Aktualisiert 19.06.2020 08:20

Hate Crime

Drei Männer attackierten Zürcher LGBTQ+-Model im Zug


Miruh Frutiger wurde im Zug von einer Gruppe Männer angegriffen. Grund dafür sei sein Äusseres gewesen, sagt Frutiger. Ein Politiker und LGBTQ+-Organisationen wollen dem Hate Crime ein Ende setzen.

von
Bettina Zanni

Darum gehts

  • Das Model Miruh Frutiger bezeichnet sich als gender-neutral-androgyn.
  • Kürzlich wurde Frutiger im Zug von einer Männergruppe attackiert.
  • SP-Nationalrat Angelo Barrile will mit einem nationalen Aktionsplan gegen LGBTQ+-feindlichen Hate Crime durchgreifen.

Seine Beine sind lang, der Körper grazil. Die Haare trug er einmal lang. Auf dem Laufsteg überzeugt Miruh Frutiger als Mann oder Frau. Anstatt Bewunderung schlug dem Zürcher Model, das sich als gender-neutral-androgyn definiert, kürzlich aber viel Hass entgegen. Passiert sei es am Samstag, als er nach dem Besuch einer Vernissage in Genf in den Zug nach Zürich gestiegen sei, berichtet der 24-Jährige (siehe Video).

«Im ansonsten leeren Zug setzten sich drei Männer in mein Abteil und begannen, mich auf Französisch zu beleidigen.» Er habe eine Kuhfelljacke und ein Crop Top getragen. «Die Männer beleidigten mich wegen meiner Jacke und meines Tops auf eine sexistische Art und Weise.»

«Meine Nase blutete stark»

Er habe die Männer ignoriert, so Frutiger. Dennoch hätten sie ihn weiter provoziert. «Einer der Männer wurde richtig laut und schrie mich an.» An einer Zwischenstation seien die Männer ausgestiegen. «Vorher packten sie aber noch meine Reisetasche und taten so, als würden sie sie klauen.» Als er ihnen die Tasche aus der Hand genommen habe, hätten sie ihn attackiert. «Sie schlugen mit Fäusten auf meinen Kopf und mein Gesicht ein.»

Verletzt liessen sie Frutiger im menschenleeren Zug zurück. «Meine Nase blutete stark, meine Oberlippe war verletzt, am Kopf hatte ich eine Beule. Dazu kam eine Zahnfraktur.» Bei der nächsten Zwischenstation seien zwei Mädchen eingestiegen, die ihm geholfen hätten. «Sie stützten mich und stoppten die Blutung.» Einem Mädchen sei einer der mutmasslichen Täter bekannt gewesen. «Am 16. Juni erstattete ich bei der Stadtpolizei Zürich Anzeige gegen ihn.» Die Stapo Zürich bestätigt, dass eine Anzeige eingegangen ist. Laut Mediensprecherin Judith Hödl laufen die Ermittlungen in alle Richtungen.

LGBTQ+-Menschen werden immer wieder Opfer von Attacken. Etwa im Zürcher Nachtleben sind Schwule vor Pöbeleien nicht gefeit. SP-Nationalrat Angelo Barrile fordert im Kampf gegen Hate Crime nun griffige Massnahmen. In einem Vorstoss beauftragt er den Bundesrat, einen nationalen Aktionsplan zur Verminderung LGBTQ+-feindlicher Hate Crimes und Gewalt zu erarbeiten. Dank dem Plan sollen Opfer auf kantonaler und kommunaler Ebene einfacheren Zugang zu Hilfsangeboten und Rechtsmitteln erhalten.

Gesellschaft mit einem «Machoproblem»

Umfassen soll der Plan auch präventive Massnahmen gegen Gewalt und feindliche Einstellungen. Dazu zählt ebenso die Täterarbeit. «Ein solcher Aktionsplan ist ein längst fälliger Schritt. Wird jetzt wieder nichts unternommen, ist dies ein Schlag ins Gesicht aller Opfer», so Barrile, der selber homosexuell ist. Da das Volk im Februar die Erweiterung der Anti-Rassismus-Strafnorm mit einer klaren Mehrheit annahm, rechne er auch für dieses Anliegen mit einer breiten Unterstützung in der Bevölkerung.

2019 wurden Pink Cross, dem Dachverband der schwulen und bisexuellen Männer, 66 Fälle von Hate Crime gemeldet. Das sind rund 50 Prozent mehr als im Vorjahr. «Die Dunkelziffer bei diesen Zahlen ist aber hoch», sagt Geschäftsführer Roman Heggli. «Leider sind Hass und Gewalt gegen Menschen, die nicht geschlechterkonform aussehen, immer noch alltägliche Realität.» Auch sie sollten keine Angst haben dürfen, auf die Strasse zu gehen.

«Riesiger Staatsapparat ist übertrieben»

«Es braucht nun einen nationalen Aktionsplan gegen Hate Crimes. Die Politik verschloss zu lange die Augen vor dem Problem», so Heggli. Dabei müsse auch das Machoproblem unserer Gesellschaft angegangen werden. «Gewisse Männer fühlen sich in ihrer Männlichkeit bedroht und ‹wehren› sich mit Gewalt, wenn ihnen ein etwas feminin gekleideter Mann begegnet.» Deshalb müssten alternative Rollenbilder vermittelt werden.

Bei bürgerlichen Politikern trifft der Vorstoss nicht auf Gegenliebe. Attacken gegen LGBTQ+-Menschen passierten selten und er verurteile diese auch ganz klar, sagt SVP-Nationalrat Walter Wobmann. Medial würden «Einzelfälle hochgekocht». «Es ist übertrieben, dafür einen riesigen Staatsapparat aufzubauen.» Laut Wobmann gibt es bereits genügend Möglichkeiten für Opfer, um sich gegen Hate Crime zu wehren. «Sollten Lücken bestehen, müssen diese durch das jetzige Angebot und nicht durch einen nationalen Aktionsplan geschlossen werden.»

LGBT+

Die Abkürzung LGBT umfasst Menschen mit unterschiedlichen sexuellen Orientierungen und Geschlechtsidentitäten. Gemeinsam ist ihnen, dass sie von der heterosexuellen Norm abweichen. LGBT steht für Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender. Oft wird der Begriff durch weitere Abkürzungen wie Q für Queere, I für Intersex und A für Asexual erweitert (LGBTQIA).

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