Aktualisiert 19.05.2020 08:33

Prostituierte kämpft gegen Lockerungen

«Männer drängen uns, wieder anschaffen zu gehen»

Lara* (34) arbeitet seit über zehn Jahren als Prostituierte. Seit Mitte März steht ihre Branche still. Nun drängen Bordellbetreiber und Freier auf eine rasche Öffnung. Lara ist dagegen – sie fürchtet um die Gesundheit der Frauen und Kunden.

von
Julia Ullrich
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Lara* (34) arbeitet seit über zehn Jahren als Prostituierte.

Lara* (34) arbeitet seit über zehn Jahren als Prostituierte.

privat
Seit Mitte März steht das Rotlichtmilieu allerdings still. Prostitution ist gemäss Corona-Verordnung noch immer verboten. (Symbolbild)

Seit Mitte März steht das Rotlichtmilieu allerdings still. Prostitution ist gemäss Corona-Verordnung noch immer verboten. (Symbolbild)

KEYSTONE
«Die Bemühungen der letzten Jahre, Prostitution in ein geregeltes Umfeld zu verlagern, werden um Jahre zurückgeworfen, wenn Etablissements aufgrund der Schliessung Konkurs gehen», sagt etwa S. K.*, die zwei BDSM-Studios besitzt.

«Die Bemühungen der letzten Jahre, Prostitution in ein geregeltes Umfeld zu verlagern, werden um Jahre zurückgeworfen, wenn Etablissements aufgrund der Schliessung Konkurs gehen», sagt etwa S. K.*, die zwei BDSM-Studios besitzt.

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Darum gehts

  • Die 34-jährige Lara setzt sich gegen eine Lockerung im Rotlichtmilieu ein, obwohl sie selbst als Prostituierte arbeitet.
  • Sie argumentiert, dass die Frauen bewusst dem Virus ausgesetzt werden und die von den Bordellen vorgeschlagene Schutzkonzepte kaum umsetzbar wären.
  • Bereits jetzt erhalte sie täglich Anrufe von Freiern, die sie zum Sex überreden wollten. Dabei sind mehrere ihrer Kunden in der Risikogruppe.
  • Auch den finanziellen Engpass einiger ihrer Arbeitskolleginnen kann Lara nicht nachvollziehen. Ihr bleibe dank der Corona-Entschädigung für Selbständigerwerbende fast genauso viel zum Leben wie vor der Coronakrise.

«Die Bordellbetreiber klagen in den Medien über ihre Situation und fordern in einer Petition, ihre Salons wieder öffnen zu dürfen. Wir Frauen, die ihnen das Geld heranschaufeln sollen, werden dabei mit keinem Wort erwähnt!», schimpft Lara*. Die 34-Jährige arbeitet bereits über ein Jahrzehnt als Sexarbeiterin und setzt sich gegen eine Lockerung der Coronavirus-Massnahmen im Rotlichtmilieu ein. «Ohne mit der Wimper zu zucken sollen Sexarbeiterinnen den enormen Gefahren des Virus ausgesetzt werden. Bei jeder Ladenkasse schützt inzwischen eine Glasscheibe die Kassierer vor einer Tröpfcheninfektion – wir aber werden gedrängt, ohne ausreichenden Schutz Kunden zu empfangen», so die Ostschweizerin.

Druck im Sexgewerbe

Lara arbeitet als selbstständige Prostituierte, daher hält sich der Druck, wieder arbeiten zu gehen, für sie in Grenzen. Andere Sexarbeiterinnen haben aber aus finanzieller Not kaum eine andere Wahl: Weil sie den Bordellbetreibern hohe Teile ihres Einkommens für Essen und Logis abgeben müssen, sind sie eher bereit, die Arbeit wieder aufzunehmen und sich dem Risiko einer Infektion auszusetzen. «Wenn Personen auf Kulanz und Goodwill von Arbeitgebenden oder Kunden angewiesen sind, steigt das Risiko einer späteren Ausbeutung, weil argumentiert werden könnte, dass sie nun etwas schuldig sind», erklärt Lelia Hunziker, Geschäftsführerin der Fachstelle für Frauenhandel und Frauenmigration (FIZ). Es sei daher sehr wichtig, dass die Personen alternative Unterstützung bekommen und bald wieder legal gearbeitet werden darf, so Hunziker.

