Aktualisiert 17.03.2009 13:05

Nach den Speedflying-Unfällen

«Man kennt noch nicht alle Risiken»

Nur gerade 350 Schweizerinnen dürfen die Sportart hierzulande ausführen. Trotzdem kam es bereits zu fünf Todesfällen. Die Szene ist verunsichert. Braucht es neue Gesetze? Ein Speedflyer-Ausbilder nimmt Stellung.

von
Patrick Toggweiler

Hans Bollinger war selber Gleitschirm-Flug-Weltmeister und Weltcupsieger und ist seit längerem in der Speedflying-Szene zuhause. Ausserdem gibt er Kurse, bei denen die Speedflying-Zusatzerweiterung erworben werden kann. Eine solche ist in der Schweiz gesetzlich vorgeschrieben, um diese Sportart überhaupt legal ausüben zu können.

Herr Bollinger, am Wochenende sind zwei Speedflyer verunglückt. Was kann man machen, damit es keine weiteren toten Speedflyer mehr gibt?

Hans Bollinger: Die Piloten müssen vorsichtiger werden und ihre Limiten hinunterschrauben. Die jüngsten Unfälle ereigneten sich mit kleinen Schirmen. Da geht alles noch schneller. Eigentlich kann man nur an den gesunden Menschenverstand appellieren.

Den gesunden Menschenverstand? Die Leute halten Speedflyer für Spinner.

Das hat mit dem nichts zu tun. Das ist nur das Bild der Öffentlichkeit. Speedflyen ist eine Sportart wie jede andere auch. Man kann sie sicher betreiben. Gefährlich wird sie erst, wenn man sich selber überschätzt oder wenn man sich bei der Schirmwahl, beim Wetter oder bei den Verhältnissen verschätzt. Ich war mit meinen Schülern ebenfalls beim Diablerets-Gletscher (Anm. d. Red.: Unfallort vom Wochenende), bin aber auf einen Nebenberg ausgewichen, weil der Wind zu stark war.

Wären Sie auch ohne Schüler nicht den Berg hoch?

Das kann ich so nicht abschliessend bestätigen.

Was halten Sie von strengeren Gesetzen?

Regeln sind schwer umzusetzen. Beim Fallschirmspringen kann man mit einem 3 Quadratmeter grossen Schirm raus. Jeder muss das selber wissen.

Man könnte die Grösse der Schirme reglementieren?

Der Speed, den man aufnimmt, hängt auch vom Körpergewicht ab. Man müsste also die Flächenbelastung und nicht einfach nur die Grösse reglementieren. Es gibt aber kein Mass, die Grösse bei einem Gleitschirm zu messen, da der Stoff beweglich ist.

Was ist mit Geschwindigkeitsbeschränkungen?

Das kann ebenso nicht gemessen werden …

Um ihren Sport ausüben zu können, wird eine Zusatzerweiterung für Speedflyen verlangt - wurden Sie bereits einmal kontrolliert, ob sie eine solche besitzen?

In drei Jahren kein einziges Mal, aber das spielt auch keine Rolle: Alle Verunfallten waren brevetiert.

Demnach stimmt etwas mit der Ausbildung nicht?

Das kann man so nicht sagen. Es ist wie beim Auto fahren. Man kann den Leuten nur zeigen, worauf sie achten müssen und es am Schluss prüfen. In der Ausbildung tun sie es, aber was danach kommt, kann man nicht kontrollieren. Stichwort Raser beim Autofahren.

Die Verunfallten waren alles brevetierte und routinierte Speedflyer. Wie können Sie sich erklären, dass gerade erfahrene Leute verunglücken?

Routine kann Selbstüberschätzung mit sich bringen. Man verliert die Vorsicht. Ausserdem tastet man sich immer näher ans Limit.

Sie selber sind auch routiniert …

Ich gehe natürlich noch vorsichtiger ans Werk. Ich benutze selber zum Beispiel keine kleinen Schirme, das geht mir viel zu schnell.

Wie wird das Thema Sicherheit in der Szene diskutiert?

Sicherheit ist ein Thema. Wenn etwas passiert, wird analysiert und diskutiert, auf was man in Zukunft noch mehr achten sollte. Wir betreiben eine junge Sportart. Da kennt man noch nicht alle Risiken.

Was geben Sie ihren Schülern mit?

Langsam beginnen, Augen offen halten und nicht gleich das Gefühl haben, man könne sich die Eigernordwand hinunterstürzen.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.