Publiziert

Rollenbilder in der Armee«Was ein ‹richtiger Mann› ist, entscheiden nicht die Frauen, sondern die anderen Männer»

Das Schweizer Militär besteht zu 99 Prozent aus Männern. Der Verband Männer.ch will sie nun darin unterstützen, veraltete Rollenbilder und Umgangsformen zu überwinden. Bei der Armee zeigt man sich offen für die Idee.

von
Lucas Orellano
1 / 7
Der Verband Männer.ch will der Armee für Schulungen Material zur Verfügung stellen.

Der Verband Männer.ch will der Armee für Schulungen Material zur Verfügung stellen.

Urs Jaudas / Tamedia
Die Armee zeigt sich der Idee gegenüber offen. (Symbolbild)

Die Armee zeigt sich der Idee gegenüber offen. (Symbolbild)

Urs Jaudas / Tamedia
«Für Männer ist es nach wie vor extrem wichtig, als ‹richtiger Mann› zu gelten. Und was ein ‹richtiger Mann› ist, entscheiden letztlich nicht die Frauen, sondern die anderen Männer», so Theunert.

«Für Männer ist es nach wie vor extrem wichtig, als ‹richtiger Mann› zu gelten. Und was ein ‹richtiger Mann› ist, entscheiden letztlich nicht die Frauen, sondern die anderen Männer», so Theunert.

ZVG / Markus Theunert

Darum gehts

  • Männer.ch will seine Erkenntnisse aus der Männerarbeit mit der Armee teilen, um den Umgang mit alten Rollenbildern zu verbessern.

  • Auslöser dafür ist der Fall eines 19-Jährigen, der in der RS Antisemitismus erlebte.

  • «Die Zusammenarbeit würde ich als gewinnbringend erachten», sagt dazu Militärdozent Oberst Hubert Annen.

  • Markus Theunert von Männer.ch will auch eine allgemeine Dienstpflicht.

Der Fall des jüdischen Rekruten, der in der Schweizer Armee schweren Antisemitismus erlebte, tätlich angegriffen wurde und schliesslich in den Zivildienst wechselte, sorgte am Samstag für Aufsehen. Laut Oberst Hubert Annen, der an der Militärakademie der ETH Militärpsychologie und Militärpädagogik unterrichtet, werden die Erlebnisse von Benjamin Folgen haben: «Solche Dinge müssen natürlich thematisiert werden. Das Fallbeispiel mit dem jüdischen Rekruten wird in die Ausbildung einfliessen, Vorgesetzte müssen lernen, wie sie in solchen Situationen richtig handeln», sagt er zu 20 Minuten.

Doch wieso kommt es immer noch zu solchen Situationen? «Alte Zöpfe wie beispielsweise das Hollywood-Spiel halten sich, weil auch Wachtmeister und Zugführer in Stresssituationen geraten und dann auf Dinge zurückgreifen, die sie aus ihrer eigenen Ausbildung kennen, ohne sie zu hinterfragen.»

«Jeder Diskriminierungsfall ist einer zu viel»

Die Armee kennt in Bezug auf Diskriminierung eine Nulltoleranz, wie der oberste Ausbilder dem «Tages-Anzeiger» sagte. «Jeder Diskriminierungsfall ist einer zu viel und tut mir persönlich weh.» Geschehen Vorfälle, müssen sie beim Kompaniekommandanten gemeldet werden. Der kann dann Unterstützung bei einer der verschiedenen Hilfsstellen holen: Extremismus-Fachstelle, Diversity-Fachstelle, Militärjustiz, Armeeseelsorge, psychologisch-pädagogischer Dienst oder dem Sozialdienst.

Die Armee tut also in erster Linie etwas, wenn es zu spät und die Diskriminierung bereits geschehen ist. Dieses reagierende Verhalten stösst bei Männer.ch, dem Dachverband der Schweizer Männer- und Väterorganisationen, auf Kritik.

Markus Theunert (Männer.ch) bietet der Armee Unterstützung an.

Markus Theunert (Männer.ch) bietet der Armee Unterstützung an.

ZVG / Markus Theunert

«Was ein ‹richtiger Mann› ist, entscheiden die anderen Männer»

Für Gesamtleiter und Gründer Markus Theunert müssten die Ursachen für solche Entgleisungen grundsätzlicher angegangen werden: mit Prävention und gezielten Schulungen. «Für Männer ist es nach wie vor extrem wichtig, als ‹richtiger Mann› zu gelten. Und was ein ‹richtiger Mann› ist, entscheiden letztlich nicht die Frauen, sondern die anderen Männer», so Theunert.

