«Pille danach»: Mädchen unter 16 blitzen in Apotheken ab

Aktualisiert

«Pille danach»Mädchen unter 16 blitzen in Apotheken ab

Eigentlich sollte sie rezeptfrei sein. Dennoch wollen einige Apotheken Mädchen unter 16 die «Pille danach» nicht geben. Erstaunlich, denn offiziell gibt es dafür gar keine Alterslimite.

von
Jessica Pfister
Kondom geplatzt oder sonst nicht verhütet? Dann gibt es die Möglichkeit der «Pille danach». Wer diese abgeben soll, ist bei Mädchen unter 16 Jahren allerdings unklar.

Kondom geplatzt oder sonst nicht verhütet? Dann gibt es die Möglichkeit der «Pille danach». Wer diese abgeben soll, ist bei Mädchen unter 16 Jahren allerdings unklar.

Verhütungspannen können passieren - gerade auch bei Teenagern, die im Umgang mit Kondomen oder der Pille noch unerfahren sind. Da verrutscht ihm ein Kondom, dort vergisst sie die Pille rechtzeitig einzunehmen, oder die beiden verzichten vor lauter Lust komplett auf die Verhütung. Der Schock danach lässt meist nicht lange auf sich warten - doch die Jugendlichen wissen: «Kein Problem, es gibt ja noch die ‹Pille danach›.»

Doch die Beschaffung der Notfallverhütung ist gerade für Jugendliche unter 16 Jahren verwirrend. Eigentlich ist die «Pille danach» seit 2002 rezeptfrei in den Apotheken erhältlich - gesetzlich vorgeschrieben sind ein Beratungsgespräch und die Einnahme vor Ort. Dennoch verweigern einige Apotheken Jugendlichen unter 16 Jahren die Abgabe. «Wir weisen Mädchen unter 16 Jahren an einen Arzt weiter, so wie es der Apothekerverband vorschreibt», sagt Markus Meyer Langenegger, Fachapotheker der Apotheke Meyer in Roggwil BE. Dies sei deshalb sinnvoll, weil bei jungen Mädchen das Beratungsgespräch des Apothekers nicht ausreiche. «Hier muss ein Frauenarzt die Mädchen über die Sexualität an sich aufklären.»

Im Internet auch Grenze bei 16

Ähnlich klingt es bei der Bahnhofapotheke im Hauptbahnhof Zürich. «Die offizielle Grenze für die rezeptfreie Abgabe der ‹Pille danach ist 16 Jahre›», sagt die stellvertretende Geschäftsführerin Maria Neuhäusler. In den meisten Fällen schicke man darum die jungen Mädchen an das Unispital weiter. Nur in Ausnahmefällen - nämlich dann, wenn die 72 Stunden nach dem ungeschützten Sex, in denen die Notfallverhütung spätestens eingenommen werden müsste, bald vorbei sind - würde man einer Abgabe zustimmen. «Jedoch nur, wenn wir gleichzeitig einen Termin für einen Arztbesuch danach vereinbaren.»

Doch nicht nur in den Apotheken, auch im Internet heisst es auf einigen gängigen Jugendberatungsseiten wie 147.ch von Pro Juventute oder tschau.ch von der Kinder- und Jugendförderung Infoklick: «Wenn du unter 16 Jahren bist, musst du zuerst einen Arzt konsultieren.»

«Nie eine Altersgrenze festgelegt»

Pikant: Weder die Medikamentenzulassungsstelle Swissmedic noch der Apothekerverband haben je eine solche Altersgrenze für die «Pille danach» festgelegt. «Das Präparat war für Frauen unter 16 Jahren nie rezeptpflichtig», so Swissmedic-Sprecher Daniel Lüthi.

Karl Küenzi vom Apothekerverband Pharmasuisse sagt: «Wir haben keine Altersgrenze an unsere Mitglieder kommuniziert.» Entscheidend sei laut Gesetz nicht das Alter der Frau, sondern deren Urteilsfähigkeit. Der Apotheker könne anhand von konkreten Fragen beurteilen, ob die junge Frau fähig ist, einen solchen Entscheid zu fällen. So sollte sie bei der Pille danach zum Beispiel verstehen, wie diese Pille wirkt, wie sie sie einnehmen soll und was für Nebenwirkungen auftreten können.

