Kafala-System: «Nirgends steht, dass sie an ihrem freien Tag das Haus verlassen darf»

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Kafala-System«Nirgends steht, dass sie an ihrem freien Tag das Haus verlassen darf»

In Beiruter Luxus-Appartements aus der Feder von Herzog & de Meuron wohnen und arbeiten auch Hausangestellte unter prekärsten Bedingungen. Das steht hinter dem sogenannten Kafala-System im arabischen Raum.

von
Lukas Hausendorf
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Im Libanon arbeiten Haushaltshilfen unter prekären Bedingungen. Sie leben bei Familien in sogenannten Maid-Rooms. Dies sind fixer Bestandteil von Luxus-Appartments. Auch in einem Projekt der Basler Architekten Herzog & de Meuron, was für Kritik sorgte.

Im Libanon arbeiten Haushaltshilfen unter prekären Bedingungen. Sie leben bei Familien in sogenannten Maid-Rooms. Dies sind fixer Bestandteil von Luxus-Appartments. Auch in einem Projekt der Basler Architekten Herzog & de Meuron, was für Kritik sorgte.

AFP
Dieses Hochhaus aus der Feder der Basler Starachitekten Herzog & de Meuron steht in der libanesischen Hauptstadt Beirut.

Dieses Hochhaus aus der Feder der Basler Starachitekten Herzog & de Meuron steht in der libanesischen Hauptstadt Beirut.

beirutterraces.com
So grosszügig wie die Luxus-Wohnungen sind, so spartanisch sind die Bedienstetenzimmer darin. Eine Schweizer Architektin machte darauf auf Twitter aufmerksam. Man müsse nicht alles bauen und jeden Auftrag annehmen, kritisiert sie. Ihr Tweet wurde vielfach geteilt und rege kommentiert.

So grosszügig wie die Luxus-Wohnungen sind, so spartanisch sind die Bedienstetenzimmer darin. Eine Schweizer Architektin machte darauf auf Twitter aufmerksam. Man müsse nicht alles bauen und jeden Auftrag annehmen, kritisiert sie. Ihr Tweet wurde vielfach geteilt und rege kommentiert.

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Darum gehts

  • Ein Hochhaus in Beirut, das von den Stararchitekten Herzog & de Meuron gebaut wurde, steht in der Kritik.

  • Das Gebäude wurde mit kleinen Kammern ausgestattet, in denen jeweils die Hausangestellten der Mietenden leben. Die sogenannten Maids werden teils wie Sklaven behandelt, kritisieren verschiedene Organisationen.

  • Die Schweizer Architekten agieren in diesem ausbeuterischen System und machen sich zu Mittätern, so Kritikerinnen und Kritiker.

«Wir schätzen, dass es im Libanon aktuell rund 400’000 Arbeitsmigrantinnen aus Asien und Afrika gibt», sagt Natalie Wenger von der Menschenrechtsorganisation Amnesty International.  Einige davon wohnen und arbeiten an bester Adresse an der Beiruter Hafenpromenade im Appartement-Hochhaus Beirut Terraces. Der 119-Meter-Wohnturm stammt aus der Feder der Basler Stararchitekten Herzog & de Meuron. Die Wohnungen für die reiche Elite sind bis zu 1000 Quadratmeter gross und haben durchgängige Fensterfronten und grosszügige Terrassen. Die fensterlosen Zimmer der Haushaltsangestellten sind kaum vier Quadratmeter gross. 

Auf Twitter kritisierte eine Schweizer Architektin ihre berühmten Berufskollegen. Sie würden mit der Realisierung der Bediensteten-Räume «das berüchtigte sklavenähnliche Kafala-System» direkt unterstützen. Das Kafala-System ist im arabischen Raum weit verbreitet. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty ist mit der Situation im Libanon und in Katar vertraut. «Im Kafala-System übertragen die Angestellten alle ihre Rechte dem Arbeitgeber. Oft müssen sie ihren Pass abgeben und häufig wird ihr Lohn aus willkürlichen Gründen zurückgehalten», weiss Natalie Wenger. Ohne Zustimmung ihres Arbeitgebers dürfen sie weder künden noch die Stelle wechseln.

