Zur Schule chauffiert: «Mama-Taxis erhöhen Risiko für Schulkinder»
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Zur Schule chauffiert«Mama-Taxis erhöhen Risiko für Schulkinder»

Auf den Parkplätzen vor den Schulhäusern wird es enger und enger: Immer öfter fahren Eltern ihre Kinder mit dem Auto zur Schule. Ein Augenschein vor Ort.

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taw/zfo/wed/sma

Schon morgens vor 8 Uhr herrscht am Montag Grossbetrieb auf dem Parkplatz vor dem Schulhaus Hofmatt in Meggen LU. Für die Kinder ist es der erste Schultag nach den langen Sommerferien. Doch statt dass sie mit dem Gspöndli gemeinsam zur Schule laufen und Ferienerlebnisse austauschen, werden viele Schüler von ihren Eltern mit dem Auto hingebracht. «Ich bin gerade auf dem Weg zur Arbeit, darum habe ich mein Kind mitgenommen. Und weil schlechtes Wetter ist», erzählt eine Mutter.

So reihen sich auf dem Parkplatz in Meggen an diesem Morgen gut ein Dutzend Autos auf. Eine andere Mutter erklärt: «Ich muss sowieso das kleinste Kind in den Kindergarten bringen. Ausserdem haben meine Kinder einen langen Schulweg, weil wir am anderen Ende von Meggen wohnen.»

Eltern-Taxis gefährden Schulkinder

Die beiden Mütter sind längst nicht die Einzigen, die ihre Kinder chauffieren: Bereits 2008 kam laut einer Untersuchung jedes zehnte Kind zu Beginn der Primarschulzeit im Auto zur Schule. Heute dürften es einige mehr sein: «Die Tendenz ist klar zunehmend», sagt Rolf Moning, Sprecher der Bundesstelle für Unfallverhütung BFU. Ihm gefällt der Trend gar nicht. Denn Eltern, die ihr Kind in die Schule fahren, werden selbst zum Sicherheitsrisiko. Moning: «Riskante Wendemanöver vor Schulhäusern gehören zum Alltag und gefährden eigene und andere Kinder.»

Paradoxerweise würden Eltern in Befragungen als Motiv für das Mama-Papa-Taxi meist die Angst um ihre Kinder auf dem gefährlichen Schulweg nennen. Moning: «Sie sind sogar oft überzeugt, einen Beitrag zur Verkehrssicherheit zu leisten.» Doch das Gegenteil sei der Fall: «Mama-Papa-Taxis erhöhen das Risiko für Schulkinder.» Kinder würden so nicht lernen, Verkehrsgefahren zu erkennen und sich entsprechend zu verhalten.

Massnahmen finden wenig Gehör

Eine Erkenntnis, die auch Peter Wunderlin, Gemeindepolizist in Kilchberg, beobachtet. Auch in der Zürcher Gemeinde kennt man die Problematik der Eltern-Taxis. «Das finde ich sehr schade, weil wir früher am meisten auf dem Schulweg erlebt haben und die Kinder diese Erlebnisse nun verpassen», so Wunderlin.

Die Schulbehörde versuche zwar, die Eltern zu sensibilisieren, oft scheinen die Anweisungen allerdings kein Gehör zu finden: «Wir weisen an den Elternabenden immer wieder darauf hin, dass die Kinder zu Fuss zur Schule kommen sollen», sagt Helen Bauer, Schulleiterin in Kilchberg. Man habe nun ein Abkommen mit der Polizei, die zu Beginn des Schuljahres regelmässig vor Ort sei, um den Verkehr zu kontrollieren. «Ausserdem bitten sie die Eltern, nicht gleich vor die Tür des Schulhauses zu fahren.»

Autos versperren Schulweg

Nicht selten versperren die Autokolonnen den Kleinen gar den Schulweg: «Die zahlreichen Autos behindern den Schulbus und halten auf dessen Wendeplatz», sagt Markus Herzog, Abteilungsleiter Schulverwaltung in Frauenfeld, der seit Jahren ebenfalls eine starke Zunahme der Eltern-Taxis feststellt.

Die Eltern aber zeigen sich laut Herzog wenig einsichtig - was sich beim Augenschein vor Ort auch mehrmals bestätigt. «Ich bin aus Deutschland gewohnt, dass man die Kinder zur Schule fährt», meint eine der zahlreichen Mütter, die ihr Kind am Mittag von der Frauenfelder Schule zum Essen abholt. Es sei halt eine Frage der Sicherheit, ist die Mutter überzeugt.

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