aktualisiert 17.03.2004 09:34

Madrid: Aznar wollte Medien manipulieren

Der spanische Ministerpräsident Aznar hat offenbar selber zum Telefon gegriffen um die Medien zu beeinflussen, damit diese die ETA als Urheber der blutigen Anschläge von Madrid bezeichnen. Zudem soll in der grössten spanischen Nachrichtenagentur (EFE) Zensur ausgeübt worden sein.

Unmittelbar nach den Terroranschlägen von Madrid hat die spanische Regierung offenbar versucht, die Berichterstattung über die Tat zu beeinflussen.

Bei Korrespondenten seien Anrufe aus dem Büro von Ministerpräsident José Maria Aznar eingegangen «mit der ausdrücklichen Bitte, in unseren Berichten und Sendungen darauf hinzuweisen, dass ETA die Urheber der Madrider Anschläge seien», schrieb der Leiter des Foreign Press Clubs, Steven Adolf. Einige Telefonate seien geführt worden, nachdem bereits ein verdächtiger Lieferwagen mit einer auf arabisch besprochenen Kassette gefunden war.

Der Herausgeber von «El Periodico», Antonio Franco, schrieb, er sei von Aznar persönlich angerufen worden, als die Zeitung eine Sonderausgabe zu den Anschlägen vorbereitete. In dieser Ausgabe wurde die ETA für die Taten verantwortlich gemacht. Dies gehe auf eine Aussage Aznars zurück, so Franco. Der Ministerpräsident habe ihm wörtlich gesagt: «Es war die ETA. Haben sie daran nicht den geringsten Zweifel».

Journalisten der spanischen Nachrichtenagentur EFE haben den Rücktritt ihres Chefs gefordert, weil er nach den Terroranschlägen von Madrid eine objektive Berichterstattung unterbunden habe. Nachrichtenchef Miguel Platon habe den Mitarbeitern «ein System der Manipulation und Zensur» auferlegt, hiess es in einer am Dienstag in Madrid veröffentlichten Erklärung von Journalistenvertretern der EFE. Dies habe darauf gezielt, der konservativen Regierung von José María Aznar zur Wiederwahl zu verhelfen.

Die Journalisten warfen Platon vor, er habe Berichte verboten, nach denen sich die Ermittlungen zu den Anschlägen zunehmend auf das El-Kaida-Netzwerk und weniger auf die Basken-Organisation ETA konzentrierten.

EFE habe seit Donnerstagmorgen, dem Morgen der Anschläge, von einem in arabischer Sprache eingestellten Mobiltelefon gewusst, dass im Vorort Alcalá de Henares gefunden wurde, hiess es in der Erklärung. Ausserdem habe die Agentur Kenntnis darüber gehabt, dass einer der Toten zu den Tätern zählte.

Es sei jedoch «ausdrücklich verboten» gewesen, entsprechende Informationen zu veröffentlichen. Die Journalisten forderten Platon auf zurückzutreten, da seine Präsenz eine «Beleidigung» für die Angestellten und für die Öffentlichkeit sei.

Eine Sprecherin der EFE-Geschäftsführung wies die Kritik der Journalisten zurück. Die von der Agentur verbreiteten Informationen seien stets von «offiziellen Stellen» gekommen.

Eine Täterschaft der ETA hätte Aznars konservativer Volkspartei bei der Parlamentswahl drei Tage nach den Anschlägen genützt, eine vermutete Beteiligung islamischer Extremisten dagegen geschadet. Aznar hatte sich gegen den Widerstand eines Grossteils der Bevölkerung am Irak-Krieg beteiligt; viele sahen in den Anschlägen einen Racheakt für die Irak-Politik des Regierungschefs. D

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