Aktualisiert 06.07.2016 14:34

Kleinkind-ErzieherMänner meiden wegen Pädophilen-Image Kita-Job

Nur wenige Männer arbeiten als Kleinkind-Erzieher in Kitas. Laut Fachpersonen spielt oft das Vorurteil der Pädophilie eine Rolle.

von
B. Zanni
Verschwindend klein ist die Zahl der männlichen Kinderbetreuer. Lediglich acht Prozent Männer arbeiten in der familien- und schulergänzenden Kinderbetreuung.

Verschwindend klein ist die Zahl der männlichen Kinderbetreuer. Lediglich acht Prozent Männer arbeiten in der familien- und schulergänzenden Kinderbetreuung.

Kein Anbieter/Colourbox.com

Märchen erzählen, Kinder wickeln und trösten: Das TV-Publikum erhielt am Montagabend in der Serie «Mini Lehr und Ich» Einblick in den Alltag des Kleinkinderziehers Basil Zeier. So selbstverständlich wie er seinen Job in der TV-Sendung des Schweizer Radios und Fernsehens ausführt, geht beinahe vergessen: Mit seiner Berufswahl gehört der junge Mann noch immer zu einer kleinen Minderheit. Lediglich acht Prozent Männer arbeiten laut Savoir Social, der Schweizerischen Dachorganisation der Arbeitswelt Soziales, in der familien- und schulergänzenden Kinderbetreuung.

Auch bei den neu abgeschlossenen Lehrverhältnissen als Fachperson Kinderbetreuung übertreffen die Frauen mit 85 Prozent die Männer deutlich. Nadine Hoch, Geschäftsleiterin des Verbands Kinderbetreuung Schweiz, bestätigt: «Kinderbetreuung ist nach wie vor ein weiblicher Beruf.»

«Missbrauchsvorwürfe sind einfach»

Was schreckt Männer davon ab? «Männliche Kinderbetreuer stehen unter dem Generalverdacht sexueller Übergriffe», sagt Hoch. Das spürten mehrere Kitas im Alltag. «Eltern fragen nach, ob man für das männliche Personal etwa beim Wickeln bestimmte Vorkehrungen getroffen hat.»

In den Kitas gelten laut Hoch aber für das gesamte Personal dieselben Regeln (siehe Box). Teilweise habe auch das weibliche Personal Mühe, wenn es darum gehe, männliche Kollegen ins Team aufzunehmen. «Sie fürchten sich vor diesen Generalverdachtsdiskussionen mit den Eltern.»

Schräge Blicke

Michel Craman, Präsident des Männervereins Mannschaffft, spricht von einer unterschwelligen Diskriminierung. «Sobald sich ein Mann um ein Kind kümmert, das nicht sein eigenes ist, unterstellen ihm viele Menschen hinter vorgehaltener Hand, pädophil zu sein.»

Durch das Vorurteil könnten Eltern in einer Kinderkrippe einem Betreuer einfach Missbrauchsvorwürfe machen. «Die Angst, rechtlich in die Pfanne gehauen zu werden, ist bei den Männern gross.» Craman hat als mehrfacher Grossvater grosse Freude an Kindern. Gerne würde er einmal pro Woche in einer Kinderkrippe arbeiten. Die Vorurteile hielten ihn davon ab. «Ich werde ja schon komisch angeschaut, wenn ich mit einem kleinen Kind auf der Strasse rede.»

«Ein Küsschen genügt»

Franz Loser, Fachmann Betreuung in der Kita Pusteblume, hat nur positive Erfahrungen mit Eltern gemacht. «Wenn in den Medien aber wieder über Pädophile berichtet wird, fühle ich mich manchmal unwohl, weil mich Leute deshalb in diese Ecke stellen könnten», sagt der 25-Jährige. Gegenüber den Kindern verhalte er sich überlegter als seine weiblichen Kolleginnen. «Beim Kennenlernen warte ich, bis das Kind auf mich zukommt.» Seine Kolleginnen gingen offener damit um und schlössen die Kleinen eher in die Arme.

Manchmal geben die Kinder Loser ein Küsschen auf die Hand oder Backe. «Ich nehme es gerne entgegen und lasse es dann dabei.» Etwas schwierig sei es für ihn auch, wenn ein Kind einfach so auf seinem Schoss sitzen wolle. «Auf Eltern, die mich noch nicht gut kennen, könnte das einen verdächtigen Eindruck machen.»

Aber auch Klischees machen den Beruf für Männer unattraktiv. «Dass nur Weicheier in der Kinderbetreuung arbeiten, ist eines der Vorurteile», sagt Hoch vom Verband Kinderbetreuung. Ein weiteres sei, dass es für Kinderbetreuung keine Ausbildung brauche. Mütter könnten ihre Kinder ja auch ohne Ausbildung erziehen. «Der Beruf ist folglich mit einer geringen Wertschätzung verbunden.»

Küssen verboten

Der «Verhaltenskodex in Bezug auf sexuelle Gewalt für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Kindertagesstätten» schreibt vor, für das Wickeln eines Kindes eine zweite Person zu informieren. Die Türe zum Wickelraum bleibt offen. Auf das WC begleiten die Mitarbeitenden das Kind nur, wenn es Hilfe benötigt. Dies werde mit den Eltern abgesprochen.

Fieber misst das Personal wenn immer möglich im Ohr. Muss das Fieber rektal gemessen werden, nimmt dies die Gruppenleitung entweder in Anwesenheit einer weiteren Person oder im Gruppenzimmer vor oder andere Anwesende werden informiert. Untersagt ist das Küssen von Kindern.

Am Kopf oder an der Hand wird es nur gestreichelt, wenn es dies ausdrücklich wünscht. Beim Baden im Sommer im Garten tragen die Kinder Badekleider. Sonstiges Baden und Duschen erfolgt nur in Ausnahmefällen und in Absprache mit den Eltern. Fotografieren für private Zwecke ist verboten.

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