Mailänder sind seit 2000 Jahren gleich gross geblieben

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Europäische AusnahmeMailänder sind seit 2000 Jahren gleich gross geblieben – das steckt dahinter

In Europa sind die Menschen in den vergangenen 2000 Jahren abwechselnd grösser und kleiner geworden. Davon ausgenommen sind laut einer Studie Mailänderinnen und Mailänder.

von
Fee Anabelle Riebeling
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Tolle Bauten, tolle Mode, tolles Essen: Mailand ist für viele Dinge bekannt. Nun sorgt die Metropole in der norditalienischen Lombardei mit einer anderen Besonderheit für Aufsehen. 

Tolle Bauten, tolle Mode, tolles Essen: Mailand ist für viele Dinge bekannt. Nun sorgt die Metropole in der norditalienischen Lombardei mit einer anderen Besonderheit für Aufsehen. 

IMAGO/aal.photo
Denn anders als im Rest von Europa, wo die Menschen in den vergangenen 2000 Jahren abwechselnd grösser und kleiner geworden sind, ist die Durchschnittsgrösse der Mailänderinnen und Mailänder in dieser Zeit unverändert geblieben. Das haben italienische Forschende anhand von Knochenanalysen nachgewiesen. (Im Bild: Der in Mailand geborene Politiker Silvio Berlusconi)

Denn anders als im Rest von Europa, wo die Menschen in den vergangenen 2000 Jahren abwechselnd grösser und kleiner geworden sind, ist die Durchschnittsgrösse der Mailänderinnen und Mailänder in dieser Zeit unverändert geblieben. Das haben italienische Forschende anhand von Knochenanalysen nachgewiesen. (Im Bild: Der in Mailand geborene Politiker Silvio Berlusconi)

IMAGO/Matteo Gribaudi
Die untersuchten Gebeine stammten aus fünf verschiedenen Epochen: Dem Römischen Reich in den ersten fünf Jahrhunderten nach Beginn der Zeitrechnung (rot), dem frühen Mittelalter (blau), dem späten Mittelalter (grün), dem Beginn der Moderne (lila) und der Gegenwart. (Im Bild: Karte mit den Ausgrabungsorten der Knochen, der Fundort der jüngsten Knochen liegt ausserhalb des abgebildeten Bereichs)

Die untersuchten Gebeine stammten aus fünf verschiedenen Epochen: Dem Römischen Reich in den ersten fünf Jahrhunderten nach Beginn der Zeitrechnung (rot), dem frühen Mittelalter (blau), dem späten Mittelalter (grün), dem Beginn der Moderne (lila) und der Gegenwart. (Im Bild: Karte mit den Ausgrabungsorten der Knochen, der Fundort der jüngsten Knochen liegt ausserhalb des abgebildeten Bereichs)

Scientific Reports: L. Biehler-Gomez et al. (2023)

Darum gehts

  • Normalerweise folgt die Entwicklung der Körpergrösse in Europa einer U-Form: Mal werden die Menschen eine Zeit lang grösser, dann wieder kleiner. 

  • Eine Analyse von sterblichen Überresten aus den letzten 2000 Jahren zeigt nun, dass dies nicht überall der Fall war.  

  • Laut einer neuen Studie aus Italien ist die durchschnittliche Körpergrösse der Mailänderinnen und Mailänder in den letzten zweitausend Jahren unverändert geblieben. 

  • Der Schweizer Körpergrössenforscher Kaspar Staub hält das Studienergebnis für plausibel.

  • Er weist aber darauf hin, dass Forschungsarbeiten, die so viele Jahrhunderte zurückgehen, mit Unsicherheiten behaftet sind.

