Zu Hitzlspergers Outing: Magnin: «Ich finde den Schritt stark»

Aktualisiert

Zu Hitzlspergers OutingMagnin: «Ich finde den Schritt stark»

Ludovic Magnin spielte mit Thomas Hitzlsperger vier Jahre beim VfB Stuttgart und ist vom Coming-out seines Freundes nicht überrascht.

von
Eva Tedesco

Von 2005 bis 2009 stand der ehemalige Nati-Vizecaptain Ludovic Magnin mit Thomas Hitzlsperger bei den Schwaben im gleichen Team. Der Mittelfeldspieler und 52-fache deutsche Nationalspieler gehörte der Clique um Ludovic Magnin, Marco Streller und Mario Gomez an. Gemeinsam wurden die vier 2007 auch deutscher Meister.

Ludovic Magnin, sind Sie überrascht vom Coming-out Ihres Freundes?

Ludovic Magnin: Nein, überhaupt nicht. Es hat immer schon Gerüchte gegeben und man hat es geahnt. Wir waren befreundet und haben auch neben dem Platz viel gemeinsam unternommen. Für mich ändert das nichts an unserer Freundschaft. Thomas war immer ein super Typ und wird das immer bleiben. Sein Coming-out zeigt nur seine Klasse. Er wollte schon als Spieler immer etwas bewegen und mit seinem Interview will er das wieder – diesmal in einem grösseren Umfang.

Einmal mehr kommt ein Prominenter erst nach dem Karriereende mit so einem Coming-out. Wäre ein früherer Zeitpunkt unmöglich gewesen?

Als Aktiver ist das unmöglich! Aber nicht wegen der Mitspieler, sondern wegen der Gegner und der Fans. Der Versuch, zu provozieren, gehört im Fussball dazu. Für ihn wäre es sehr schwer geworden nach einem Coming-out. Die Gesellschaft ist nicht so weit, damit umzugehen. Das wird noch ein paar Jahre dauern.

Dementsprechend mutig war der Schritt an die Öffentlichkeit?

Das denke ich schon, aber für mich schliesst sich da nur ein Kreis. Thomas war immer ein Führungsspieler, sehr belesen, intelligent, mit einem starken Charakter. Er war nie nur ein Ja-Sager. Ich habe es ihm zugetraut und er wird sich seinen Schritt sehr genau überlegt haben. Das war sicher keine Kurzschlusshandlung. Er wird die Reaktionen eingeschätzt haben und wird nun von ihnen nicht überrumpelt.

Werden Sie auch mit ihm sprechen?

Ich denke schon. Wir waren ja gut befreundet. Zwar ist der Kontakt in den letzten Jahren etwas eingeschlafen, aber ich werde ihm jetzt gratulieren zu seinem Schritt. Ich finde das stark! Und ich werde ihm auch versichern, dass sich für mich nichts ändert.

Aber wieso erst jetzt? Sie haben selbst gesagt, dass es immer Gerüchte gab. Wieso haben Sie ihm das nie gesagt, als Sie noch in einer Mannschaft gespielt haben?

Eine berechtigte Frage, aber du gehst ja nicht einfach so zu deinem Freund und fragst ihn, ob etwas an dem Gerücht sei. Zumindest habe ich das nie gemacht.

Der Fussball ist zudem multikulti. Erschweren verschiedene Religionen und Mentalitäten in einer Mannschaft das Akzeptieren?

Das glaube ich nicht. Das ist keine Frage der Religion, sondern der Erziehung und wie man sich so eines Themas annimmt.

Aber in der jüngeren Vergangenheit haben Profisportler vermehrt Tabuthemen öffentlich angesprochen. Ich denke da auch an Robert Enke, der offen über seine Ängste und Depressionen gesprochen hat. Sind das nicht Anzeichen, dass die Gesellschaft offener wird?

Diese Themen kann man nicht vergleichen. Das eine ist eine Krankheit, das andere nicht. Das Problem ist, dass Profisportler in der Öffentlichkeit stehen. Natürlich hat sich die Welt grausam verändert. Meine Kindheit ist zum Beispiel mit der Kindheit meiner Kinder nicht zu vergleichen. Was damals tabu war, ist es heute nicht, und was heute tabu ist, wird es in 20 Jahren vielleicht nicht mehr sein. Aber ehrlich: Auch aus dem Fall Enke hat keiner was gelernt. Wie gesagt, wahrscheinlich wird das noch ein paar Jahre dauern.

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