Aktualisiert 14.06.2020 17:01

Suizid-Betroffene

«Mami nahm sich das Leben, während ich schlief»

Bettina (27) war 16 Jahre alt, als ihre Mutter Suizid beging. Ihre Familie ist daran zerbrochen.

von
Autorin: Désirée Pomper; Video: Tarek El Sayed, Regie: Désirée Pomper/Tarek El Sayed

Video-Serie: Suizid-Betroffene

  • Teil 1: «Warum hat uns Marvin alleingelassen?»
  • Teil 2: «Mami nahm sich das Leben, während ich schlief»
  • Teil 3: «Mein Sohn wollte sich von seinem Leiden befreien»
  • Teil 4: Experte Weisshaupt: «Hinterbliebene brauchen rasch Hilfe»

Hör die Serie auch als Podcast im 20 Minuten Radio auf unserer App.

  • In der Schweiz begehen jeden Tag zwei bis drei Menschen Suizid.
  • Bettina hatte eine innige Beziehung zu ihrer Mutter, die an Depressionen erkrankte.
  • Nach ihrem Tod fand sie Unterstützung in der Selbsthilfegruppe Nebelmeer.

Bettina steht am Murtensee und lässt eine rote Gerbera-Blume ins Wasser gleiten. Die Sonne geht auf. Es ist der 16. November 2019 – der zehnte Todestag ihrer Mutter. «Hier auf dem Campingplatz in Salavaux VD hatten wir ein wunderschöne Zeit. Mami war lustig und fröhlich. Sie hat gekocht, viele Leute gingen bei uns ein und aus.» Ihre Mutter sei wie eine gute Freundin gewesen: «Sie wusste immer, ob ich einen Freund habe und wie es in der Schule läuft.»

Bettina mit ihrer Mutter und ihrem kleinen Bruder: «Mami war lustig und fröhlich. Sie war wie eine gute Freundin für mich.» Um ihre Erfahrungen anderen weiterzugeben, hat Bettina eine eigene Website aufgeschaltet und betreibt einen Instagram-Kanal.

Bettina mit ihrer Mutter und ihrem kleinen Bruder: «Mami war lustig und fröhlich. Sie war wie eine gute Freundin für mich.» Um ihre Erfahrungen anderen weiterzugeben, hat Bettina eine eigene Website aufgeschaltet und betreibt einen Instagram-Kanal.

«Mami stand weinend vor mir. Als Kind machte mir das Angst.»

Bettina (27)

Dass es ihrem Mami nicht mehr gut ging, merkte Bettina erstmals, als sie sie nicht von einem Schullager abholte. «Es hiess, sie sei in einer Klinik.» Zurück zu Hause wusste die Mutter manchmal nicht mehr, was sie einkaufen wollte. Den Haushalt konnte sie nicht mehr bewältigen. «Mami stand weinend vor mir. Ich verstand nicht, was los war. Als Kind machte mir das Angst.» In der Familie sei nie über die Depression der Mutter gesprochen worden.

Diese Fotos entstanden einen Tag bevor sich Bettinas Mutter das Leben nahm: «Mama war so unbeschwert. Ich war sicher: Jetzt kommt alles gut.»

Diese Fotos entstanden einen Tag bevor sich Bettinas Mutter das Leben nahm: «Mama war so unbeschwert. Ich war sicher: Jetzt kommt alles gut.»

Foto: dp

«Mami hat sich erhängt, während ich einen Stock weiter unten schlief. Das ist schwer zu ertragen.»

Bettina (27)

Es passierte an einem Montagmorgen. Am Vortag hatte die Familie noch einen Ausflug nach Luzern gemacht. «Mama war so unbeschwert. Ich war sicher: Jetzt kommt alles gut.» Bettina lag noch im Bett, als die Mutter mit dem Staubsauger in ihr Zimmer kam. Sie wollte ausschlafen und schickte sie weg. Als Bettina gegen Mittag aufstand, suchte sie ihre Mama. Keine Antwort. Bettina lief in den Keller, wo die Wäsche «picobello» an der Leine hing. Sie rief sie an. «Es klingelte in Mamis Handtasche, die beim Eingang lag. In diesem Moment war mir klar: Jetzt hat sie es getan.» Bettina versuchte, die Estrichtür zu öffnen. Sie war von innen verschlossen. Der Vater, der inzwischen nach Hause gekommen war, schickte die 16-Jährige zur Tante. Er wollte seiner Tochter den Anblick ersparen.

Besonders schwer zu ertragen sei auch heute noch die Tatsache, dass sich ihre Mutter während ihrer Anwesenheit suizidiert habe. «Meine Mutter hat sich erhängt, während ich einen Stock weiter unten schlief.» Den Schmerz etwas gemildert habe die Abschiedsnotiz auf einem Post-it, die sie unter ihr Kopfkissen gelegt habe. «Mama schrieb, dass sie nicht mehr könne, es ihr leid tue und sie uns liebe.»

«Austausch mit jungen Betroffenen hilft»

Jörg Weisshaupt ist Gründer der geführten Selbsthilfegruppen Nebelmeer und Geschäftsführer Verein Trauernetz.

Herr Weisshaupt*, Bettina hat mit 16 ihre Mutter verloren, die sich das Leben genommen hat. Was bedeutet ein solcher Verlust für ein Kind?

Kinder von psychisch labilen Elternteilen waren schon davor belastet. Oft mussten sie viel Verantwortung übernehmen und konnten ihre Kindheit nicht ausleben. Ein Suizid schliesslich führt zu einer traumatischen Erfahrung und einem langwierigen Trauerprozess.

