Romneys geheime Tracht: Magische Unterhose als Wahlkampfrisiko
Aktualisiert

Romneys geheime TrachtMagische Unterhose als Wahlkampfrisiko

Mit einem Fauxpas reitet sich Obamas Herausforderer Mitt Romney ins Schlamassel. Da hilft auch der schräge Unterhosen-Kult seiner Religion wenig.

von
Martin Suter
New York

Bill Clinton konnte seinerzeit im Wahlkampf noch über seine Unterhosen lachen. «Boxers or briefs?» – Boxershorts oder Slips, wurde er 1994 bei MTV gefragt. Lachend antwortete der damalige Präsident: «Normalerweise Slips.»

Mitt Romney könnte eine ähnliche Frage peinlich werden. Als gläubiger Mormone muss der Herausforderer von Barack Obama nämlich Unterwäsche tragen, die mit Geheimsymbolen besetzt ist. Die auf die Gründungszeit der «Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage» im 19. Jahrhundert zurückgehende Kleidersitte gehört zu den vielen mormonischen Merkwürdigkeiten, die dem Republikaner zu schaffen machen – nebst allem anderen.

Video von Wählerbeschimpfung

Im Kopf-an-Kopf-Rennen um die amerikanische Präsidentschaft baut Obama seinen kleinen Vorsprung zunehmend aus. Romney scheint unfähig, die anhaltend schlechten Meldungen von der Wirtschaftsfront politisch zu seinen Gunsten auszuschlachten.

Die Schuld an dem Kriechgang trägt zu einem grossen Teil sein Wahlkampfteam. Es inszenierte letzten Monat in Tampa einen wenig begeisternden Parteikongress. Übers Wochenende machte der Politblog Politico publik, dass interne Machtkämpfe in Romneys Umfeld zur Verwirrung über die politische Botschaft des Kandidaten beitragen.

Obama und Romney können auch lustig

Am Montag dann der GAU: Verdeckt aufgenommene Videos von einem Geldsammelanlass im Internet zeigen, wie Romney die Hälfte der US-Wählerschaft, die angeblich keine Einkommenssteuern zahlt, als Menschen ohne Selbstverantwortung abqualifiziert.

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Mormonismus nur ein «Kult»?

Doch neben Patzern und Pechsträhnen schadet ihm im Wahlkampf auch die Religion. Nach einer Umfrage des Pew Instituts betrachten 68 Prozent der Amerikaner die «Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage» nicht als Teil des amerikanischen Mainstreams. 62 Prozent «wissen wenig oder nichts über den Mormonismus». Und 32 Prozent der Befragten glauben gar, Romneys Glaube sei keine christliche Religion.

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Vor allem vielen Evangelikalen ist unerträglich, dass das mormonische Dogma die Dreifaltigkeit ablehnt. Jesus ist für Mormonen nur der leibliche Sohn Gottes, nicht selbst Gott. Der evangelische Pastor Robert Jeffress aus Texas tat vergangenen November den Mormonismus schlicht als «Kult» ab.

Die Gläubigen befremdet zudem, dass Mormonen bis 1890 Vielweiberei betrieben und bis 1978 keine Schwarzen zum Priesteramt zuliessen. Nach einer neuen Umfrage des «Wall Street Journal» hegen bloss 55 Prozent der für die Republikaner wichtigen Evangelikalen positive Gefühle für Romney. Da hilft die geheime Mormonen-Tracht auch nicht unbedingt.

Baumwollwäsche als Erinnerung

Die Unterwäsche der Mormonen wird jene Amerikaner, die davon wissen, sicher auch befremden. Sind Gläubige in der Kirche der «Heiligen der letzten Tage» so weit vorangeschritten, dass sie den Tempel betreten dürfen, müssen sie hinfort immer, am Tag und in der Nacht, besondere Unterkleider tragen.

Die langärmlige, weisse Baumwollwäsche soll die Mormonen zu jeder Zeit an den Bund erinnern, den sie mit Gott geschlossen haben.

Wie ein ausführlicher Wikipedia-Artikel ausführt, ist das «Tempelgewand» im Lauf der Jahrzehnte modisch angepasst worden. Aber beibehalten wurden die gestickten Symbole: Auf der rechten Brust ein verkehrtes «L», auf der linken ein «V» und horizontale Striche beim Nabel und über dem rechten Knie.

Die Zeichen sind von Freimaurersymbolen abgeleitet und sollen den Tragenden schützen. Im Lauf der Zeit wurden sie unterschiedlich gedeutet. Nach einer Lesart von 1926 stehen sie für den geraden Weg zum ewigen Leben, für Genauigkeit und Ehre, für geistige Nahrung und die Bereitschaft niederzuknien.

«Unterhosen wurden nicht einmal angesengt»

Mitt Romney hat noch nie über die Bedeutung der Wäsche gesprochen, die er als Mormone im Bischofsrang einzig zum Baden ausziehen darf. Doch sein politischer Freund J. W. Marriott, der Chef der gleichnamigen Hotelkette, thematisierte die heimliche Tracht Anfang September bei einem Gottesdienst in Romneys Tempel.

Marriott erzählte, wie er einmal in New Hampshire in einen Bootsunfall verwickelt gewesen war. «Ich fing Feuer, meine Polyesterhosen brannten bis zum Gürtel ab. Aber meine Unterhosen von der Taille bis zu den Knien wurden nicht einmal angesengt.» Sie hätten keinerlei Brandspuren davon getragen, erinnerte sich Marriott. «Diese heilige Unterwäsche rettete mein Leben.»

Vielleicht liegt hier ein Grund verborgen, warum Mitt Romney trotz der Widrigkeiten des Wahlkampfs so frohgemut wirkt: Er vertraut auf die magischen Kräfte unter seinen Kleidern.

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