Aktualisiert 07.06.2019 09:48

Frauenstreik vom 14. Juni«Männer sollten nicht in den ersten Reihen laufen»

Dürfen auch Männer am 14. Juni streiken? Eine Mehrheit der Schweizerinnen bejaht das, während die Frauenstreikkomitees die Männer schneiden.

von
daw
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18 Prozent der Frauen haben vor, am 14. Juni am Frauenstreik teilzunehmen. Im Bild: die Kundgebung für Lohngleichheit im September 2018.

18 Prozent der Frauen haben vor, am 14. Juni am Frauenstreik teilzunehmen. Im Bild: die Kundgebung für Lohngleichheit im September 2018.

Keystone/Peter Schneider
Natascha Wey von der Gewerkschaft VPOD sagt, der Streik elektrisiere die Basis: «Auch die Bäuerinnen oder die Aargauer Kirchenfrauen streiken. Das sind beileibe keine Linksextremen.»

Natascha Wey von der Gewerkschaft VPOD sagt, der Streik elektrisiere die Basis: «Auch die Bäuerinnen oder die Aargauer Kirchenfrauen streiken. Das sind beileibe keine Linksextremen.»

SP
«Frauen haben weniger Geld, weniger Zeit und weniger Anerkennung für die Arbeit, die sie leisten», schreiben die Verantwortlichen des Frauenstreiks. Die gewichtete Umfrage von 20 Minuten zum Frauenstreik bei 11'596 Personen zeigt nun, inwiefern sich Frauen in der Gesellschaft tatsächlich diskriminiert fühlen.

«Frauen haben weniger Geld, weniger Zeit und weniger Anerkennung für die Arbeit, die sie leisten», schreiben die Verantwortlichen des Frauenstreiks. Die gewichtete Umfrage von 20 Minuten zum Frauenstreik bei 11'596 Personen zeigt nun, inwiefern sich Frauen in der Gesellschaft tatsächlich diskriminiert fühlen.

Keystone/Adrien Perritaz

Der Frauenstreik verunsichert den modernen Mann: Darf, ja muss er seine Arbeit am 14. Juni niederlegen und an der Demo für die Gleichstellung kämpfen? Oder würde er mit dieser Art der Solidarisierung bloss ins Fettnäpfchen treten?

Wie eine grosse Umfrage von 20 Minuten zum Frauenstreik zeigt, ist eine Mehrheit der Frauen offen gegenüber einer männlichen Beteiligung: Nur 20 Prozent sagen, Männer hätten am Streik nichts verloren. 65 Prozent finden, dass Männer mitmachen dürfen, während 6 Prozent gar der Meinung sind, dass Männer mitmachen müssen. Weniger offen sind die Männer: 47 Prozent der Männer sind der Meinung, dass sie am Frauenstreik nichts verloren haben.

Männer von der Organisation ausgeschlossen

Ohnehin sind Männer bei den regional organisierten Streikkomitees bestenfalls geduldet. Zwar ist eine Teilnahme von Männern am Umzug erwünscht. Die erste Geige sollen sie dort aber nicht spielen: «Die Männer sollten nicht in den ersten Reihen laufen. Die Frauen und ihre Anliegen sollen am 14. Juni im Zentrum stehen», sagt Christine Filtner, Zentralsekretärin bei der Gewerkschaft VPOD und Mitglied der nationalen Streikkoordination. Sie äussert die Befürchtung, dass sich der herablassende Mann in den Vordergrund drängt – ein Phänomen, das in feministischen Kreisen Mansplaining genannt wird.

Männer dürfen auch nicht bei der Organisation des Streiks mitwirken. «Frauen* können nur selbst die erfahrene Unterdrückung wahrhaftig formulieren», schreibt das Streikkollektiv Zürich. Und weiter: «Wir Frauen sind am 14. Juni damit beschäftigt, unseren Forderungen lautstark Ausdruck zu verleihen. Wir haben weder Lust noch Zeit, auf euch Männer aufzupassen.» Mann müsse sich im Hintergrund halten und dürfe «in keiner Weise mit den Medien interagieren», um sich als selbstlosen Helden darzustellen.

Bänke auf dem Bundesplatz aufstellen

Auf einer Liste eines Kollektivs aus Bern heisst es, dass nur Männer an einer Kundgebung teilnehmen sollen, wenn keine Frau die Unterstützung benötigt. Dort sollten sie nicht zu viel reden und sie einfach begleiten. «Stelle dich nicht in den Vordergrund, gebe keine Befehle. Respektiere Veranstaltungen, die ‹non mixed› sind.» Starke Männer sind zudem beim Aufbau von Bühne, Tischen und Bänken auf dem Bundesplatz oder bei der Verpflegung erwünscht.

Die Männer sollen dafür sorgen, dass etwa in den Schulen, Kitas oder Spitälern der Betrieb weiterläuft, während die Frauen streiken. «So haben wir es im Kanton Zürich abgemacht», sagt Gewerkschafterin Filtner. «Letztlich muss jede Gruppe selbst entscheiden.» Eine Schule in der Waadt etwa habe entschieden, dass Männer und Frauen gemeinsam in den Streik treten würden.

«Radikale Rhetorik»

Klar sei, dass auch Männer ein Interesse an der Gleichberechtigung hätten. Junge Väter etwa hätten auch mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu kämpfen – etwa, wenn sie das Pensum nicht reduzieren dürften. «Ich fände es wunderbar, wenn sie auch mal einen Männerstreik für Fortschritte bei der Vereinbarkeit organisieren würden.» Dass es ihn nicht gebe, habe auch damit zu tun, dass der Problemdruck bei den Frauen grösser sei.

CVP-Politikerin Marianne Binder kann der «radikalen Rhetorik der Frauenstreik-Organisatorinnen» nicht allzu viel abgewinnen: «Solche Provokationen wären angebracht, wenn wir in der Gleichstellung noch nichts erreicht hätten.» Sie finde, solche Sätze hätten kindlichen Charakter. «Der Kampf für die Gleichstellung ist und war ein gemeinsamer. Das sieht laut der Umfrage auch die Mehrheit auch so » Als Mann würde sie sich am 14. Juni zurücklehnen, sagt sie: «Wenn man den Männern doch zu verstehen gibt, dass sie am Frauenstreik nichts suchen haben, dann können die streikenden Frauen die Bühne auf dem Bundesplatz sicher auch selbst aufbauen. Selbst ist die Frau, finde ich.»

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