Mafiajäger fordert mehr Toleranz
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Mafiajäger fordert mehr Toleranz

Der weltweit bekannte Mafiajäger Leoluca Orlando fordert mehr Rechte für die Migranten. Um Europa weiterzuentwickeln, sei die kulturelle Vermittlung von fremdländischen Identitäten notwendig.

«Europa braucht eine Vision», sagte der frühere Oberbürgermeister von Palermo am Dienstag in Leipzig am Rande des 26. Deutschen Jugendgerichtstages. Die einzigen, die bisher eine solche Vision entwickelt hätten, seien die Banken. «Der Euro allein aber kann es doch nicht sein», meinte Orlando.

In einem Vortrag stellte der Sizilianer seine Idee eines «Weltweiten Netzes der Kultur und der Wirtschaft der Menschenrechte» vor. Dabei forderte er unter anderem, Migranten mehr Rechte zu geben. So müssten sie die Möglichkeit haben, sich ihre eigene Identität zu bewahren. Zugleich sollten sich aber auch die in Europa lebenden Menschen ihrer Identität und Kultur bewusst sein, ohne sie überzubewerten. «Die Mafia hat eigentlich positive kulturelle Werte wie Ehre, Freundschaft und Familie pervertiert», sagte Orlando. Bei ihren Verbrechen habe sie nicht nur Menschen getötet, sondern auch einen Teil der italienischen und sizilianischen Kultur.

Gleiches gelte für mafiöse Organisationen in Russland, Japan oder Kolumbien. Indem sie sich auf Werte der jeweiligen Kultur beriefen, töteten sie diese. Ähnlich verhalte es sich mit dem Terrorismus. «Wenn ein Moslem im Namen seiner Religion tötet, dann tötet er den Islam», unterstrich Orlando. Mit Blick auf Deutschland sagte der Abgeordnete des Europaparlaments, eine typische Eigenschaft der Menschen hier zu Lande sei, dass sie Gesetze beachteten, ohne deren Sinn zu hinterfragen. Das habe sich Adolf Hitler zu Nutze gemacht, indem er die Gesetze in seinem Sinn ändern liess.

Orlando forderte die Menschen zu mehr Zivilcourage auf. Als positive Beispiele nannte er dabei die sizilianischen Frauen. «Nach den Morden an den Richtern Giovanni Falcone und Paolo Borsellino sagten sie, dass ab sofort in meinem Dienstwagen immer eines ihrer Kinder mitfahren werde», erzählte der Ex-Oberbürgermeister, der damals ebenfalls auf der Todesliste der Mafia stand. Dieses Signal habe gewirkt. Einzig mit Zivilcourage könne gegen Korruption und Terror angegangen werden.

Um Europa weiterzuentwickeln, sei die kulturelle Vermittlung von fremdländischen Identitäten notwendig. Das Wissen über den jeweils anderen, über dessen Identität, sei Voraussetzung für weitere Entwicklung, für die Demokratie und letztlich auch den Frieden. Ausserdem, so Orlando, müssten sich die Menschen der Globalisierung stellen. Für ihn bedeute dies, die Globalität mit «lokalen Augen» zu sehen. Andersrum, so der Ex-Oberbürgermeister, funktioniere es nicht.

(dapd)

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