Aktualisiert 22.03.2016 13:01

Lebenserwartung«Männer haben verlernt, das Leben zu geniessen»

Männer leben in Zukunft länger als bisher angenommen. Während Männer immer gesünder leben, lassen es die Frauen krachen.

von
D. Pomper
Ein Mann, der noch weiss, wie man richtig auf den Putz haut: Rockmusiker Chris von Rohr.

Ein Mann, der noch weiss, wie man richtig auf den Putz haut: Rockmusiker Chris von Rohr.

Saufen, rauchen, wenig Sport. Jahrelang hiess es, Männern stehe wegen ihres ungesunden Lebensstils ein deutlich kürzeres Leben bevor als Frauen. Doch nun zeigen die neusten Prognosen des Bundesamts für Statistik: Die Lebenserwartung, die einem 65-jährigen Mann heute bleibt, wurde innert fünf Jahren bereits von 18.93 auf 19.77 Jahre hinaufgesetzt. Diese Entwicklung bereitet den Pensionskassen Sorgen, wie der «Tages-Anzeiger» berichtet. Seit 1900 stieg die Lebenserwartung von 46,2 auf 81,0 Jahre für die Männer und von 48,8 auf 85,2 Jahre für die Frauen. Der Unterschied zwischen beiden Geschlechtern verringert sich seit Jahren und betrug im Jahr 2014 noch 4,2 Jahre. Denn Frauen haben sich nicht im selben Mass gesteigert.

«Männer leben heute gesünder», sagt Präventivmediziner David Fäh an der Universität Zürich und der Berner Fachhochschule. Der Lebensstil von Männern und Frauen gleiche sich zunehmend an. Heute rauchen immer noch mehr Männer als Frauen, der Unterschied hat aber vor allem bei den Jungen abgenommen. Auch der Unterschied bei Lungenkrebs wird geringer. Bei den Männern ist Lungenkrebs in den letzten 25 Jahren etwa gleich häufig geblieben, während er bei den Frauen stark zugenommen hat. Auch suchten Männer heute wahrscheinlich eher den Arzt auf: «Es ist nicht mehr so, dass Männer als Weichlinge gelten, wenn sie früh zum Arzt gehen», sagt Fäh. So könnten Krankheiten frühzeitig erkannt und behandelt werden.

Derweil bleiben Rauchen und Trinken bei Frauen verbreitet, stellt Fäh fest. «Die klassischen Geschlechterrollen haben sich aufgeweicht. Gerade bei vielen junge Frauen ist die Hemmschwelle niedrig, weil es die Männer schliesslich auch tun.» Auch weibliche Popstars wie Miley Cirus vermittelten das Bild: Wer cool sein und dazugehören will, raucht und trinkt. Deshalb glaubt der Arzt, dass sich die Lebenserwartung von Mann und Frau weiter angleichen wird, auch weil Tabak und Alkohol den Frauen mehr schaden als den Männern.

«Zu viel Kopf und zu wenig Abenteuer»

Was bedeutet es eigentlich für Wirtschaft und Gesellschaft, wenn Männer immer älter werden? «Die Altersvorsorge steht vor neuen Herausforderungen», sagt Fäh. Doch die Entwicklung biete auch grosse Chancen: «Privat können Männer den letzten Lebensabschnitt dazu nutzen, sich vermehrt um ihre Enkelkinder zu kümmern oder lange gehegte Träume in Erfüllung gehen zu lassen.» Auf wirtschaftlicher Ebene müsse es neue Konzepte geben: «Das Wissen und die Erfahrung älterer Menschen müssen der Gesellschaft verfügbar gemacht werden. Wenn man 65-Jährige einfach ausmustert, geht ein riesiges Know-how verloren.» Das könnten wir uns nicht leisten.

Rockmusiker Chris von Rohr findet diese Entwicklung bedauerlich: «Viele Männer haben verlernt, das Leben zu geniessen. Da ist oft zu viel Kopf und zu wenig Abenteuer. Sicherheit geht vor Freiheit.» Wenn er junge Männer beobachte, die den gesunden Lebensstil – keine Drogen und Alkohol, dafür regelmässiges Muskeltraining – zelebrierten, beginne er zu gähnen. Dass es wenigstens die Frauen noch krachen lassen, freut von Rohr: «Bitte vermehrt euch! Ihr verlängert unser Leben.»

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