Frankreich in Afrika: Mali gerettet - Problem nicht gelöst
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Frankreich in AfrikaMali gerettet - Problem nicht gelöst

Mit Hilfe der Franzosen wurden die Islamisten in Mali zurückgedrängt. Was bleibt, ist ein Chaos aus verschiedenen Gruppen im Land. An die Selbstlosigkeit Frankreichs glaubt niemand mehr.

Mali ist vor den islamischen Fundamentalisten gerettet. Dank dem militärischen Eingreifen Frankreichs konnte die Entstehung einer neuen Basis für Al-Kaida-Terroristen verhindert werden. So scheint es auf den ersten Blick. Bei näherem Hinsehen erweist sich die Situation komplizierter und die Rolle Frankreichs eigennütziger.

In Mali streiten sich nicht nur gemässigte und radikale Muslime um Einfluss, sondern auch das quer durch die Sahara hindurch Handel treibende Volk der Tuareg. Sie machten im vergangenen Jahr Furore mit der Ausrufung eines eigenen Staates in den nördlichen zwei Dritteln des malischen Territoriums.

Nach Einschätzung des Luzerner Afrika-Kenners Al Imfeld liessen sich die Tuareg immer wieder von verschiedenen Seiten einspannen und für fremde Ziele missbrauchen - vor der Unabhängigkeit Malis 1960 von der Kolonialmacht Frankreich und erst kürzlich vom libyschen Langzeitmachthaber Muammar al-Gaddafi.

Heftige Gefechte in Mali

Nach Gaddafis Sturz gerieten die nach Mali zurückkehrenden Tuareg zeitweise unter den Einfluss von militanten islamischen Fundamentalisten, ihrerseits keine Tuareg, die ihre Radikalisierung der Ausbreitung des saudi-arabischen Wahhabismus verdanken. Dieser steht im Gegensatz zum in Mali verbreiteten afrikanisierten Sufismus – einer mystischen Richtung im Islam.

Die Tuareg, die im Zusammenhang mit dem Konflikt in Mali in die Schlagzeilen gerieten, seien heterogen und machten nur wenige Prozent der Gesamtbevölkerung von Mali aus, sagt Imfeld im Gespräch mit der Nachrichtenagentur SDA. Ihr Lebensraum erstrecke sich über mehrere Länder in der Sahara: So treffe man sie hauptsächlich in Niger, Algerien und Mali an – ausserdem in Tschad und Libyen.

Unübersichtliche Lage

Zur Unübersichtlichkeit der Lage in Mali trägt die Existenz von Schmuggelbanden, Drogenhändlern und anderen Kriminellen bei, die mit Islamisten und Tuareg gleichermassen zusammenarbeiten und ihr Fähnchen nach dem Wind hängen, der gerade weht.

In diesem Wirrwarr verschiedenster Gruppen und Interessen werde die Einmischung Frankreichs keine Lösung bringen. Dies sei darum so, weil Paris sicherstellen wolle, dass der Norden Malis nicht zu einer fremden Einflusssphäre werde, sagt Imfeld. Er denkt dabei vor allem an Saudi-Arabien und hat im Hinterkopf auch China.

Kolonialmacht Frankreich

In Mali gehe es Paris vorrangig um eigene Interessen und nicht um die Befreiung des Landes von islamischen Fundamentalisten. Die ehemalige Kolonialmacht sei im Grunde immer noch eine und wolle ihre wirtschaftlichen und militärischen Interessen in Westafrika wahren, sagt Imfeld.

Bilder von jubelnden Massen zum Empfang des französischen Präsidenten kürzlich in der malischen Hauptstadt Bamako könnten gestellt sein, warnte der Luzerner in einem Interview mit der «Neuen Luzerner Zeitung» vom Mittwoch. Eine unabhängige Berichterstattung aus dem Konflikt in Westafrika sei nämlich nicht möglich.

Der studierte Theologe, Philosoph und Tropen-Agronom Imfeld war selber jahrelang als Kriegsberichterstatter unterwegs im Vietnam-Krieg und auch in Afrika. Opfer militärischer Zensur ist er selbst schon geworden.

Frankreich gebe die Uranvorkommen in Mali und besonders in Niger nicht einfach preis. Ausserdem sei die Sahelzone insgesamt militärisch wichtig – als Atomtestgelände und als Forschungs- und Übungsgelände für französische Drohnen zum Beispiel.

Kolonialzeit nicht zu Ende

Aus diesem Grund setze Paris auch nach der offiziellen Unabhängigkeit vieler afrikanischer Staaten um 1960 weiterhin Frankreich-freundliche Eliten ein – oder je nach Belieben auch wieder ab. Es sei, als habe die Kolonialzeit nie aufgehört, sagt Imfeld.

Soudan Français (Französischer Sudan) hiess das unter französischer Kolonialherrschaft stehende Westafrika von 1890 bis 1902 und noch einmal von 1920 bis 1960. Heute ist das Gebiet aufgeteilt in mehrere Sahel-Staaten. (sda)

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