Gleichberechtigung: «Männer spüren Folgen der Rollenverteilung»

Aktualisiert

Gleichberechtigung«Männer spüren Folgen der Rollenverteilung»

Warum fühlen sich mehr Männer diskriminiert als Frauen? Gleichstellungs-Expertin Martha Weingartner glaubt, dass Männer empfindlicher auf Benachteiligungen reagieren.

von
D. Pomper
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Genau 50 Prozent der Männer in der Schweiz fühlen sich benachteiligt. Am meisten bei den Rechten als Vater (38 %) ...

Genau 50 Prozent der Männer in der Schweiz fühlen sich benachteiligt. Am meisten bei den Rechten als Vater (38 %) ...

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... sowie beim Militär- und Zivildienst (24%). Das zeigt eine gewichtete Umfrage von 20 Minuten mit 6889 Teilnehmern.

... sowie beim Militär- und Zivildienst (24%). Das zeigt eine gewichtete Umfrage von 20 Minuten mit 6889 Teilnehmern.

Keystone/Martin Ruetschi
Bei den Frauen geben 40 Prozent an, sich diskriminiert zu fühlen. Dies vor allem beim Lohn und den Karrierechancen.

Bei den Frauen geben 40 Prozent an, sich diskriminiert zu fühlen. Dies vor allem beim Lohn und den Karrierechancen.

Keystone/Ennio Leanza

Frau Weingartner, 83 Prozent finden, dass Männer und Frauen in der Schweiz nicht gleichberechtigt sind. Das zeigt eine 20-Minuten-Umfrage mit über 6800 Teilnehmern. Erstaunt Sie das?

Auf den ersten Blick schon. Denn wir hören oft, die Gleichstellung sei doch jetzt erreicht. In der Schweiz stünden Männern und Frauen alle Türe offen, sie hätten die gleichen Bildungschancen, die gleichen politischen Rechte, viele Paare teilten sich die Kinderbetreuung. Es gebe keine stossenden Ungleichheiten mehr. Aber wenn man sich konkrete Beispiele überlegt, dann kommen viele ins Grübeln.

An welche Beispiele denken Sie?

Bei unserer Fachstelle für Gleichstellung der Stadt Zürich melden sich viele junge Mütter, die auf dem Arbeitsplatz plötzlich Schwierigkeiten bekommen. Sobald die Frauen schwanger sind und Kinder haben, merken sie, dass es Hürden gibt. Einige verlieren noch während dem Mutterschaftsurlaub ihren Job oder erhalten eine Kaderstelle nicht, wenn sie Mütter werden. Viele dieser Frauen waren zuvor der Meinung, dass sie alles erreichen können, wenn sie nur wollen. Dann aber werden sie mit der Realität konfrontiert. Auch mit sexueller Belästigung oder Gewalt sind viele Frauen konfrontiert.

Dennoch geben mehr Männer als Frauen an, sich hierzulande diskriminiert zu fühlen. Warum?

Männer reagieren empfindlicher auf Benachteiligungen als Frauen. Die Männer sind sehr gut darin, ihre Anliegen an die Öffentlichkeit zu bringen. Sie sind gut vernetzt und schaffen es mit effektvollen Aktionen, ihren Anliegen Gehör zu verschaffen. Vor einigen Jahren beispielsweise haben Väter Bundesrätin Simonetta Sommaruga tonnenweise Pflastersteine geschickt, um für das gemeinsame Sorgerecht zu kämpfen. Manche Männer stellen aus eigener Betroffenheit vehement Forderungen. Andere anerkennen, dass Frauen öfter benachteiligt sind als Männer und engagieren sich zusammen mit Frauen für die Gleichstellung. Dann gibt es noch die Antifeministen, die ziemlich frauenfeindlich sind.

Auch die Frauen haben mit dem Frauentag und dem Frauenmarsch grosse Events auf die Beine gestellt.

Viele Frauen scheinen geschlechtsspezifische Benachteiligungen nicht als solche wahrzunehmen. Andere haben keine Zeit, sich für ihre Anliegen einzusetzen. Von mehrfach belasteten alleinerziehenden Müttern beispielsweise hört man kaum etwas, obwohl sie Gründe hätten, Forderungen zu stellen.

Männer geben an, sich besonders bei ihren Rechten als Vater und beim Militär- und Zivildienst benachteiligt zu fühlen.

Viele Männer spüren die schmerzhaften Folgen der traditionellen Arbeitsteilung. Wenn der Mann jahrelang das Geld nach Hause gebracht hat und sich die Frau um die Kinderbetreuung gekümmert hat, dann ist es schwierig, nach der Scheidung eine andere Aufteilung der Kinderbetreuung zu realisieren. Beim Militär- und Zivildienst kann ich verstehen, dass sich Männer benachteiligt fühlen. Allerdings darf man nicht vergessen, dass Frauen sehr viel unbezahlte Sorgearbeit leisten. Die Frauen erhalten entsprechend weniger Altersrente. Man muss die Benachteiligung der Männer also im Kontext sehen.

62 Prozent der Männer finden, dass die Gesellschaft zu hohe Anforderungen an sie stellt. Warum?

Da kann ich nur mutmassen. Es hat vielleicht damit zu tun, dass die Männer mit widersprüchlichen Erwartungen konfrontiert sind. Auf der einen Seite der Beschützer, der im Notfall Frau und Kind verteidigt, und auf der anderen Seite der fürsorgliche Mann, der auch im Haushalt und in der Kinderbetreuung kompetent ist.

Martha Weingartner ist Projektleiterin bei der Fachstelle für Gleichstellung der Stadt Zürich.

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