17.03.2020 10:23

Trotz Corona draussen

«Man kann das Virus von der Parkbank auflesen»

Trotz rasanter Ausbreitung des Coronavirus treffen sich viele Menschen draussen, um den Frühling zu geniessen. Für einen Experten ist das unerklärlich.

von
dgr

Seit Sonntag scheint die Sonne und es herrschen frühlingshafte Temperaturen. Viele Leute verlockt das, sich ins Freie zu begeben und den Frühlingsbeginn zu geniessen. Diverse Bilder in den sozialen Medien zeigten am Montag gut gefüllte Gartencafés, Wiesen und Seepromenaden.

Gleichzeitig kämpfen Bund und Kantone gegen die Ausbreitung des Coronavirus. Am Montagnachmittag hat der Bund die aussergewöhnliche Lage ausgerufen. Seit Mitternacht sind sämtliche Veranstaltungen verboten, Bars und Restaurants bleiben zu.

In einem dringenden Video-Aufruf richtete sich Adriano Aguzzi, Direktor des Instituts für Neuropathologie am Universitätsspital Zürich, am Montag an die Bevölkerung: «Bleiben Sie die nächsten Wochen zu Hause und vermeiden Sie Kontakte», lautete die Kernbotschaft seines Videos.

«Gefahr wird mit jedem Tag grösser»

Auch für den Tessiner Arzt und Infektiologen Andreas Cerny ist es unverständlich, dass sich nach wie vor so viele Menschen nach draussen begeben, obwohl sie nicht müssten: «Je weiter sich das Virus verbreitet, desto grösser ist die Gefahr, einem infizierten Menschen zu begegnen und sich selber anzustecken, wenn man nicht zu Hause bleibt», sagt Cerny.

Anstecken könne man sich nicht nur im überfüllten Zug oder wenn jemand einem ins Gesicht hustet: «Wir wissen mittlerweile, dass das Virus auf verschiedenen Oberflächen wie Plastik, Karton oder Metall infektiös bleiben kann», erklärt Cerny. Im Fall von Plastik habe man das Virus nach mehr als einem Tag noch nachweisen können. «Jeder kann es sich also auch von einer Parkbank, einer Türklinke, einem Treppengeländer oder anderen Oberflächen in der Öffentlichkeit auflesen.»

«Tessiner akzeptieren die Situation»

Im Tessin, wo Cerny lebt, wurden bereits letzte Woche einschneidende Massnahmen ergriffen: Bars und Restaurants mussten abends zumachen, auch Fitnesscenter, Kinos und weitere Einrichtungen wurden geschlossen. Seit Montag um Mitternacht gelten auch für das Tessin die einheitlichen Regeln des Bundes. «Die Tessiner haben das akzeptiert, es gibt kaum jemanden, der sich über die Eingriffe ins öffentliche Leben nervt», sagt Cerny. Dazu beigetragen habe, dass die Tessiner in der aktuellen Krise viele italienische Medien konsumierten.

«In italienischen Zeitungen und im Fernsehen sehen wir kriegsähnliche Zustände – und das keine 30 Kilometer von uns entfernt», sagt der Epidemiologe. «Italien ist vom Virus regelrecht überfallen worden und konnte kaum rechtzeitig einschneidende Massnahmen ergreifen.» Deshalb erleide das Land jetzt schwerwiegende Folgen. «Ich verstehe nicht, weshalb die Schweiz so lange zugewartet hat. Solange die Menschen dürfen, werden sie sich bei diesem Wetter nach draussen begeben. An die Eigenverantwortung zu appellieren, reicht hier einfach nicht aus», erklärt Cerny.

Andere Länder haben früher drastische Massnahmen ergriffen

Andere europäische Länder haben auf den Ausbruch des Virus teils schneller mit strengen Massnahmen reagiert. In Österreich herrscht seit Montag eine «Ausgangsbeschränkung»: Geschäfte dürfen nur öffnen, wenn sie der Grundversorgung dienen, die Bewegungsfreiheit im öffentlichen Raum wird massiv eingeschränkt. Spanien hat eine landesweite Ausgangssperre verhängt.

In Italien bleiben die Familien laut Cerny zu Hause, es sei denn, jemand muss arbeiten gehen und kann das nicht von zu Hause aus machen. Einmal am Tag darf eine Person pro Haushalt einkaufen gehen. Wer sich in ein anderes Dorf begeben will, braucht dafür eine Bewilligung. Die deutsche Bundesregierung und die Länder haben ebenfalls eine weitgehende Schliessung von Geschäften vereinbart. Ausgenommen sind unter anderem Lebensmittelgeschäfte, Apotheken, Banken und Tankstellen, hiess es in einer Erklärung am Montag in Berlin.

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