Punkto Körpergrösse kommen Kinder in der Regel ihren Eltern nach: Sind diese hochgewachsen, wird auch der Nachwuchs gross. Sind Mutter und Vater eher klein, färbt auch das auf die Nachkommen ab. Denn: Verantwortlich für die Körpergrösse sind in erster Linie die Gene. Doch auch äussere Umstände wie Bewegung, Krankheiten, Ernährung oder das Klima spielen eine Rolle (siehe Box). Und die beeinflussen nicht Einzelpersonen, sondern ganze Populationen und sogar noch grössere Gruppen wie etwa «die Menschen in Europa».

Laut Studien folgt die Entwicklung der Körpergrösse in Europa einer U-Form: Die Menschen im Römischen Reich und im frühen Mittelalter waren demnach verhältnismässig gross. Im späteren Mittelalter bis zur Moderne wurden die Menschen immer kleiner, bis sie schliesslich im 20. Jahrhundert wieder grösser wurden. Doch wie Forschende der Università degli Studi di Milano im Fachjournal «Scientific Reports» berichten, gibt es Ausnahmen von diesem europaweiten Trend: die Mailänderinnen und Mailänder. Sie sind in den letzten 2000 Jahren weitestgehend gleich gross geblieben.

Welche Umstände führen zu welcher Grössenentwicklung?

Spricht man über die Einflussfaktoren von Körpergrösse, muss man zwischen der individuellen Ebene und der Populationsebene unterscheiden. Erstere wird zu rund 80 Prozent durch Gene und zu etwa 20 Prozent durch Lebensumstände geprägt. Auf Populationsebene spielen dagegen die äusseren Umstände wie Umweltbedingungen oder Lebensstandard der Bevölkerung die Hauptrolle. Der Aspekt, wie gut es einer Gesellschaft geht, ist da ausschlaggebend.

In der Vergangenheit haben Forschende herausgearbeitet, dass Faktoren wie Kälteperioden, Kriege, Religionskonflikte, Arbeitslosigkeit und Epidemien die Menschen in Europa im historischen Rückblick statistisch schrumpfen liessen. Grösser wurden Menschen hingegen durch zum Beispiel Wohlstand, hohe Ernteerträge, politische Stabilität und Impfkampagnen.

Ebenfalls eine Rolle spielt punkto der durchschnittlichen Körpergrösse von Populationen die sogenannte Bergmannsche Regel. Diese bezieht sich auf Warmblüter, zu denen auch der Mensch gehört, und besagt, dass Arten, die in kalten Gebieten leben, durchschnittlich grösser sind als verwandte Arten, die in wärmeren Regionen leben.

Mailänder Durchschnittsgrösse ist über Jahrtausende gleich geblieben

Zu der Erkenntnis gelangte das Team um die Paläopathologin Lucie Biehler Gomez durch die Analyse von Knochen. Diese stammten von 549 einfachen und eher armen Männern und Frauen aus verschiedenen Ausgrabungsstätten in Mailand. Die Überreste konnten auf fünf verschiedene Epochen zugeordnet werden: dem Römischen Reich in den ersten fünf Jahrhunderten nach Beginn der Zeitrechnung, dem frühen Mittelalter (6. bis 10. Jahrhundert), dem späten Mittelalter (11. bis 15. Jahrhundert), dem Beginn der Moderne (16. bis 18. Jahrhundert) und der Gegenwart (19./20. Jahrhundert).

Die Körpergrösse der Personen wurde anhand der Knochenmasse hochgerechnet. Demnach waren die Mailänder Männer in all den Jahren zwischen 152 und 195,4 Zentimeter gross (Durchschnittsgrösse: 168,5 Zentimeter). Die Grösse der Frauen lag zwischen 143,5 und 177,6 Zentimeter (Durchschnittsgrösse: 157,8 Zentimeter). Bei beiden Geschlechtern blieb der Durchschnittswert über 2000 Jahre nahezu gleich, so das Team um Biehler Gomez.