In der Armee, mit ihrem Frauenanteil von rund einem Prozent ist das quasi per Definition ein Problem. Theunert sieht darum Handlungsbedarf: «Es ist klar, dass die Armee ihre Kader diesbezüglich besser ausbilden muss. Solche Dynamiken zu managen ist hochanspruchsvoll.»

Und er bietet auch gleich Hand: «Wir von Männer.ch haben Fachkonzepte erarbeitet, wie sich eben gerade nicht die Standard-Männlichkeitsbilder herauskristallisieren. Wenn die Armee will, stellen wir ihnen unser Material selbstverständlich zur Verfügung.»

Eine Idee, die bei der Armee auf offene Ohren stösst. «Die Zusammenarbeit mit einem Verband, der sich genau mit solchen Fragen und Problemstellungen befasst, würde ich als gewinnbringend erachten», sagt Militärpsychologe Annen.

Nationalrätin Kathrin Bertschy (GLP / BE) findet, die allgemeine Dienstpflicht hätte einen positiven Effekt auf die Gruppendynamiken in der Armee.

Nationalrätin Kathrin Bertschy (GLP / BE) findet, die allgemeine Dienstpflicht hätte einen positiven Effekt auf die Gruppendynamiken in der Armee.

ZVG / Kathrin Bertschy

«Man kennt das aus der Wirtschaft und der Politik»

Langfristig braucht es für Theunert aber auch eine Verfassungsänderung: «Eine Dienstpflicht für Frauen und Männer würde dazu beitragen, dass sich die Kultur des Umgangs entwickelt, die sich die Armeespitze offenbar selbst wünscht.»

Auch Kathrin Bertschy, Co-Präsidentin von Alliance F, geht davon aus, dass sich eine allgemeine Dienstpflicht positiv auf die Gruppendynamiken in der Armee auswirken würde: «Mit einem höheren Frauenanteil in der Armee könnten sich solche Dynamiken schon ändern. Wir haben keine empirischen Studien dazu, aber in meiner Erfahrung wirkt es sich in der Regel positiv auf das Verhalten aus, wenn Gruppen gemischt sind», so die GLP-Nationalrätin. «Eine allgemeine Dienstpflicht würde sicher helfen, dass solche Herabwertungen und Beleidigungen in der Armee abnehmen.»

Eine bessere Durchmischung würde helfen, die einseitige Unternehmenskultur der Armee zu durchbrechen, argumentiert Bertschy. «Man kennt das aus der Wirtschaft und aus der Politik. Vielfalt bringt bessere Entscheidungen und auch einen bessere Teamkultur. Schlussendlich will die Armee ja die besten Leute haben. Das gelingt logischerweise besser, wenn sie nicht aus 50 Prozent der Bevölkerung auswählen müssten, sondern aus dem gesamten Potenzial der Gesellschaft.»

Bist du oder jemand, den du kennst, von Antisemitismus betroffen?

Hier findest du Hilfe:

GRA, Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Pro Juventute, Tel. 147

Bist du oder jemand, den du kennst, von Rassismus betroffen?

Hier findest du Hilfe:

Beratungsnetz für Rassismusopfer

GRA, Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

Pro Juventute, Tel. 147

Wurdest du auch Zeuge von Rassismus, Sexismus oder Antisemitismus in der Armee?

Schreib uns von deinem Erlebnis auf Whatsapp!

Speichere diese Nummer (076 420 20 20) am besten sofort bei deinen Kontakten und sende spannende Videos, Fotos und Dokumente schnell und unkompliziert an die 20-Minuten-Redaktion! 🙌

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.
84 Kommentare
Kommentarfunktion geschlossen

Korporal

11.01.2021, 13:48

Alte Rollenbilder, genau, haha. Wusstet ihr das Frauen im Militär für die gleiche Leisung mehr Punkte bekommen? Und das nur damit sich die Frauen im Militär wohler fühlen und nicht diskriminiert werden, weil sie dann merken, dass sie im Ranking ziemlich weit hinten anstehen. Ist mir klar, dass die meisten Frauen in manchen Disziplinen nicht mithalten können und dann unten aufgelistet werden müssten. Wieso Wehrdienst für alle, wenn Frauen dann bevorzugt werden? Was sie schon jetzt werden.

Hazel20

11.01.2021, 12:34

Tja Frauen können auch Bundesferien haben.

Warum nicht.

11.01.2021, 12:25

Ja, warum nicht? Israel hat ja eine sehr starke und gut funktionierte Arme