Aktualisiert 27.09.2019 05:36

Neuer Eltern-Rekord

«Mami war schon Grosi, als sie mich bekam»

Frauen und Männer in der Schweiz haben einen neuen Rekord aufgestellt: Noch nie wurden sie so spät Eltern wie im Jahr 2018.

von
Qendresa Llugiqi
1 / 5
Tanja Milosevic mit ihren Eltern.Auf dem Bild ist sie einjährig und wird von ihrem Vater auf dem Arm gehalten. Heute ist sie 29 und ihr Mami 68 und ihr Papi 74.

Tanja Milosevic mit ihren Eltern.Auf dem Bild ist sie einjährig und wird von ihrem Vater auf dem Arm gehalten. Heute ist sie 29 und ihr Mami 68 und ihr Papi 74.

Hier noch einmal Tanja Milosevic im Alter von 17 Jahren mit ihren Eltern.

Hier noch einmal Tanja Milosevic im Alter von 17 Jahren mit ihren Eltern.

zvg
Feride Erman mit ihrem Papi. Heute ist sie 19 Jahre alt und er 71.

Feride Erman mit ihrem Papi. Heute ist sie 19 Jahre alt und er 71.

zvg

Das Durchschnittsalter von Schweizer Müttern und Vätern bei der Geburt des Kindes ist im Jahr 2018 weiter gestiegen. Dies zeigen die neusten Zahlen des Bundesamtes für Statistik. So waren Mütter bei der Geburt des Kindes schweizweit durchschnittlich 32 Jahre alt. Noch vor zehn Jahren waren sie um genau ein Jahr jünger. Männer wurden gar noch später Väter: Schweizweit betrug ihr Alter im Schnitt 35,1 Jahre. Auch sie wurden vor zehn Jahren ein Jahr früher Väter.

20 Minuten hat Leser gefragt, wie es ist, ältere Eltern zu haben und was die Vor- und Nachteile sind:

Feride Erman (19), Winterthur ZH

«Mein Vater war 51 Jahre alt und meine Mutter 23, als ich geboren wurde. Natürlich war die Vaterliebe da, aber er hatte keine Kraft mehr, etwas zu unternehmen. Meine Mama ist jedoch viel mit mir rausgegangen und hat mit mir gespielt. Wenn man noch jung ist, geht man nicht so auf die Eltern ein. Man ist eher damit beschäftigt, mit anderen zu spielen und Freundschaften zu knüpfen. Mit dem Alter merkt man dann plötzlich, dass der eigene Vater nicht mehr so mag. Ich meine: Die Grosseltern meines Freundes sind etwa so alt wie mein Papi. Heute ist mein Papi 71, hat Krebs, leidet an Diabetes und Demenz. Ich frage mich, ob er meine Hochzeit und die Geburt meiner Kinder noch miterleben wird. Hinzu kommt, dass ich viel mehr machen muss als eine normale 19-Jährige. Ich besuche ihn in seiner Alterswohnung und pflege ihn. Ausflüge kann er keine mehr machen. Wir trinken aber zusammen Kaffee und reden. Eigentlich sehe ich ihm zu, wie er langsam zerfällt. Das tut weh,weil ich ihn ja liebe. Trotz allem: Es ist ein Vorteil, dass man überhaupt einen Vater hat.»