«Wissen, dass es Informationsbedarf gibt»

Für die Experten ist klar, dass so schnell wie möglich Klarheit geschaffen werden muss. «Es kann nicht sein, dass sogar bei vielen Fachpersonen die Meinung vorherrscht, dass die Pille danach erst ab 16 rezeptfrei ist», sagt Doris Luppa von der Beratungsstelle für Familienplanung in Aarau. Dass dadurch Jugendliche im Internet falsche Informationen erhalten, sei bedenklich. «Wenn sich zum Beispiel eine 15-Jährige nach einer Verhütungspanne an einem Sonntag im Internet nach der ‹Pille danach› erkundigt und dort liest, dass sie in ihrem Alter zuerst noch zum Arzt muss, könnte das die Hemmschwelle noch erhöhen», sagt Luppa.

Auch Bernadette Schnider, die als Sexualpädagogin der Stiftung Berner Gesundheit die Jugendlichen in der Schule aufklärt, sieht Handlungsbedarf. «Weil die Alterslimite so unterschiedlich gehandhabt wird, rate ich den Teenagern unter 16 zurzeit noch, dass sie es einfach in verschiedenen Apotheken probieren und sich sonst bei der Familienplanungsstelle melden sollen.»

Markus Gander von der Beratungsstelle tschau.ch will die Fehlinformationen zur «Pille danach» auf der Website so schnell wie möglich korrigieren, appelliert aber auch an die Behörden, nun genaue Richtlinien aufzustellen. «Wir haben uns - genauso wie viele Apotheken - mit der Alterslimite von 16 Jahren rechtlich absichern wollen, weil es bisher noch keinen Präzedenzfall gab.»

«Recht auf korrekte Informationen»

Bei der Stiftung für sexuelle Gesundheit Schweiz hat man das Problem erkannt und will handeln: «Wir wissen, dass es bei der Pille danach Informationsbedarf in Sachen Alterslimite gibt», sagt Christine Sieber. Die Stiftung sei in Zusammenarbeit mit dem Apothekerverband daran, konkrete Richtlinien zu erarbeiten und diese in den nächsten Monaten den Fachleuten sowie der Bevölkerung zu kommunizieren. Sieber stellt klar: «Jugendliche und Erwachsene haben ein Recht auf korrekte Informationen, sowohl über die üblichen als auch über die Notfallverhütungsmittel.»

Nachfrage seit 2010 konstant

Laut Karl Küenzi vom Schweizerischen Apothekerverband ist die Anzahl abgegebner Packungen der «Pille danach» in der Schweiz seit 2010 relativ konstant geblieben, nachdem sie seit der rezeptfreien Abgabe 2002 von 8000 auf rund 100 000 Packungen im Jahr 2009 gestiegen ist. «Wir schätzen, dass etwa jede zehnte Frau zwischen 20 und 39 Jahren einmal im Jahr die ‹Pille danach› nimmt», so Küenzi. Weil es mit Norlevo Uno nur noch ein Produkt auf dem Markt gebe, dürfe man keine konkreten Umsatzzahlen mehr nennen.

Norlevo Uno, wird von Novartis-Generikatochter Sandoz produziert. Die genaue Wirkungsweise des Medikaments ist laut Angaben des Herstellers nicht bekannt, es wird jedoch angenommen, dass der Eisprung unterdrückt sowie die Befruchtung und Einnistung verhindert wird. (jep)

Ab welchem Alter ist man urteilsfähig?

Bei der Abgabe der «Pille danach» ist die Urteilsfähigkeit ausschlaggebend. Diese richtet sich laut Zivilgesetz nicht nach einer bestimmten Altersgrenze. In der Regel geht man davon aus, dass Jugendliche ab einem Alter von etwa 13 bis 14 jahren urteilsfähig sein können. Ist dies der Fall haben sie ein Recht darauf, dass der Arzt, beziehungsweise der Apotheker niemanden von ihrem Gespräch berichtet.(jep)

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