Kohlenmonoxid-Vergiftung: «Man erstickt innerlich»
Aktualisiert

Kohlenmonoxid-Vergiftung«Man erstickt innerlich»

Zwei junge Männer aus Langenthal wurden von Auto-Abgasen getötet. Antworten auf die wichtigsten Fragen zu Kohlenmonoxid-Vergiftungen.

von
lüs

Das Drama bewegt die Schweiz: Fitim D.* (19) und Volkan H.* (20) aus Langenthal BE setzten sich am Mittwochabend offenbar bei laufendem Motor in der Garage in ein Auto, um sich aufzuwärmen – und wurden von den Abgasen getötet. Hugo Kupferschmidt, Direktor von Toxinfo Suisse, beantwortet die wichtigsten Fragen zu Kohlenmonoxid-Vergiftungen.

Wann zieht man sich im Auto eine Kohlenmonoxid-Vergiftung zu?

Autos mit Katalysator geben kaum mehr Kohlenmonoxid ab. Dieses wird jedoch erst herausgefiltert, wenn der Motor warm ist. Sollte der Motor des in der Garage abgestellten Autos, in das sich die beiden Männer gesetzt haben, kalt gewesen sein, hätte der Motor vor allem in den ersten Minuten CO abgegeben. War der Motor warm und das Auto hatte einen Katalysator, so müssen sie den Abgasen sehr lange ausgesetzt gewesen sein, bis sie eine tödliche Dosis aufnahmen. Deutlich schneller geht es bei einem Auto ohne Katalysator. Deshalb waren früher Selbstmorde mit Auto-Abgasen verbreitet. Mit dem Aufkommen des Katalysators ist diese Form des Suizids beinahe gänzlich verschwunden.

Kann man sich auch mit Kohlenmonoxid vergiften, wenn Fenster und Türen des Autos geschlossen sind?

Ja. Zwar geht es weniger schnell, als wenn man den Automotor in einem geschlossenen Raum bei offenen Türen und Fenstern laufen lässt. Doch die Dämpfe dringen auch so früher oder später ins Fahrzeug ein. Von Anfang an geschieht dies, wenn man die Autoheizung laufen lässt und eine Lüftung läuft.

Merken Betroffene überhaupt, dass sie vergiftet werden?

Kohlenmonoxid ist geruchlos, und die Abgase der heutigen Autos stinken kaum mehr. Die ersten Anzeichen einer Vergiftung sind Kopfschmerzen und Übelkeit. Oft stellen Betroffene aber keinen Zusammenhang zwischen diesen Symptomen und Kohlenmonoxid her und reagieren deshalb nicht.

Was löst das Kohlenmonoxid im menschlichen Körper aus?

Kohlenmonoxid dringt in die roten Blutkörperchen ein und verhindert, dass das Blut Sauerstoff aufnehmen kann. So stirbt die Sauerstoffzufuhr zu den Organen ab. Als Erstes sind jene Organe betroffen, die am meisten Sauerstoff benötigen: das Hirn und das Herz. Man kann zwar noch atmen – erstickt aber innerlich.

Wie lange bleibt man bei Bewusstsein?

Je nachdem, wie stark die Kohlenmonoxid-Konzentration in der Luft ist, wird man schneller oder weniger schnell ohnmächtig. Bei hoher Konzentration kann dies bereits nach wenigen Minuten der Fall sein. Bei den meisten Todesfällen waren die Opfer schon lange bewusstlos, bevor der Tod eintrat.

Gibt es in der Schweiz viele Fälle von Kohlenmonoxid-Vergiftungen?

Toxinfo hat 2014 insgesamt 22 Fälle registriert, wovon keiner tödlich endete. Da uns nicht alle Fälle gemeldet werden, ist die tatsächliche Zahl höher. Es gibt in der Schweiz immer wieder Todesfälle.

Wo überall kann man sich eine Kohlenmonoxid-Vergiftung zuziehen?

Neben Auto-Abgasen sind defekte Heizungen eine Quelle, aber auch gasbetriebene Durchlauferhitzer, die etwa in einem Badezimmer für Warmwasser sorgen. Zudem geben Holzpellets CO ab – nicht bei der Verbrennung, aber bei der Lagerung. Wer also ein solches Lager betritt und nicht um diese Gefahr weiss, kann sich Vergiftungen zuziehen. Zu Vergiftungen kommt es auch, wenn Benzinmotoren ohne Katalysator in geschlossenen Räumen betrieben werden, etwa Generatoren. Lebensgefährlich ist zudem das Abbrennen von Holzkohlegut in Innenräumen.

*Namen der Redaktion bekannt.

Gerichtsmedizin bestätigt Kohlenmonoxid-Vergiftung

Die Berner Kantonspolizei bestätigte am Freitag, dass Fitim D. und Volkan H. an einer Kohlenmonoxid-Vergiftung gestorben sein dürften. Dies hätten die Untersuchungen der Gerichtsmedizin ergeben. Man gehe derzeit davon aus, dass sich die beiden Männer bei laufendem Automotor in der Garage aufhielten. Wegen des laufenden Motors sei der Sauerstoff ausgegangen und die beiden Männer hätten das Bewusstsein verloren. (sda)

Hugo Kupferschmidt ist Direktor von Toxinfo Suisse, der offiziellen Informationsstelle der Schweiz für alle Fragen rund um Vergiftungen.

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