«Es steht nirgends, dass sie das Recht hat, an ihrem freien Tag das Haus zu verlassen»

Nizar Sagieh, Anwalt in Beirut

«Im Libanon fallen sie nicht unter das normale Arbeitsrecht. Es gibt keinen Mindestlohn, kein Recht auf Elternurlaub. Die fallen einfach durchs Netz», so Wenger. Sie seien völlig der Willkür ihrer Arbeitgeber ausgeliefert. Amnesty weiss aus Berichten von Betroffenen im Libanon und Katar, dass Löhne gekürzt oder zurückgehalten werden, wegen WC-Pausen oder weil «zu langsam» gearbeitet worden sei. Die NGO spricht von «sklavengleichen» Abhängigkeitsverhältnissen. «Die Arbeitsbedingungen sind sehr ausbeuterisch», so Wenger.

Die Maids erhalten zwar Arbeitsverträge, die ihnen einen freien Tag pro Woche garantieren. «Es steht aber nirgends, dass sie das Recht hat, an diesem Tag das Haus zu verlassen», erklärt der libanesische Anwalt Nizar Sagieh in der Dokumentation «Maid for Each» des Filmemachers Maher Abi Samra. In Beirut gibt es unzählige, staatlich lizenzierte Agenturen, die Haushaltshilfen aus den Philippinen, Sri Lanka oder Äthiopien vermitteln. 

Die Unterbringung in engsten räumlichen Verhältnissen verletze oft auch das Recht auf Privatsphäre. Teilweise müssten sich mehrere Angestellte winzige Zimmer teilen. Nicht von ungefähr heisst ein Report von Amnesty über das Kafala-System «Their house is my prison». Der Europäische Ausschuss zur Verhütung von Folter hat eine Mindestnorm für Gefängnisse festgelegt, die vier Quadratmeter für jeden Bewohner einer mit mehreren Personen belegten Zelle beträgt – gleich viel wie die Hausangestellten in Beirut. 

Die Maids stehen ihren Arbeitgebern rund um die Uhr zur Verfügung. Nicht selten auch körperlich. «Gerade, wenn sie bei den Familien wohnen, bei denen sie angestellt sind, sind sie oft sexualisierter Gewalt ausgesetzt», so Wenger. Sie haben kaum Möglichkeiten, sich zu wehren. «Der Sponsor wird nie bestraft», so Anwalt Nizar Sagieh. Es komme auch regelmässig zu Suiziden. 

«Das wenige Geld, das sie verdienen, schicken sie nach Hause, für sie selbst bleibt praktisch nichts»

Natalie Wenger, Amnesty Schweiz

Um für die reichen Familien in Beirut und anderswo zu kochen, putzen und deren Kinder zu betreuen, verlassen sie ihre Familien in der Heimat. Die eigenen Kinder können sie monate- oder jahrelang nicht mehr sehen. Dies unter dem Versprechen, ein besseres Auskommen in der Fremde zu finden. «Das wenige Geld, das sie verdienen, schicken sie nach Hause, für sie selbst bleibt praktisch nichts», so Wenger.

Im Hinblick auf die Fussballweltmeisterschaft hat die Regierung von Katar versprochen, das Kafala-System abzuschaffen. Offiziell wurde es im August mit einem neuen Arbeitsgesetz abgeschafft, dieses sieht auch einen diskriminierungsfreien Mindestlohn vor. Tatsächlich bestehe es aber fort, sagt Wenger. «Gerade wegen der Fussball-WM haben wir sehr auf Katar fokussiert. Das Versprechen wurde nicht eingehalten», stellt die Amnesty-Sprecherin fest. 

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