Aktualisiert 05.11.2011 10:37

Karriere-KillerMänner zwischen Macht, Gewalt und Sex

Der Republikaner Herman Cain ist auf dem Weg ins Weisse Haus über Sex-Vorwürfe gestolpert. Er ist nicht der erste. Die Kombination Sex, Gewalt und Macht scheint sich zu häufen.

von
Senta Keller

Es ist passiert – schon wieder. Ein mächtiger Mann wird der sexuellen Belästigung bezichtigt. Dieses Mal hat es einen hoffnungsvollen Kandidaten der Republikaner getroffen. Herman Cain, Anwärter für die Präsidentenkandidatur in den Vereinigten Staaten, soll in den 90er Jahren Frauen sexuell belästigt haben. Cain bezeichnet die Beschuldigungen als Schmierenkampagne, verstrickt sich aber mit ständig wechselnden Aussagen immer mehr. Ob der «Pizza-Mann» aus dieser Geschichte unbeschadet heraus kommt, ist fraglich. Ob wahr oder nicht – bei Sex-Vorwürfen bleibt meist etwas haften. Und Herman Cain ist bei weitem nicht der einzige mächtige Mann, dem sexuelle Belästigung oder gar Vergewaltigung vorgeworfen wird.

Prominentestes Beispiel war im Mai 2011 IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn. Das Zimmermädchen Nafissatou Diallo, hatte dem einstigen Hoffnungsträger der französischen Sozialisten vorgeworfen, sie vergewaltigt zu haben. Strauss-Kahn wurde sogleich verhaftet. Die Indizien schienen erdrückend. Doch dann bröckelte die Anklage. Diallo hatte unter anderem in ihrem Asylantrag nicht immer die Wahrheit gesagt. Die Staatsanwaltschaft zweifelte plötzlich an einem Sieg in einem Prozess, der stark auf der Glaubwürdigkeit des mutmasslichen Opfers beruhte. Im August entschied sich die Staatsanwaltschaft schliesslich, die Anklage fallen zu lassen.

Rehabilitiert war Strauss-Kahn damit nicht. Ausserdem kamen weitere Vorwürfe hinzu. Die Schriftstellerin Tristane Banon warf dem inzwischen zurückgetretenen IWF-Chef versuchte Vergewaltigung während eines Interviews vor. Auch diese Anklage wurde fallengelassen. Sex-Geschichten um Strauss-Kahn finden aber weiterhin ihren Weg an die Öffentlichkeit. Vor wenigen Wochen wurde er zum Beispiel mit einem dubiosen Callgirls-Ring in Verbindung gebracht.

«Er verhielt sich wie ein Verrückter»

Warum Sex für mächtige Männer so wichtig ist

Sex, Gewalt und mächtige Männer – Experten sprechen bereits vom magischen Dreieck, denn diese Kombination scheint sich in letzter Zeit zu häufen. Wikileaks-Gründer Julian Assange muss sich wegen Vergewaltigung in zwei Fällen verantworten. Seit August 2010, als er sich auf dem Höhepunkt seiner Bekanntheit befand, wird gegen ihn ermittelt. Der französische Staatssekretär Georges Tron wurde im vergangenen Juni von zwei Frauen wegen sexueller Belästigung angeklagt. Kurz darauf trat er von seinem Amt zurück. Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi macht fast nur noch mit Sex-Geschichten Schlagzeilen – er muss sich wegen Sex mit einer Minderjährigen vor Gericht verantworten. Israels Ex-Präsident Moshe Katsav wurde vergangenen März bereits verurteilt: Sieben Jahre Haft wegen Vergewaltigung.

Mächtige Männer hätten viel erreicht und hielten sich deshalb gelegentlich für unangreifbar, sagte Paartherapeut Elmar Basse gegenüber dem «Stern». «Wer sich nach oben gekämpft hat, hat die Erfahrung gemacht, dass er Widerstände überwinden konnte. Dieses Gefühl ist prägend und kann dazu führen, dass es zu einer gewohnheitsmässigen Verhaltensweise führt.» Stark gefährdet seien vor allem Menschen, die sich selbst bewundern. «Sie entwickeln ein Alles-gehört-mir-Denken.»

Mächtige Männer mit hyperaktiver Libido

Die österreichische Wirtschaftsjournalistin Silvia Jelincic hat für das Buch «Die nackte Elite» mit Top-Managern über ihr Liebes- und Sexleben gesprochen. Sie ist der Meinung, dass sich viele dieser Männer für unwiderstehlich halten und überzeugt sind, sie könnten sich alles erlauben – auch wenn sie dabei das Gesetz brechen. Oft würden sie nicht einmal merken, dass sie Unrecht tun.

Gegenüber dem «Spiegel» sagte der Soziobiologe Johan van der Dennen, mächtige Männer hätten einerseits eine hyperaktive Libido im Vergleich zu normalen Männern. «Mächtige Männer erwarten quasi automatisch, dass andere Menschen ihre Wünsche erfüllen.» Das bedeute nicht, dass jeder Mann, der sich an die Spitze gekämpft habe, ein Vergewaltiger werden könne, so Van der Dennen. Die meisten mächtigen Männer müssten nicht vergewaltigen, da sie sowieso häufiger Sex hätten als durchschnittliche Männer. «Das schliesst nicht aus, dass einige mächtige Männer es wegen des Nervenkitzels machen oder weil sie sehen möchten, ob sie damit durchkommen.»

Vorwurf des bewussten Schadens

Ob Männer in einer Machtposition einen stärkeren Sextrieb haben oder nicht – nicht immer gelten in der Öffentlichkeit die Frauen als Opfer. Bei sexueller Gewalt bewegt man sich bezüglich Beweislage auf dünnem Eis. Häufig wird daher bei Sex-Vorwürfen gegen mächtige Männer auch vermutet, dass ihnen bewusst geschadet werden soll. Ein Komplott, um die mächtige Person von ihrem Posten zu vertreiben. Man verweise bei Sex-Vorwürfen oft auf eine Verschwörung dunkler Mächte gegen eine Lichtgestalt, beschreibt es die «WOZ». Frauen geraten somit oft ins Fadenkreuz der Ermittlungen, wenn auch nur der leiseste Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit aufkommt. Für zahlreiche Menschen sei in so einer Situation klar, dass Frauen es nur darauf abgesehen haben, Männer über den Tisch zu ziehen und ihnen zu schaden.

An Männern bleibt – ob wahr oder nicht – nach einem Vergewaltigungsvorwurf fast immer etwas haften. Dominique Strauss-Kahn musste seinen Posten beim Internationalen Währungsfonds räumen. Eine Zukunft als Herausforderer von Nicolas Sarkozy kam nicht mehr in Frage. Wetterfrosch Jörg Kachelmann wurde zwar aus Mangel an Beweisen freigesprochen. An den langwierigen Prozess wird man sich aber noch lange erinnern. Ob er je wieder an seine frühere Karriere im Fernsehen anknöpfen kann, ist fraglich. Und auch bei Herman Cain muss wohl, wegen den Sex-Vorwürfen seine Ambitionen aufs Präsidentenamt begraben.

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