Omertà in Süditalien: Mädchen jahrelang von Mafia-Bande missbraucht
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Omertà in SüditalienMädchen jahrelang von Mafia-Bande missbraucht

Drei Jahre lang wurde ein Mädchen in Kalabrien von neun Männern missbraucht. Alle wussten davon, sogar die Eltern. Aber alle schwiegen.

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Die italienische Polizei hat Anfang September 2016 im süditalienischen Melito Porto Salvo neun Männer verhaftet, die in den letzten drei Jahren ein heute 16-jähriges Mädchen regelmässig missbraucht haben sollen.

Die italienische Polizei hat Anfang September 2016 im süditalienischen Melito Porto Salvo neun Männer verhaftet, die in den letzten drei Jahren ein heute 16-jähriges Mädchen regelmässig missbraucht haben sollen.

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Die Polizei begann im Oktober 2015 zu ermitteln, nachdem das Opfer in einem Schulaufsatz von seinem Martyrium erzählt hatte. (Symbolbild)

Die Polizei begann im Oktober 2015 zu ermitteln, nachdem das Opfer in einem Schulaufsatz von seinem Martyrium erzählt hatte. (Symbolbild)

epa/de Martino/frattari
Die Familie des Opfers wollte den Fall nicht ans Licht bringen, aus Angst, vor der Gemeinschaft in Melito Porto Salvo blossgestellt zu werden. Selbst zu einem Marsch, der als Zeichen der Solidarität für das Opfer organisiert wurde, fanden sich nur wenige Bewohner der Kleinstadt ein.

Die Familie des Opfers wollte den Fall nicht ans Licht bringen, aus Angst, vor der Gemeinschaft in Melito Porto Salvo blossgestellt zu werden. Selbst zu einem Marsch, der als Zeichen der Solidarität für das Opfer organisiert wurde, fanden sich nur wenige Bewohner der Kleinstadt ein.

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In der Ortschaft Melito Porto Salvo in Kalabrien sorgt ein schwerer Fall von sexuellem Missbrauch für Entsetzen. Das Opfer, ein heute 16 Jahre altes Mädchen, soll in den vergangenen drei Jahren von einer neunköpfigen Männerbande regelmässig vergewaltigt worden sein. Die Familie des Mädchens wusste davon, doch im Bann der Omertà – dem Schweigegelübde unter Mafiosi – blieb sie untätig.

Das Martyrium der jungen Frau begann, als sie 13 Jahre alt war. Die mutmasslichen Täter holten sie immer wieder von der Schule ab und brachten sie in ein Lokal. Dort wurde sie von den Männern missbraucht. Lange sagte das Opfer nichts, denn ihre Peiniger hatten sie mit dem Handy gefilmt und drohten, die Aufnahmen zu veröffentlichen.

Mutter lobte «den schönen Text»

Vor rund einem Jahr getraute sich die Schülerin, erstmals darüber zu sprechen. Von ihrer Sprachlehrerin hatte sie den Auftrag bekommen, die Rolle der Eltern in ihrem Leben zu beschreiben. Weil sie sich von der Mutter im Stich gelassen fühlte, entschied sich das Mädchen, die grauenvolle Geschichte in einem Aufsatz zu schildern.

Der Polizei erzählte sie während einer Befragung vergangene Woche, dass ihre Mutter damals den Aufsatz auf ihrem Schreibtisch entdeckt und den Text gelesen habe. Am Schluss habe die Frau nur gemeint: «Wie schön, was du da geschrieben hast.»

Ein Mafia-Sohn, ein Polizisten-Bruder und ein Marschalls-Sohn

Obwohl die Mutter und andere Angehörige – darunter eine Cousine des Opfers – vom Leiden der jungen Frau wussten, erstattete niemand Anzeige bei der Polizei. Die Geschichte könnte «unsere Familie in Verruf bringen», sagte die Mutter. Erst eine Anzeige der Lehrer brachte die Ermittlungen im Oktober 2015 ins Rollen.

Monatelang hörten die Ermittler die Telefongespräche der Verdächtigen ab. Im Januar unterhielt sich einer der Männer mit seinem Bruder, der als Polizist in Mailand arbeitet. Der Beamte riet dem Kriminellen im Falle eines Verhörs zu sagen, «dass du dich an nichts erinnern kannst».

Vergangene Woche wurden die neun Männer verhaftet, berichtet der «Corriere della Sera». Unter den Festgenommenen befindet sich Giovanni Iamonte (30), Sohn von 'Ndrangheta-Boss Remigio Iamonte. Involviert sind auch der Sohn eines Marschalls der italienischen Armee und ein heute 18 Jahre alter Mann, der zum Zeitpunkt der Tat noch minderjährig war.

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