Aktualisiert 12.02.2020 20:45

Turn-Outfits«Mädchen müssen Kleber aufs Füdli schmieren»

Schon 13-jährige Tessiner Turnerinnen würden Kleber verwenden, damit man nicht den ganzen Po sehe, sagt eine Betroffene. Und das Tragen von Shorts sei verboten – auch während der Mens.

von
D. Krähenbühl
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Die Tessiner SP-Grossrätinnen Tatiana Lurati und Gina La Mantia stören sich an den knappen Tenüs. Laut der Kantonalen Tessiner Turnvereinigung müssen weibliche Wettkampfteilnehmerinnen in allen Disziplinen ausschliesslich Kleider mit hohem Beinausschnitt tragen. Shorts sind nicht erlaubt.

Die Tessiner SP-Grossrätinnen Tatiana Lurati und Gina La Mantia stören sich an den knappen Tenüs. Laut der Kantonalen Tessiner Turnvereinigung müssen weibliche Wettkampfteilnehmerinnen in allen Disziplinen ausschliesslich Kleider mit hohem Beinausschnitt tragen. Shorts sind nicht erlaubt.

Keystone
Männer hingegen dürfen an Wettkämpfen kurze Shorts tragen ...

Männer hingegen dürfen an Wettkämpfen kurze Shorts tragen ...

Keystone/Walter Bieri
... oder lange, enge Hosen.

... oder lange, enge Hosen.

Keystone

Ist es sexistisch und diskriminierend, dass Tessiner Turnerinnen bei Wettkämpfen keine Shorts, sondern nur hochgeschnittene Bodys tragen dürfen? Die Tessiner SP-Grossrätinnen Tatiana Lurati und Gina La Mantia finden: Ja. Daher haben sie bei der Tessiner Regierung einen Vorstoss eingereicht, um einen allfälligen Handlungsbedarf abzuklären. Dass es diesen gibt, sagt die 13-jährige Chiara*. Wie alle Mädchen aus ihrem Dorf ist sie Gymnastik-begeistert. Auch sie und ihre zwei Schwestern stören sich an den engen Bodysuits:

«Die knappen Anzüge verdecken knapp unseren Po, die Brüste zeichnen sich trotzdem stark ab», sagt die 13-jährige Chiara*. «Auch während der Mens ist es uns gemäss Reglement des Tessiner Turnverbands aber trotzdem nicht erlaubt, kurze Hosen zu tragen.» Bei einem Turnier, an dem sie wegen ihrer Periode Shorts tragen musste, wurden ihr deswegen Punkte abgezogen und sie von einem Podestplatz auf die hinteren Ränge zurückgestuft. Die sportliche Demütigung war nicht die einzige, sagt Chiara. «Mir war es voll peinlich. Alle sahen, dass ich meine Mens hatte.»

Auch sonst fühlen ihre Schwestern und sie sich in den engen Einteilern oft unwohl. «Wenn Väter von anderen Mädchen oder Jungs aus unserer Schule vorbeikommen und man nach einem Spagat etwa das Hinterteil sieht, ist uns extrem unwohl.» Auch darum würden fast alle Mädchen Körperkleber verwenden, um das Hochrutschen des Bodys zu verhindern – obwohl das nach Reglement auch verboten wäre. «Ich mache Gymnastik, um zu zeigen, was ich kann – nicht, was ich habe», sagt Chiara.

«Mädchen werden klar sexualisiert»

«Es ist schon extrem, dass sich Mädchen Leim aufs Füdli schmieren müssen, weil es auch einen Punktabzug gibt, wenn man das Gwändli aus dem Füdlispalt rauszieht», sagt Angela*, die Mutter von Chiara. Männer dürften gemäss den Vorschriften des Turnverbands auswählen, was sie anziehen wollen, Frauen nicht. Angela: «Ausserdem wird der Turnanzug im Reglement als «costumino sgambato» (Anzug mit hohem Beinausschnitt) bezeichnet und nicht als «tuta da ginnastica» (Turnanzug), wie im Rest der Schweiz.»

«Mädchen und Frauen werden so klar sexualisiert», sagt Angela. Doch trotz mehrmaligem Reklamieren beim Tessiner Turnverband habe nie eine Diskussion über die Bodysuits stattgefunden. Auch nicht, als sie einen 35-jährigen Gymnastik-Trainer meldete, der ihre Tochter betatscht hatte und sich privat mit dieser treffen wollte. «Später hat ihn die Polizei wegen Kinderpornos verhaftet und herausgefunden, dass er mit mehreren Mädchen aus dem Turnverein ein Verhältnis hatte.»

Turnverband wehrt sich gegen Vorwürfe

Matteo Quadranti, Präsident des kantonalen Tessiner Gymnastikverbands, weiss von der besagten Verhaftung. «Das hat unseren Verein sicherlich erschüttert.» Trotzdem wehrt er sich gegen die Annahme, der Gymnastik-Sport würde «Grüsel» anziehen: «Wir haben die von den Experten vorgeschlagene Massnahmen ergriffen, um so etwas nie wieder zuzulassen.»

Bei den Regeln für die hochgeschnittenen Turn-Bodys habe man sich an den internationalen Vorgaben orientiert, sagt Quadranti. «Gymnastik ist und war schon immer eine Sportart, in der der Körper eine grundlegende Rolle spielt – und zwar sowohl im Breiten- als auch im Spitzensport.»

«Körper einer Frau ist eine schöne Sache»

Ähnlich äussert sich Fulvio Castelletti, technischer Präsident des Turnverbands Chiasso. «Für die Turnerinnen ist es ganz normal, den Body anzuziehen. Schliesslich ist der Körper einer Frau eine schöne Sache. Da darf man auch sehen, dass sie eine Frau ist.»Dass es im Fall des 12-jährigen Mädchens mit Mens zu einem Punkteabzug gekommen ist, sei schade. Aber man müsse sich halt an das Regelwerk halten.

Castelletti: «Ich selber habe im Kunstturnen jedenfalls noch nie gesehen, dass eine Frau Probleme gemacht hat, nur weil sie ihre Mens hatte.» Was die Frauen während ihrer Periode machten, um nicht aufzufallen? Castelletti: «Das weiss ich nicht. Das habe ich nie gefragt.»

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