Aktualisiert 20.05.2007 08:44

Magere Zeiten für Maos Drahtesel-Schmieden

Ein paar wenige Dinge reichten einem Chinesen einst zum Reichtum: eine Armbanduhr, ein Radio - und ein Fahrrad. Doch die offiziellen Insignien des Wohlstands zählen heute nicht mehr viel.

Die Menschen im kapitalistisch gewordenen Reich der Mitte träumen jetzt von Computern und Handys. Und statt eines Fahrrads soll es ein Auto sein.

Die einst gerühmten staatlichen Fahrradfabriken spüren das seit vielen Jahren. Für die Firma «Flying Pigeon» etwa arbeiteten in den 80er Jahren noch 10 000 Menschen. Heute bauen hier noch 700 Mitarbeiter Velos zusammen.

Einst schob sich in den grossen Städten des Landes eine Flut von Radfahrern auf den Strassen voran. Die in der Wirtschaftsmetropole Tianjin unweit von Peking beheimatete Firma «Flying Pigeon» teilte sich damals den Markt mit den beiden Staatsunternehmen «Phönix» und «Forever» aus Schanghai.

Wer heute bei «Flying Pigeon» die Empfangshalle betritt, findet ein Schwarz-Weiss-Foto aus jenen besseren Tagen. Darauf ist der Gründer der Volksrepublik, Mao Tse-tung, zu sehen, als er in den 50er Jahren die Fahrrad-Fabrik besuchte.

Wertewandel

«Solche Sachen haben für die jungen Menschen heute doch keine Bedeutung mehr», sagt der Vizechef der Import-Export-Abteilung von «Flying Pigeon», Zhao Xuejie. «Heute ist es besser, Filmstars oder Sänger für die Werbung zu nutzen.» Doch nicht nur das hat sich für die altehrwürdige Firma geändert.

«Früher mussten die Menschen mindestens ein Jahr lang sparen, um sich ein Fahrrad leisten zu können», sagt Zhao. «Damals konnten wir nicht schnell genug liefern, und die Menschen mussten sich auf eine Warteliste setzen lassen, um ein Velo zu bekommen.» Drei Millionen Fahrräder verkaufte die Firma damals im Jahr.

Heute verkauft die Firma, die zur Hälfte privaten Investoren, zur Hälfte dem Staat gehört, nur noch halb so viele Fahrräder. In Peking fahren zwar immer noch mehr Menschen mit dem Velo als in den meisten anderen Städten der Welt. Aber sie sind von den Autos an den Rand gedrängt worden.

Preisdruck

Harte Zeiten sind das für die Fabrik in Tianjin: «Das Material wird immer teurer und die Löhne steigen», sagt Zhao. «Aber wir können unsere Preise nicht erhöhen.»

Immer noch macht das Unternehmen rund 20 Prozent seines Umsatzes mit jenem Fahrrad, das ihm schon zu Zeiten des Kommunismus der grosse Renner war: Ein schweres und klobiges Modell, das vor allem für seine Robustheit im Gelände gefeiert wurde.

Aber die Firma versucht nun auch, mit neuen Modellen die wählerisch gewordene Kundschaft für sich zu gewinnen. So gibt es auch Mountain-Bikes, Klappräder oder Velos mit Elektromotor. Einsteiger-Modelle für Studenten werden für umgerechnet 33 bis 50 Franken verkauft, Luxus-Drahtesel kosten rund 330 Franken.

Für Umweltschutz

Und dann gibt es da noch eine Entwicklung, die Zhao Xuejies Mine etwas aufhellt. Denn die Umweltverschmutzung ist inzwischen in vielen Städten Chinas kaum noch erträglich. Die Regierung hat sich den Kampf gegen den Smog auf ihre Fahnen geschrieben.

«Fahrräder können helfen, die Umwelt zu schützen», sagt er. Ausserdem könnten sich immer noch viele Menschen kein Auto leisten. Und die jungen Menschen in China müssten sich auch wieder mehr körperlich betätigen, findet Zhao. «In mancher Hinsicht bleibt das Fahrrad als unersetzlich.»

(sda)

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