Mailänderinnen und Mailändern ging es immer ziemlich gut

Wieso die Menschen in Mailand dem europäischen U trotzen, ist nicht ganz klar. Doch laut den Forschenden kommen mehrere Erklärungen infrage: So ging es den Menschen in der heutigen Metropole dank natürlicher Ressourcen wie Wasser, Holz, Viehzucht und fruchtbaren Böden schon immer gut. Stadtmauern schützten sie vor Angreifern.

Zudem kümmern sich die Mailänderinnen und Mailänder schon immer gut umeinander. Selbst für die schwächer gestellten Menschen wurde wohltätig gesorgt. Dadurch hatten auch diese einen vergleichsweise hohen Lebensstandard. Arme und Kranke wurden in sogenannten Xenodochien gepflegt. Auch gab es hier früh – das heisst: ab dem 13. Jahrhundert – erste Spitäler. All das dürfte laut dem Team um Biehler Gomez für die über all die Jahrhunderte gleich bleibende Durchschnittskörpergrösse der Menschen in Mailand gesorgt haben.

Mailänder Ergebnisse mit Unsicherheiten behaftet

Kaspar Staub vom Institut für Evolutionäre Medizin der Universität Zürich forscht selbst zu Körpergrössen und hält die Ausführungen der italienischen Forschenden für plausibel und nachvollziehbar. Er weist aber darauf hin, dass Forschungsarbeiten, die so viele Jahrhunderte zurückgehen, mit Unsicherheiten behaftet sind. Einerseits, weil es sich um Grössenschätzungen handelt, ausgehend von den heute noch zu findenden Knochen. Andererseits, weil Anthropologinnen und Anthropologen mit vergleichsweise kleinen Datensätzen arbeiten können. «Die Studienergebnisse stimmen für die 549 untersuchten Skelette», so Staub.

«Die Tessiner sind schon immer kleiner als die Nordschweizer.»

Kaspar Staub, Historiker und Epidemiologe vom Institut für Evolutionäre Medizin der Universität Zürich

Denn es gibt nicht nur auf kontinentaler Ebene, sondern auch innerhalb eines Landes grosse Unterschiede (siehe Bildstrecke). Das zeige sich auch in der Schweiz: «Die Tessiner sind schon immer kleiner als die Nordschweizer», so Staub. Für Vergleiche innerhalb eines Landes und von verschiedenen Regionen brauche man deshalb möglichst grosse Datensamples, um breit abgestützte Populationsmittelwerte zu haben. Doch solche gibt es nur für die letzten rund 200 Jahre: «Solche Daten können aus Passregistern, Rekrutierungen, Schulerhebungen oder auch aus Gesundheitsstudien stammen.»

Mehr Daten, besserer Überblick

Da solche «Lebenddaten», wie Staub sie nennt, nicht für längst verstorbene Personen erhoben werden können, werden in europäischen oder sogar internationalen Projekten basierend auf Skelettdaten mehrere Studien zusammengezogen – «um sicherere Aussagen treffen zu können».

Welchen Einfluss dieses in Relation hat, zeigt folgendes Beispiel: «Das italienische Team erklärt – entgegen dem in ganz Europa zu beobachtenden Trend –, kein Grösserwerden der Menschen in Mailand zu sehen», so Staub. Das liege auch daran, dass sie die neue Zeit als eine Gruppe betrachten. «Würde man diese Phase aber aufschlüsseln – etwa nach Geburtsjahrzehnten innerhalb der letzten 200 Jahre –, würde man auch bei diesen Skelettdaten wohl das sehr gut belegte starke Grössenwachstum in den letzten 150 Jahren und auch das Stagnieren in den letzten rund 40 Geburtsjahrzehnten erkennen.»

Das Abbremsen des Grössenwachstums ist laut aktuellem Kenntnisstand am ehesten auf das Erreichen des genetischen Limits zurückzuführen: «Wir Menschen sind wohl nicht dafür gemacht, im Durchschnitt zwei Meter gross zu werden.» Entsprechend sind derart grosse Menschen sehr, sehr selten.

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