Was hilft diesen jungen Hinterbliebenen?

Viele erzählen in der Selbsthilfegruppe Nebelmeer, dass ihnen der Austausch mit Jungen hilft, die Ähnliches erlebt haben. Mit Leuten, die verstehen, dass auch nach einem halben Jahr nicht wieder alles beim Alten ist.

Inwiefern kann ein Abschiedsbrief eine Erleichterung bedeuten?

Er kann gewisse Fragen klären, muss aber nicht. Ich erinnere mich an einen Mann, der zum Abschied schrieb: «Ich habe euch lieb.» Seine hinterlassene Frau konnte nicht verstehen, dass er so etwas geschrieben hatte. Wenn er die Familie liebte, hätte er ihr das doch nicht angetan.

*Jörg Weisshaupt ist Geschäftsführer des Vereins Trauernetz.ch

Zeit zum Trauern hatte Bettina keine. «Ich musste meinem kleinem Bruder sagen, dass Mami tot ist. Ich habe ihre Beerdigung organisiert, den Haushalt geführt und die Finanzen geregelt.»

Nach Mamas Tod war Bettinas Leben ein anderes: «Ich musste von einem Tag auf den anderen erwachsen werden. Dabei brauchte ich jemanden, der mich an der Hand nimmt und mir sagt, wohin es geht.» Keinen Job habe sie lange behalten können. Auch beim Bruder und dem Vater fand sie keinen Halt: «Der Suizid hat meine Familie auseinandergerissen. Heute zieht jeder sein eigenes Ding durch.» Dafür schenke ihr ihr Götti, der Zwillingsbruder ihrer Mutter, viel Kraft.

«Gebt nicht auf, blickt nach vorne und liebt euch selber.»

Bettina (27)

Inzwischen habe sie wieder Tritt gefasst im Leben, sagt Bettina: «Ich habe einen tollen Freund, einen Job, der mir Spass macht, und ich achte auf meine Bedürfnisse.» Die Gesellschaft erwarte, dass man immer funktioniere, arbeite und gut drauf sei. «Inzwischen aber habe ich den Mut zu sagen: Sorry, nein. Heute ist kein guter Tag.» Das habe sie in der Selbsthilfegruppe Nebelmeer für Suizidbetroffene gelernt.

Bettina bietet nun auch selber Suizidprävention an Schulen an. Sie hat eine eigene Website aufgeschaltet und betreibt einen Instagram-Kanal. Anderen Suizid-Betroffenen will Bettina sagen: «Gebt nicht auf, blickt nach vorne und liebt euch selber.»

Bettinas Mama hinterliess ein Post-it. Sie schrieb, dass sie keine Kraft mehr habe und es ihr leid tue.

Bettinas Mama hinterliess ein Post-it. Sie schrieb, dass sie keine Kraft mehr habe und es ihr leid tue.

Foto: dp

Hier findest du Hilfe

Hast du Suizidgedanken? Hier findest du Hilfe:
Dargebotene Hand, Tel. 143, (143.ch)
Angebot der Pro Juventute: Tel. 147, (147.ch)
Kirchen (Seelsorge.net)

Anlaufstellen für Suizid-Betroffene:
Nebelmeer – Perspektiven nach dem Suizid eines Elternteils (Nebelmeer.net)
Refugium – Geführte Selbsthilfegruppen für Hinterbliebene nach Suizid (Verein-refugium.ch)
Regenbogen – Verein Regenbogen Schweiz (Verein-regenbogen.ch)
Aurora – Gemeinschaft jung verwitweter Mütter und Väter (verein-aurora.ch/)
Familientrauerbegleitung – Begleitung für Familien in Trauer (familientrauerbegleitung.ch)

1000 Suizide pro Jahr

  • Weltweit sterben jährlich rund 800’000 Menschen durch Suizid.
  • In der Schweiz begingen im Jahr 2016 rund 1000 Personen einen Suizid (ohne Fälle von assistiertem Suizid).
  • Zwischen 214’000 und 259’000 Personen haben mindestens einmal in ihrem Leben ein Suizidversuch unternommen.
  • 80 Prozent aller Menschen, die sich das Leben nehmen, litten an einer psychischen Erkrankung, wobei die Depression die häufigste psychische Erkrankung in der Bevölkerung ist.
  • Suizide gehören nach Krebs- und Kreislauferkrankungen zu den häufigsten Gründen für frühzeitige Sterblichkeit.
  • Die Suizidrate ist seit Mitte der 1980-Jahre rückläufig.
  • 17 Prozent aller Suizide werden durch Erhängen begangen.
  • Knapp 10 Prozent aller Suizide werden durch eine Schusswaffe begangen
  • Männer sterben etwa dreimal häufiger durch Suizid als Frauen. Suizide stellen gemäss dem Schweizerischen Gesundheitsobservatorium Obsan die Spitze eines Eisbergs dar.
  • Rund 7,8 Prozent der Schweizer Bevölkerung gaben 2017 an, mindestens einmal im Verlauf der letzten zwei Wochen vor der Befragung Suizidgedanken gehabt zu haben.
  • Personen, die in städtischen Räumen leben, haben öfter Suizidgedanken als andere. Sowie auch Personen ohne nachobligatorische Bildung und solche mit Migrationshintergrund.
  • Menschen mit Suizidgedanken möchten meist nicht sterben, sondern sehnen sich nach einem Ausweg aus der Krise, nach Ruhe und Frieden.

«Warum hat uns Marvin alleingelassen?»: Der erste Teil der Serie.

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