Aktualisiert 16.01.2020 08:26

Film über Obdachlose

«Man ist schneller auf der Strasse, als man denkt»

Anna Tschannen schneidet seit Jahren Basler Obdachlosen die Haare. Daraus wurde nun ein Film. Über ihr Schicksal zu sprechen, habe ihr geholfen, sagt Protagonistin Liliane.

von
mhu

«Weisst du, auf der Strasse darf man Pseudonyme benutzen», sagt die 62-jährige Frau, die eingehüllt in einen blauen Coiffeurumhang vom Spiegel herüber grinst. Trotzdem verrät sie ihren Namen: Lilian*. Es ist nicht das erste Mal, dass Lilian hier sitzt, auf diesem zu einem Coiffeursessel umfunktionierten Stuhl im Basler Tageshaus für Obdachlose. Und es ist auch nicht das erste Mal, dass sie ihre Geschichte erzählt.

Im Film «Im Spiegel», der diese Woche in den Schweizer Kinos anläuft, erzählen Lilian, Markus, Aaroldt und Urs von ihrem Leben am Rande der Gesellschaft. Sie alle eint Anna Taschannens mobiler Coiffeursalon. Hier begegnen Obdachlose ihren eigenen Geschichten – und Tschannen hört zu, ohne zu verurteilen oder zu belächlen, die 43-Jährige schaut dahin, wo sich die meisten Menschen von der ungeschönten Realität vielleicht schon längst abgewendet hätten. Und Lilian sagt: «Anna ist sehr verschwiegen, sie hat mein Vertrauen noch nie ausgenutzt.»

Lilian war sehr kritisch, als sie sich auf Tschannen und anschliessend auch auf das Filmprojekt einliess: «Am Anfang war ich noch nicht bereit dafür, es löste Dinge in mir aus, und die musste ich zuerst für mich anschauen und meine Situation annehmen können. Mich zu outen, brauchte Vertrauen.»

«Das ist echt, nichts ist künstlich»

Tschannen gesteht selbst, dass es ihr anfangs schwerfiel, die Leute auf das Filmprojekt anzusprechen: «Ich wollte nicht, dass sie sich dachten: ‹Was will denn die von mir?› Ich sagte ihnen, dass ich von ihnen lernen kann, sie sollten mir ihre Perspektive erzählen», erzählt sie und fügt an: «Durch meinen Beruf wird mir manchmal bewusst, was das für eine Welt ist, in der wir leben, und wie wichtig Geld in unserer Gesellschaft ist.»

Lilian sagt, es sei wichtig, dass Menschen wie sie nicht nur als Obdachlose wahrgenommen würden, sondern als ganz normale Mitglieder der Gesellschaft, die früher auch einen Beitrag ans Gemeinwohl geleistet hätten. Und als solches habe man auch regelmässig einen Friseurbesuch nötig. «Anna war die erste Coiffeuse, die meine Frisur anständig machen konnte, sie verändert mich mit Freude – natürlich nur äusserlich», sagt Liliane und lacht.

«Ich habe meinen Beruf zum falschen Zeitpunkt gekündigt. Mit 57 ist es schwer, wieder eine Stelle zu finden.»

Und das ist auch das, was sie beim Dreh des Films so schätzte. «Ich durfte ich sein, und dafür brauchte es natürlich auch verschiedene Drehversuche. Denn ich wollte echt sein und zu meiner Geschichte stehen. Danach fühlte ich mich immer gestärkt, es gab einem plötzlich eine Sicherheit. Ich konnte mein Leben präsentieren und wurde dabei ernst genommen, nichts wurde ins Lächerliche gezogen, sie haben mich als das respektiert, was ich bin.» Denn das Ding sei: «Es braucht gar nicht viel, man ist schneller auf der Strasse, als man denkt.» Und sei man mal in dieser Spirale, komme man schwer wieder raus, sagt sie.

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«Im Spiegel» begegnen obdachlose Menschen im mobilen Coiffeur Salon von Anna Tschannen ihren eigenen Geschichten – geprägt vom Leben auf der Strasse.

«Im Spiegel» begegnen obdachlose Menschen im mobilen Coiffeur Salon von Anna Tschannen ihren eigenen Geschichten – geprägt vom Leben auf der Strasse.

© 2019 ROYAL FILM
20 Minuten hat mit dem Filmregisseur Matthias Affolter gesprochen.

20 Minuten hat mit dem Filmregisseur Matthias Affolter gesprochen.

20 Minuten
«Die berührendsten Momente sind die, wenn Leute einen Schritt machen», sagt Affolter.

«Die berührendsten Momente sind die, wenn Leute einen Schritt machen», sagt Affolter.

© 2019 ROYAL FILM

Lilian hat wieder Boden unter den Füssen. Nach über vier Jahren Obdachlosigkeit fand sie nicht zuletzt dank ihrer neuen Liebe wieder zu einer Wohnung. Ihr neuer Partner teilt ihr Schicksal; er landete nach einem Unfall, Scheidung und Schulden auf der Strasse. Als das Strassenmagazin Suprise über die aussergewöhnliche Liebesgeschichte schrieb, bot ihnen eine Wohnbaugenossenschaft eine Wohnung an.

An den Solothurner Filmtagen durfte Lilian den Film zum ersten Mal sehen. «Es war sehr eindrücklich», sagt sie, «er zeigt Personen mit verschiedenen Geschichten, da gibt es keine Parallelen. Wir sind alles richtige Stadtoriginale.»

Der Film läuft ab Freitag im Basler Kultkino und diversen Kinos in der ganzen Deutschschweiz. (Video: Royal Film)

* Name der Redaktion bekannt

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