25.03.2016 13:33

SC BernMajestätsbeleidigung der Marke Leuenberger

Stanley-Cup-Sieger Marc Crawford hat er schon in die Ferien geschickt. Wirft Lars Leuenberger nun auch Übertrainer Arno Del Curto raus?

von
Marcel Allemann

In der aktuellen NLA-Saison gibt oder gab es zwei Trainer mit einem ganz grossen Palmarès. Einer heisst Marc Crawford und gewann 1996 mit dem Stanley-Cup die begehrteste Eishockey-Trophäe der Welt. Der andere ist sechsfacher Meistercoach von Davos. Eine Ikone. Kulttrainer Arno Del Curto. Und dann gibt es da noch einen gewissen Lars Leuenberger, und der schickt sich an, quasi zum flächendeckenden Königsmörder zu werden.

Crawford, nebenbei auch noch NLA-Meistercoach 2014, hat er beim 4:0-Sieg gegen die ZSC Lions nicht nur ausgecoacht, sondern gleichzeitig auch aus dem Amt gefegt. Und nun ist Leuenberger auf dem besten Weg, die Saison von Del Curto vorzeitig zu beenden. Drei Matchbälle hat sein SC Bern. Was immer Del Curto macht, es scheint so, als hätte Leuenberger in dieser Halbfinal-Serie eine Antwort parat. Ungeheuerlich und fast schon respektlos, denn Del Curto ist eigentlich Leuenbergers Vorbild.

Lange belächelt und Kritik unter der Gürtellinie

Als Crawford 1996 mit den Colorado Avalanche in der NHL triumphierte, war der heute 40-jährige Leuenberger als Spieler in seiner zweiten Saison beim SC Bern, schoss in dieser gerade mal mickrige drei Törchen und unterlag im Playoff-Final dem damaligen Serienmeister EHC Kloten. Das waren noch Zeiten. Und als Del Curto mit dem HCD 2002 seinen ersten Meistertitel feierte, spielte «Laser», so der Übernahme von Leuenberger, bei Fribourg mit 16 Toren und 20 Assists eine der besten Saisons seiner Karriere, welche ihm anschliessend die Rückkehr nach Bern ermöglichte. Als Aktiver hatte der lediglich 172 Zentimeter grosse Stürmer bei Bern, Fribourg, Basel und Ambri eine schöne, aber keine herausragende NLA-Karriere.

Als Trainer wurde der Ehemann der TV-Moderatorin Nicole Berchtold (zu) lange belächelt und nicht wirklich ernst genommen. Nachdem er den SCB nach der Entlassung von Guy Boucher im November übernommen hatte, musste sich Leuenberger in der Folge immer wieder der medialen Kritik stellen, weil die Mutzen weiterhin in den hinteren Regionen der Tabelle herumdümpelten. Teilweise zielte diese auch unter die Gürtellinie. Es war bewundernswert, wie souverän und gelassen der Uzwiler dies tat.

Reaktion nach Videoanalyse

Genauso souverän tritt er nun auch in den Playoffs auf. Leuenberger hat in Windeseile alle Facetten dieses Geschäfts kennengelernt. Das hilft ihm derzeit zweifellos auch, auf dem Boden zu bleiben und sich nicht so überragend zu fühlen, wie er nun plötzlich gemacht wird. Wie er sich auch nicht als derart miserabel empfand, wie er gemacht wurde, als in Bern noch ein ganz anderer Wind wehte. Dieser Mann ist mit sich selbst im Gleichgewicht.

Dass es der SCB nach der 1:7-Klatsche vom Dienstag schaffte, in dieser Halbfinal-Serie nicht abreissen zu lassen, sondern am Gründonnerstag zu reagieren, und den HCD nach einem Klassespiel mit 3:2 nach Verlängerung zu bezwingen, ist Leuenbergers jüngster Leistungsausweis. «Wir waren uns bewusst, was in Davos falsch lief, und haben entsprechende Videoclips nochmals angeschaut. Wenn man einmal so hoch verliert, ist das aber grundsätzlich nicht so tragisch, so etwas muss man wegstecken können», sagt der Ostschweizer rückblickend.

Darüber, wie viel Energie sein Team in diesen Playoffs freizusetzen vermag und die Gegner damit teilweise richtig plattwalzt, staunt er gelegentlich sogar selber und sagt als Erklärung: «Wenn der Stress abfällt und es läuft, dann hat man plötzlich diese Energie, verfügt über die Beine, die es braucht, und holt das Letzte aus sich raus.» Stürmer Simon Bodenmann ergänzt: «Wir haben die Freude am Eishockey wiedergefunden, und das Wichtigste ist nun, dass wir diese beibehalten.»

Ist bald ein Schweizer Meistertrainer auf dem Markt?

Nun steht am Ostersamstag also der erste Matchpuck an, und die Berner sind bestrebt, bereits diese Chance zu packen. «Wir fahren nach Davos, um den Sack zuzumachen», sagt Stürmer Tristan Scherwey bestimmt. Und Leuenberger weiss auch, wie das klappen soll: «Wir müssen so auftreten wie am Donnerstag.» Das wäre in der Tat nicht schlecht für den SCB, denn an diesem Abend war das Resultat das mit Abstand Beste für die spielerisch chancenlosen Davoser. Es würde auf jeden Fall zu einem prägnanten Bild, wenn der grosse Del Curto am Ende dem kleinen Leuenberger tatsächlich zum Weiterkommen gratulieren müsste.

Die Berner haben in den letzten Wochen manch verrückten Playoff-Abend abgeliefert. Was da wohl noch an weiterem Entertainment kommt? Wird dieser auf wundersame Weise auferstandene SCB nun tatsächlich Meister? Nach der Viertelfinal-Serie gegen die ZSC Lions wurde bekannt, dass Leuenberger über diese Saison hinaus so oder so nicht SCB-Trainer bleiben kann oder darf. Womöglich ist in Kürze ein Schweizer Meistertrainer auf dem Markt. Wie verrückt wäre das denn? Sieben Siege dazu hat Leuenberger schon, noch fehlen ihm fünf.

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