26.07.2020 11:27

’NdranghetaMafioso verkaufte Sturmgewehr für 2000 Franken an V-Mann

Die kalabresische Mafia-Organisation ‘Ndrangheta hat sich in der Schweiz seit über 40 Jahren festgesetzt. Ein Blick in die Ermittlungsakte zeigt, wie Geld gemacht wurde.

von
Yasmin Rosner
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In einer koordinierten Aktion ging die Bundespolizei mit der Kapo Solothurn, der Kapo Aargau und der italienischen Polizei gegen die ‘Ndrangheta vor.

In einer koordinierten Aktion ging die Bundespolizei mit der Kapo Solothurn, der Kapo Aargau und der italienischen Polizei gegen die ‘Ndrangheta vor.

fedpol
Bereits seit langem sei bekannt, dass die ’Ndrangheta Ableger in der Schweiz hätte, sagt die Expertin Zora Hauser.

Bereits seit langem sei bekannt, dass die ’Ndrangheta Ableger in der Schweiz hätte, sagt die Expertin Zora Hauser.

KEYSTONE
Ein Fall um die ‘Ndrangheta, der in der Schweiz viel Aufmerksamkeit erregte: Heimlich gefilmte Mitglieder einer Mafiazelle im Thurgau, die der Polizei im August 2014 ins Netz gingen.

Ein Fall um die ‘Ndrangheta, der in der Schweiz viel Aufmerksamkeit erregte: Heimlich gefilmte Mitglieder einer Mafiazelle im Thurgau, die der Polizei im August 2014 ins Netz gingen.

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Darum gehts

  • Bei einer Razzia gegen die ’Ndrangheta wurden 75 Personen festgenommen, 6 davon in der Schweiz.
  • Die Ermittlungsakte macht deutlich, wie agiert wurde.
  • Geld wurde unter anderem mit dem Verkauf an Waffen gemacht – eine Waffe wurde an einen V-Mann verkauft.

3500 Seiten stark ist die Ermittlungsakte zur Operation «Imponimento» gegen den kalabrischen Mafia-Clan Anello. Ihr Inhalt ist brisant und liegt der «SonntagsZeitung» vor. Die Dokumente zeigen erstmals, wie einer der gefährlichsten Clans des organisierten Verbrechens in der Schweiz bereits vor mehreren Jahrzehnten Fuss fasste und sein Netz immer weiter ausweiten konnte.

Hunderte Ermittler in der Schweiz und in Italien arbeiteten seit 2016 an dem Fall und bildeten ein «Joint Investigation Team». Am Dienstag kam es schliesslich zu einer koordinierten Aktion von schweizerischen und italienischen Behörden. Die Ermittlungsakte zeigt, was die Haupteinnahmequelle des Mafia-Clans war: der Verkauf von Drogen und Waffen. Eine dieser Waffen, ein Sturmgewehr, verkaufte demnach einer der beiden Mafia-Statthalter, Carmelo M., für 2000 Franken einem Schweizer V-Mann.

Zu diesem V-Mann, den der in der Schweiz für organisierte Kriminalität zuständige Bundesanwalt Sergio Mastroianni eingesetzt hatte, hatten Carmelo und sein Kollege, Pizzeria-Besitzer Marco G., Vertrauen gewonnen. Der Mafioso erzählte ihm von seinem Chef Rocco Anello – der «ein richtiger Boss» sei, einen schlechten Ruf habe, aber sonst nicht so übel sei. Bei der Pizzeria hätte Anello gar einen Stammparkplatz gehabt, regelmässig sei er zu Besuch gewesen.

Wöchentliche Geld-Lieferung nach Italien

Carmelo habe den Mafio-Boss immer an Weihnachten in Kalabrien besucht, sofern «er nicht gerade im Gefängnis» war, heisst es laut «SonntagsZeitung» in den Akten weiter. Als Revanche habe Anello seinen 50. Geburtstag zur Hälfte mitfinanziert.

Apropos Geld: Das in der Schweiz erwirtschaftete Geld sei zum einen wöchentlich nach Italien gebracht worden – bar und von Personen, die auf keiner Fahndungsliste zu finden waren. Zum anderen sei es aber auch in der Schweiz geblieben und investiert worden. Die Bundesanwaltschaft gehe davon aus, dass «die Ausführung illegaler Aktivitäten mit legalen Tätigkeiten» einhergingen.

20 Mafia-Zellen in der Schweiz

Wie aus einem Bericht der «NZZ am Sonntag» zu entnehmen ist, agieren in der Schweiz weit mehr Mafia-Angehörige als bisher angenommen. Das Bundesamt für Polizei (Fedpol) hat laut Jahresbericht 2019 von hundert aktiven Mafia-Mitgliedern Kenntnis.

Die Dunkelziffer dürfte jedoch weit höher sein, heisst es in dem Bericht. Das Fedpol bestätigt Annahmen von italienischen Strafverfolgern und Mafia-Experten, wonach rund 20 Mafia-Zellen mit 400 Akteuren in der Schweiz ansässig sind.

Die ’Ndrangheta

Die ’Ndrangheta ist die Vereinigung der kalabrischen Mafia und gilt als die gefährlichste und mächtigste Mafiaorganisation Italiens. Wichtigste Einnahmequellen sind der Drogen-, Waffen- und Menschenhandel, die illegale Müllentsorgung, Geldwäsche und Schutzgelderpressung. Laut der italienischen NGO Demoskopia macht die ’Ndrangheta einen Jahresumsatz von rund 53 Milliarden Euro – rund 3,5 Prozent des italienischen Bruttoinlandprodukts. Weltweit sollen mehr als 60’000 Gefolgsleute in über 30 Ländern aktiv sein. In Europa ist die ’Ndrangheta laut Zora Hauser besonders in Deutschland, Holland, Belgien und der Schweiz präsent.

Wie das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement schreibt, hat die italienische Mafia eine «grosse Präsenz» in der Schweiz. «Ihre Mitglieder sind in der Schweiz zum Teil schon über mehrere Generationen
hinweg aktiv und das in verschiedenen Deliktbereichen.» Von der Mafia gehe eine erhebliche Gefahr aus. Wie in der Strategie zur Kriminalitätsbekämpfung 2020–2023 umrissen wird, will die Bundespolizei einen besonderen Fokus auf die organisierte Kriminalität legen.

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