Tanja Milosevic (29), Mühledorf SO

«Als ich zur Welt kam, war meine Mutter 39 und mein Vater 45 Jahre alt. Gemeinsam haben sie nur mich, doch sie haben Kinder aus früheren Ehen. So beträgt der Altersunterschied zu meiner ältesten Halbschwester 21 Jahre. Ich war bereits Tante, als ich zur Welt kam. Meine Schwester und meine Mutter waren sogar gleichzeitig schwanger. Meine Schwester bekam zwei Wochen vor meiner Geburt ihren zweiten Sohn. Mit dem bin ich auch sehr verbunden. Während meiner Kindheit hat es mir an nichts gefehlt. Ein Nachteil war jedoch, dass sie nicht mehr so aktiv waren wie die Eltern meiner Schulfreunde. Zum Beispiel wollten sie nicht mehr so auf den Spielplatz oder reisen. Sie haben aber auch viel gearbeitet. Es war aber schon seltsam, wenn ich gefragt wurde, ob meine Eltern meine Grosseltern sind. Ausserdem prallten Welten aufeinander, als ich anfing, meine Freiheiten auszuleben, und auf Partys ging. Meine Eltern sind eben eher konservativ erzogen worden. Dafür konnten sie mir wichtige Werte mit auf den Weg geben. Auch bin ich sehr selbstständig erzogen worden. Als ich 22 Jahre alt war, zogen meine Eltern zurück in ihre Heimat Serbien. Wir haben immer noch einen sehr engen Kontakt und bei wichtigen Entscheidungen beraten sie mich gern.»

Rahel Bürge (32), Turbenthal ZH

«Mein Vater war bereits 39 Jahre alt, als ich auf die Welt kam. Ich habe nie Nachteile verspürt, ganz im Gegenteil: Mein Bruder und ich hatten eine schöne Kindheit. Dadurch, dass unser Vater schon gut im Leben stand, ging es uns finanziell gut. Er arbeitete als Ingenieur und unser acht Jahre jüngeres Mami blieb mit uns zu Hause. Unser Papi unternahm viel mit uns, ich würde sogar sagen: mehr als andere Väter. Mit unserem Papi haben wir die Welt entdeckt und er hat immer mit uns herumgeblödelt. Auch in schwierigen Phasen wie etwa der Pubertät kam er trotz seines Alters nach und hatte Verständnis für uns. Er ist zwar ruhiger geworden, nimmt sich aber Zeit für die Enkelkinder und kommt auch in den Europapark mit. Er ist ein fitter 71-Jähriger und ich bin sehr stolz auf ihn.»

«Durchschnittsalter wird weiter ansteigen»

Frau Rausa, werden die Eltern nun immer älter oder gibt es bald einen Gegentrend?

Im Referenzszenario zur zukünftigen Bevölkerungsentwicklung wird das Durchschnittsalter der Mütter bei der Geburt ihres Kindes ausgewiesen. Der Trend zeigt, dass dieses Durchschnittsalter in den kommenden Jahren weiterhin leicht ansteigen wird.

Wer sind die älteren Eltern? Können Sie mehr zum Background sagen?

Wir haben vor allem Daten über die Mütter. Es sind eher Schweizerinnen, die später Kinder bekommen. Dadurch, dass es mehr Schweizerinnen als Ausländerinnen in der Schweiz gibt, heben die natürlich das Durchschnittsalter hoch. Auch weiss man, dass die Schweizerinnen, die spät ein Kind kriegen, meist ein höheres Schulniveau haben. Dafür haben sie aber nicht viele Kinder, weil die Zeitspanne, in der sie schwanger werden können, sehr klein ist. Bei den Vätern wissen wir, dass die meisten zwischen 30 und 39 Jahre Vater werden, jeder fünfte Vater ist jedoch bereits 40 Jahre alt oder älter.

Wie kann man durch gesellschaftliche Massnahmen dem aktuellen Trend entgegenwirken?

Ich kann mir vorstellen, dass man vor allem durch Massnahmen in den beiden Bereichen Familienpolitik und Arbeitsmarkt etwas bewirken kann. Alles, was der Familie hilft, hilft auch der Geburtenhäufigkeit und motiviert, überhaupt eine Familie zu gründen. Und je schneller man finanziell unabhängig wird, desto eher kann man auch selbstständiger werden und eine Familie gründen.

*Fabienne Rausa ist Mitarbeiterin der Sektion Demografie und Migration am Bundesamt für Statistik

Fehler gefunden?Jetzt melden.