Tatsächlich setzen sich seit den Lockerungen des Lockdowns mehrere Bordellbesitzer für eine Öffnung mit Schutzkonzepten ein. «Man könnte einfach alle Frauen jeden Tag und sämtliche Gäste mit Corona-Schnelltests testen», sagte etwa Ingo Heidbrink, zu dessem Bordell-Imperium unter anderem das «Globe» in Schwerzenbach gehört. Eine weitere Idee war die Arbeit mit Schutzmasken. Auch Staranwalt Valentin Landmann beteiligte sich an der Diskussion und verlangte eine Öffnung der Erotiksalons auf Juni: «Kein Gewerbe darf über die absolute Notwendigkeit hinaus eingeschränkt werden, auch das Rotlichtmilieu nicht.»

«Ein Freier kommt für Sex ins Bordell, nicht für eine Massage»

Lara hält von diesen Vorschlägen allerdings nichts. Sie fragt sich: «Ist unsere Gesundheit denn wirklich so wenig wert? Herr Landmann vertritt die Interessen der Bordelle, nicht die der Frauen.» Wenn man mit einem Kunden eine Stunde in einem geschlossenen Zimmer sei, bringe die Maske sowieso nichts. Zudem würden die Stammgäste die Maske nicht akzeptieren, da wichtige Dienstleistungen wie Küssen oder Oralverkehr damit unmöglich seien.

«Einige Freier akzeptieren schon den Gummi beim Geschlechtsverkehr kaum – eine Maske würde nie funktionieren.»

Auch eine schrittweise Öffnung, etwa durch das Angebot von erotischen Massagen, hält Lara für verfrüht. «Ein Freier geht wegen dem Sex ins Bordell, nicht für eine Massage.» Für Lara ist klar: «Es bleibt nicht beim Handjob. Für viele meiner Kunden bin ich wie eine Freundin, da wird so lange auf einen eingeredet, bis man die anderen Sachen doch macht. Einige Freier akzeptieren schon den Gummi beim Geschlechtsverkehr kaum eine Maske würde nie funktionieren.»

Schon jetzt erhält Lara täglich Anrufe von Kunden, die sie zum Sex überreden wollen. Mit Argumenten wie «Tattostudios dürfen doch auch öffnen», «ich bin gesund, du ja auch» oder «ich hatte das Virus schon, kann dich also nicht anstecken», versuchen sie, die Frau zu einem Treffen zu überreden. «Einer meiner Kunden ist 76 Jahre alt. Er ruft mich wöchentlich an und fragt, wann wir uns endlich wiedersehen, und klagt über seine Einsamkeit und dass er menschliche Nähe brauche. Ich fühle mich dann immer wie ein Moralapostel, wenn ich ihm erklären muss, dass es zurzeit einfach nicht möglich ist – auch ihm zuliebe.»

«Wer ordentlich Steuern zahlt, kann die Coronakrise gut überstehen»

Über die Hälfte ihrer Kundschaft sei über 40 Jahre alt, ein Drittel befinde sich gar in der Risikogruppe. «Wenn ich mich infiziere, würde ich im Schnitt zehn Freier anstecken. In grösseren Bordellen ist die Zahl noch um einiges höher.» Lara hat daher für sich entschieden, dass sie erst wieder arbeiten gehe, wenn sie sich selbst sicher fühle. «Selbst wenn der Bundesrat es vorher wieder erlauben sollte», fügt sie an.

Auch den finanziellen Engpass einiger ihrer Arbeitskolleginnen kann die Ostschweizerin nicht nachvollziehen. Da sie ihre Einkünfte immer ordentlich versteuert habe, erhalte sie vom Bund die Corona-Entschädigung für Selbständigerwerbende. «Zu Gucci shoppen gehen liegt momentan nicht drin, aber wir bekommen 80 Prozent unseres Lohnes. Wer seine Steuern richtig angegeben hat, dem geht es jetzt gleich wie allen anderen in der Gastrobranche oder in der Kurzarbeit. Daher kann man die Coronakrise eigentlich gut überstehen.»
*Name geändert.

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