Aktualisiert 20.08.2015 08:32

LehrstellensucheMännliche Bewerber kämpfen mit Vorurteilen

Ein junger Mann sieht sich als Opfer seines Geschlechts, weil er im Gesundheitswesen keine Lehrstelle findet. Laut einem Experten wird männlichen Bewerbern weniger zugetraut.

von
bz
Ein Experte hat den Eindruck, dass den männlichen Bewerbern in Pflegeberufen weniger zugetraut wird, wenn deren Qualifikationen nicht explizit aus dem CV hervorgehen.

Ein Experte hat den Eindruck, dass den männlichen Bewerbern in Pflegeberufen weniger zugetraut wird, wenn deren Qualifikationen nicht explizit aus dem CV hervorgehen.

Der 18-jährige Pascal Rey fühlt sich bei der Lehrstellensuche diskriminiert – wegen seines Geschlechts. «Ich habe keine Stelle bekommen, weil ein Grossteil der Lehrbetriebe ganz gezielt nach Frauen sucht. Da hatte ich von vornherein keine Chance», sagt der Basler resigniert. Seit über einem Jahr sucht er verzweifelt eine Lehrstelle im Gesundheitswesen. Rund 80 Bewerbungen hat er mittlerweile geschrieben. In acht von zehn Fällen sei ihm in der Absage Folgendes mitgeteilt worden: «Unter den zahlreichen Bewerbungen, die bei uns eingegangen sind, haben wir uns für eine Kollegin (eine Frau) entschieden.»

Gibt es tatsächlich Berufe, in denen Frauen systematisch bevorzugt werden? Bekannt ist, dass männliche Bewerber beispielsweise in der Kinderbetreuung oft chancenlos sind. Die Vorstellung, dass Männer ihre Kinder in der Kita betreuen, löst bei vielen Eltern Unbehagen aus. Sie haben Angst vor sexuellen Übergriffen.

«Jungen Männern wird weniger zugetraut»

Dass Männer in Pflegeberufen systematisch diskriminiert werden, bestreiten Branchenvertreter auf Anfrage. Auch Andreas Riechert, Coach und Ausbildungsverantwortlicher im Bereich der Arbeitsmarktintegration von Overall, glaubt das nicht. Er hat aber den Eindruck, dass den männlichen Bewerbern in Pflegeberufen weniger zugetraut wird, wenn deren Qualifikationen im CV nicht explizit hervorgehen. «Dies gilt vor allem in Berufslehren, in denen hauswirtschaftliche und betreuerische Tätigkeiten gefragt sind», stellt er fest. Laut Riechert entscheiden auch viele Personalleiter aufgrund ihrer Erfahrungen. «Haben sie junge Männer in der Lehre als unaufmerksam und unordentlich erlebt, richten sie sich eher auf Bewerberinnen aus.»

Markus Theunert, Präsident des Dachverbands Schweizer Männer- und Väterorganisationen, warnt vor solchen Verallgemeinerungen. «Wir müssen aufpassen, dass junge Männer anschlussfähig bleiben», sagt er. In einer Dienstleistungsgesellschaft, in der klassische «weibliche Fähigkeiten» immer wichtiger würden, drohten die Männer den Anschluss zu verpassen. Der Männerbeauftragte fordert Massnahmen, damit die Buben in ihrer Bildungslaufbahn reüssieren. Kritikwürdig erscheint ihm, dass die Arbeitgeber in den Absagen mitteilen, dass eine Frau das Rennen gemacht habe. «So fühlen sich junge Männer, die verzweifelt eine Stelle suchen, schnell diskriminiert.»

Männlicher Nail-Artist gesucht

In gewissen typischen Frauen-Branchen sehnen sich die Arbeitgeber jedoch sogar nach männlichem Personal. Im Zürcher Nagelstudio Fashion Nails arbeiten zurzeit nur Frauen. «Auch für unsere halbjährige Praktikumsstelle hat sich noch nie ein Mann beworben», bedauert Geschäftsführerin Tijana Trosic.

Hätte sie die Wahl zwischen einer weiblichen Kandidatin und einem männlichen Kandidaten, würde sie Letzteren vorziehen. Ein männlicher Nail-Artist wäre ihrer Ansicht nach nicht nur eine neue Erfahrung. «Männer sind auch unkomplizierter und viele unserer Kundinnen würden sich gerne die Nägel von einem Mann machen lassen», sagt Trosic.

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