Aktualisiert 23.06.2017 09:52

BodyshamingMänner ohne Muskeln meiden die Badi

Weil sie ihren Körper nicht schön finden, getrauen sich viele nicht in die Badi. Vor allem junge Menschen sind davon betroffen, darunter auch zunehmend Männer.

von
J. Furer
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Nicht alle getrauen sich, in die Badi zu gehen – weil sie mit ihrem Körper unzufrieden sind. (Symbolbild)

Nicht alle getrauen sich, in die Badi zu gehen – weil sie mit ihrem Körper unzufrieden sind. (Symbolbild)

Keystone/AP
Heinrich von Grünigen, Präsident der Schweizerischen Adipositas-Stiftung (SAPS), kennt das Phänomen: «Viele Leute wagen es nicht, baden zu gehen, weil sie mehr auf den Rippen haben.» Das sei eine Folge der gesellschaftlichen Debatte über Schönheitsideale.

Heinrich von Grünigen, Präsident der Schweizerischen Adipositas-Stiftung (SAPS), kennt das Phänomen: «Viele Leute wagen es nicht, baden zu gehen, weil sie mehr auf den Rippen haben.» Das sei eine Folge der gesellschaftlichen Debatte über Schönheitsideale.

Keystone/Laurent Gillieron
«Es gilt leider immer noch die Devise: Wer nicht schlank ist, ist nicht schön», so von Grünigen. Deshalb würden sich einige einreden, dass sie sich nicht zeigen dürfen, wenn sie nicht den Idealen der Gesellschaft entsprechen.

«Es gilt leider immer noch die Devise: Wer nicht schlank ist, ist nicht schön», so von Grünigen. Deshalb würden sich einige einreden, dass sie sich nicht zeigen dürfen, wenn sie nicht den Idealen der Gesellschaft entsprechen.

Keystone/Walter Bieri

Das Sommerwetter lockt die Leute derzeit in Scharen in die Badi. Für manche wird der Gang dorthin allerdings zur Pein – weil sie sich in ihrem Körper nicht wohlfühlen.

Heinrich von Grünigen, Präsident der Schweizerischen Adipositas-Stiftung (SAPS): «Viele Leute wagen es nicht, baden zu gehen, weil sie mehr auf den Rippen haben.» Das sei eine Folge der gesellschaftlichen Debatte über Schönheitsideale. «Es gilt leider immer noch die Devise: Wer nicht schlank ist, ist nicht schön», so von Grünigen. Deshalb würden sich einige einreden, dass sie sich nicht zeigen dürfen, wenn sie nicht den Idealen der Gesellschaft entsprechen.

«Gaffereien und Sprüche abprallen lassen»

Jene würden dumm angeglotzt oder müssten sogar fiese Bemerkungen über sich ergehen lassen. Von Grünigen: «Entweder man ist genug selbstbewusst, das auszuhalten, oder man zieht sich zurück, schränkt sich ein und geht nicht baden.» Der Präsident der SAPS findet: «Man sollte die Einstellung pflegen, dass die Leute einen so nehmen sollen, wie man ist, und dumme Gaffereien und Sprüche abprallen lassen.»

Auch Psychologin Erika Toman vom Kompetenzzentrum Zürich für Essstörungen und Adipositas kennt das Problem, dass sich Menschen wegen ihres Körpers nicht in die Badi trauen. Übergewicht sei nicht der einzige Grund. «Auch Frauen mit einem kleinen oder grossen Busen, magere, nicht muskulöse Männer und so weiter fallen darunter.» Die Hemmungen, sich mit wenig Kleidern zu zeigen, sei bei Personen, die sich in ihrem Körper nicht wohlfühlen, weit verbreitet.

Einfluss auf soziale Kontakte

Vor allem junge Leute seien betroffen, so Toman. So passiere es auch, dass sich deswegen Jugendliche nicht getrauen, baden zu gehen. «Sie lassen sich einschränken. Das beeinflusst auch die sozialen Kontakte», so Toman. Es gebe aber auch junge Leute, die sich den Spass nicht nehmen lassen wollten und sich Lösungen einfallen liessen. Toman: «Sie ziehen sich beispielsweise ein T-Shirt über oder gehen mit dem Tuch bis zum Wasser.» Dies begrüsst die Psychologin.

Brigitte Rychen von der Fachstelle Pep (Prävention Essstörungen praxisnah) bestätigt, dass viele Jugendliche zwischen 14 und 18 während der Badisaison darunter litten, keinen Adonis-Körper zu haben: «Dabei kommt es im Wachstum häufig vor, dass Buben etwas schmächtig sind.» Sie würden gehänselt – manche würden darum das T-Shirt nicht mehr ausziehen.

Laut Pep-Psychologe Roland Müller ist der Druck, einen makellosen Körper zu haben, inzwischen bei Männern ebenso gross wie bei Frauen. Bodyshaming könne dazu führen, dass Männer in eine Muskelsucht oder Essstörungen getrieben werden. Das Rollenbild werde medial geformt: «Früher waren die Superhelden nicht nur hypermuskulöse Männer.» Heute werde man in sozialen Medien und in der Werbung mit solchen Bildern überflutet.

«Das Männerbild hat sich verändert»

Beatrix Wagner, Beraterin bei der Jugendhotline 147 von Pro Juventute, sagt: «Früher wurden Männer weniger auf ihren Körper reduziert, heute ist das aber ein wichtiger Aspekt.» Auch der Fitnesshype trage dazu bei, dass sich Männer selbst einen hohen Massstab setzen würden.

Sie erinnert junge Männer daran, dass viele Bilder auf Instagram bearbeitet sind. Im echten Leben sei nicht alles perfekt. «Wir probieren, den Jugendlichen, die Probleme mit ihrem Körper haben, einen anderen Blickwinkel zu vermitteln und aufzuzeigen, dass man sich auch so wohlfühlen kann und einfach baden gehen sollte.»

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