Aktualisiert 08.03.2013 09:42

Schwaches Geschlecht«Mädchen werden dazu ermutigt, Angst zu haben»

Frauen sind deutlich ängstlicher als Männer. Das zeigt eine Umfrage von 20 Minuten Online. Warum das so ist, erklärt der Psychiater Dr. Michael Rufer.

von
Blerina Selmani

Spinnen, Schlangen, Kakerlaken – das sind drei von vielen Viechern, die den Grossteil der weiblichen Leserinnen im Nullkommanix aus einem Raum vertreiben können. Aber sind das schon die grössten Ängste, die Frauen plagen? In einer gross angelegten Umfrage wollten wir von unseren Usern wissen: Wovor fürchten Sie sich am meisten? Ist es der Tod eines geliebten Menschen? Das Älterwerden? Impotenz? Haarausfall? In der Diashow oben sehen Sie die Antworten von Mann und Frau.

Was ins Auge sticht: Frauen sind die grösseren Schisser. Wie die Frage auch immer lautete, ob Tiere, Ärzte, Höhen oder Tiefen: Frauen fürchten sich mehr. Liegt es in der Natur der Frau, dass sie ängstlicher ist? Ist Furcht ein Nachteil? Wir haben bei einem Experten auf dem Gebiet, Dr. Michael Rufer (siehe Box), nachgefragt.

Sind Frauen wirklich ängstlicher als Männer?

Dr. Michael Rufer: Ja, das ist so. Warum genau, kann jedoch nicht nachgewiesen werden. Es gibt verschiedene Hypothesen. Eine davon ist beispielsweise, dass Frauen schon als kleine Mädchen ängstlich sein dürfen. Die Angst ist sozusagen ein Erziehungseffekt. Bei Jungs wird eher verlangt, dass sie sich ihren Ängsten stellen und sich furchtlos zeigen. Mädchen werden von klein auf schon fast dazu ermutigt, ängstlich zu sein.

Liegt es in der Natur der Frau, dass sie als «schwaches Geschlecht» mehr Angst hat?

Dies ist ein anderer Erklärungsversuch, warum Frauen ängstlicher sind als Männer; die Frau kümmert sich um die Familie, behütet sie. Da ist es von Vorteil, wenn sie zum Schutz der Familie ängstlicher und somit auch vorsichtiger als der Mann ist. Der Mann geht auf die Jagd, die Frau beschützt die Kinder.

Sind die Schweizer im Allgemeinen ängstlicher als die Menschen anderer Nationen?

Nein. Was man sagen kann, ist, dass die Schweizer sehr behütet und sicher aufwachsen. Dass sie dadurch aber ängstlicher sind, würde ich nicht behaupten.

Entwickeln Menschen mit dem Alter mehr oder weniger Angst?

Nein, die Angst bleibt in etwa immer gleich gross. Was sich aber ändert, sind die Themen: Als Kleinkind hat man vielleicht die grösste Angst vor dem Zahnarzt, im Alter ist es die Angst vor finanziellen Problemen.

Ist die gesunde Angst, die Gefahr signalisiert, eine gute Eigenschaft?

Das ist nicht nur eine gute, sondern eine überlebenswichtige Eigenschaft. Menschen ohne Ängste sterben aufgrund ihres Risikoverhaltens früher.

Ist eine Therapie notwendig, um Ängste zu überwinden?

Nein, man kann seine Ängste auch alleine in den Griff bekommen und das würde ich auch als erste Massnahme empfehlen. Es gibt zahlreiche Anleitungen in Büchern oder im Internet.

Gibt es Menschen, die gar keine Angst haben?

Ja, die gibt es. Das kann zum einen durch eine Hirnerkrankung verursacht werden, zum anderen kann es eine Charaktereigenschaft sein. Die Furchtlosigkeit birgt aber Nachteile, da das Risiko nicht erkannt und dementsprechend nicht vorsichtig gehandelt wird, was die betreffenden Personen das Leben kosten könnte.

Was ist Ihre grösste Angst? Und was glauben Sie, warum Männer furchtloser sind als Frauen? Schreiben Sie Ihre Meinung ins Kommentarfeld!

Dr. med. Michael Rufer ist stellvertretender Klinikdirektor in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsspitals Zürich.

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