Aktualisiert 14.07.2009 07:09

Lügenforscher packt aus«Männer lügen 20 Prozent mehr als Frauen»

Männer sind Autoexperten, im Job erfolgreich und potent. Frauen haben treue Ehemänner, sind schlank und ewig jung. Würde es die Lüge nicht geben, das Leben wäre nicht mehr so vollkommen. Denn die Wahrheit sieht bei Frauen und Männern ganz anders aus, sagt der österreichische Lügenforscher Peter Stiegnitz im Interview mit 20 Minuten Online.

von
Annette Hirschberg

20 Minuten Online: Wer lügt mehr, Männer oder Frauen?

Peter Stiegnitz: Ganz klar die Männer. Sie erzählen etwa 20 Prozent mehr Unwahrheiten als die Frauen.

Und wieso sind die Männer die viel grösseren Lügner?

Sie sind weniger bereit die Wirklichkeit so zu akzeptieren, wie sie ist. Die Frauen sind sich selbst gegenüber ehrlicher und haben eine bessere Beziehung zu sich und ihrem Körper. Darum müssen sie weniger lügen.

Was sind denn die typischen Lügen der Männer?

An oberster Stelle steht ihr Wissen über Autos. Jeder Mann gibt an, vom eigenen Auto, seiner Technik, Wirtschaftlichkeit und Effizienz alles zu verstehen. Und natürlich ist er auch ein Experte aller restlichen Marken und Modelle. Männer protzen fast immer mit einem Technik-Wissen, das sie gar nicht haben. Aber sie lügen auch, was die Marke anbetrifft. So steht bei ihnen zu Hause vielleicht ein VW, in ihren Erzählungen fahren sie aber einen Mercedes oder BMW.

Wieso gerade das Auto?

Das eigene Fahrzeug steht für Potenz, nicht nur in sexueller Hinsicht, sondern auch in Bezug auf das Männliche. Das heisst, je grösser ihr Wissen und je stärker ihr Auto, desto männlicher fühlen sie sich. Das gilt natürlich vor allem für ältere Männer etwa ab 40, die in Bezug auf ihre Männlichkeit unsicher werden.

Was kommt danach?

An zweiter Stelle steht der Job. Es gibt kaum einen Mann, der zugibt, ein kleines Rädchen im Betrieb zu sein. Jeder, der von seiner Arbeit erzählt, macht sich selbst so bedeutend wie den Generaldirektor. Dabei lügt fast jeder Mann derart unverschämt, dass er selbst fast schon daran glaubt.

Der Mann lügt, um ein besseres Ich zu erschaffen?

Man könnte eher sagen, die Lüge ist eine bewusst gesetzte Abwendung von der Wirklichkeit.

Wo sonst wendet Mann sich von der Wirklichkeit ab?

Im Sport. Männer übertreiben gern, was ihre sportlichen Aktivitäten am Wochenende betrifft. So war er in seinen Erzählungen etwa Joggen, Tennis spielen und stand natürlich auch auf dem Golfplatz. In Wirklichkeit sass er aber den ganzen Tag vor dem Fernseher.

Und wie sieht es mit dem Seitensprung aus?

Grundsätzlich prahlen Männer gern gegenüber anderen Männern mit ihren Seitensprüngen. Vor einigen Jahren hatte fast jeder ältere Mann in seinen Erzählungen eine 18-jährige Freundin. Nur wenige gab es wirklich. Das kommt heute seltener vor, aber kein Mann gibt zu, monogam zu sein. Das hält er immer noch für eine Potenzschwäche.

Wobei lügen denn Frauen am meisten?

Besonders Frauen über vierzig nehmen es mit ihrem Gewicht und Alter nicht gern genau. Sie machen sich jünger und schlanker und belügen damit vor allem sich selbst und ihre Freundinnen.

Wo liegt ihre zweite Schwäche?

In der Treue ihres Ehemanns. Da weiss die halbe Stadt, dass er eine andere hat. Die Frau ignoriert aber alle Anzeichen geflissentlich, belügt sich selbst. Denn so eine Frau wie sie kann man nicht betrügen.

Gilt diese Blindheit auch für die eigenen Kinder?

Auf jeden Fall. Auch diese sind unfehlbar, die schönsten und erfolgreichsten – egal was für Versager sie in Wirklichkeit sind. Die Frau ist sehr prestigebewusst. Das ist ihr wichtiger als den Männern, denn sie ziehen immer noch einen Teil ihrer persönlichen Bestätigung aus dem Prestige ihres Mannes und ihrer Kinder.

Kann man denn auch sagen, dass ältere Menschen mehr lügen als jüngere?

Ab 40, 45 nimmt die Lüge klar zu, weil die Menschen sich schwächer fühlen. Je ängstlicher und schwächer jemand sich fühlt, umso mehr lügt er.

Und wer lügt mehr, Katholiken oder Protestanten?

In protestantischen Ländern wie der Schweiz lügen die Menschen einen Drittel weniger als in katholischen wie Österreich.

Wieso das?

Das liegt zum einen an der Beichte. Lügt ein Katholik, geht er am Sonntag hin und beichtet. Der Protestant kann das nicht tun. Andererseits wurden katholische Länder von Adel und Klerus regiert. Da war lügen normal. In protestantischen Ländern hingegen regierte der Bürger. Ehrlichkeit untereinander war da oberstes Gebot.

Der Schweizer soll dem Österreicher also nicht alles glauben?

Das kann man so sagen. Besonders in Wien wird wohl so viel gelogen wie kaum woanders in Europa. Neben dem katholischen Glauben kommt dort noch das Laisser-faire-Denken hinzu. Da wird so viel unter den Teppich gekehrt, dass dieser schon Wellen wirft.

Und die Schulbildung: Lügen Akademiker weniger als ungelernte Arbeitnehmer?

Nein, genau umgekehrt. Je höher meine Bildung, je mehr Verantwortung, Aufgaben und Geld ich habe, umso grösser ist meine Angst zu versagen. Darum lüge ich umso mehr. Je weniger ich habe, mache, bin, desto weniger muss ich lügen.

Gibt es denn Menschen, die gar nie lügen?

Nein, wer das behauptet, lügt. Die Lüge gehört zu uns. Wichtig ist, dass uns die Lügen bewusst sind und dass sie harmlos sind. Denn mit unseren Unwahrheiten dürfen wir andere nicht schädigen. Solche schweren Lügen wie Mobbing, Betrug und Ähnliches sind aber selten. Sie machen nur etwa vier bis fünf Prozent aller Lügen aus.

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