Aktualisiert 28.03.2014 05:53

Hirnschlag am Bancomat

«Man hätte merken müssen, der braucht Hilfe»

Der SVP-Politiker, der einem 15-Jährigen während eines Hirnschlags nicht geholfen hat, steht am Freitag vor Gericht. Jetzt spricht der Angeklagte erstmals über den Vorfall.

von
vro

Er habe ihn gefragt, ob «alles okay» sei, als der 15-Jährige zusammensackte, erklärt der Baselbieter Unternehmer und SVP-Politiker. «Doch er hat nur komisch gelächelt.» Weil er hinter dem Ganzen einen Trick vermutete, leistete er dem Jugendlichen keine Soforthilfe, als dieser neben einem Bancomat in Aesch BL einen Hirnschlag erlitt.

Auf Hilfe musste der Jugendliche über eine Stunde warten – erst der elfte Passant, der an ihm vorbeiging, rief die Polizei. Weil der Politiker allerdings der Einzige war, der das Opfer zusammenbrechen sah, wurde nur er strafrechtlich gebüsst. Das Urteil hat er angefochten, am Freitag muss er sich deshalb vor dem Strafgericht verantworten. Seine unterlassene Nothilfe begründet er damit, dass er die Anzeichen nicht erkannt habe. «Ich habe noch nie einen Schlaganfall miterlebt», sagt der Unternehmer zur «Schweiz am Sonntag». Selbst im Spital hätten die Spezialisten erst nach einiger Zeit gemerkt, woran der Jugendliche litt. «Wenn ich den Fall nicht selber erlebt hätte, würde ich auch sagen, dass man doch hätte merken müssen, dass der Mann Hilfe braucht.»

Politiker besänftigen, Eltern widersprechen

Der Angeklagte erhält Unterstützung von seinen Kollegen aus der Politik. Alec von Graffenried, Präsident der Rechtskommission des Nationalrats, findet es falsch, nur einen der Passanten, die damals am Jugendlichen vorbeigingen, zu bestrafen. Er plädiert deshalb für eine Stärkung der Selbstverantwortung und Nachbarschaftshilfe. Der Basler Alt-Strafgerichtspräsident Peter Albrecht sieht es ähnlich. Personen in Lebensgefahr zu helfen, sei eine moralische Pflicht. «Nicht so selbstverständlich ist hingegen – jedenfalls für eine liberale Rechtsordnung –, diese moralische Pflicht mittels einer Strafnorm staatlich durchzusetzen.» Das unterstützt auch der Präsident der Rechtskommission des Ständerats, Stefan Engler (CVP): «Mitmenschlichkeit und Zivilcourage lassen sich nicht vorschreiben.»

Für die Eltern des Opfers ist das unverständlich. Man müsse nicht erst helfen, wenn es um Leben oder Tod gehe. Sie fordern deshalb, dass bereits bei weniger schweren Verletzungen Nothilfe strafrechtlich vorgeschrieben wird.

Passanten vermuteten Räubertrick

Seit dem Vorfall vor drei Jahren ist das Opfer teilweise gelähmt. Dass damals keiner der Passanten Nothilfe leistete, löste schweizweit Empörung aus. Der Jugendliche war gerade auf dem Weg in die Ferien und brach neben dem Bancomaten zusammen. Die befragten Passanten hatten angegeben, sie hätten hinter dem Ganzen einen Räubertrick vermutet. Andere wiederum erklärten, sie hätten das Opfer nicht gesehen. Der SVP-Politiker wurde als Einziger wegen unterlassener Nothilfe mit einer Busse von 500 Franken, Verfahrenskosten von 5300 Franken und einer bedingten Geldstrafe von 1200 Franken bestraft.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.