Eisenmangel bei Frauen: «Man könnte meinen, die Schweizer verrosten»
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Eisenmangel bei Frauen«Man könnte meinen, die Schweizer verrosten»

Eiseninfusionen sind beliebter denn je. Aber sind sie auch sinnvoll? Nur in wenigen Fällen, sagt ein Experte.

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sis
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Thomas Rosemann ist Leiter des Instituts für Hausarztmedizin der Universität Zürich und sieht die steigenden Verordnungen von Eiseninfusionen kritisch.

Thomas Rosemann ist Leiter des Instituts für Hausarztmedizin der Universität Zürich und sieht die steigenden Verordnungen von Eiseninfusionen kritisch.

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«Man hat durch gezielte Werbekampagnen alltägliche Symptome wie Müdigkeit oder Erschöpfung zu einer Krankheit gemacht. Eiseninfusionen sind dann eine vermeintliche Win- win-Situation: Ärzte verdienen viel Geld daran, und Patienten haben das subjektive Gefühl, dass es ihnen besser geht», sagt er.

«Man hat durch gezielte Werbekampagnen alltägliche Symptome wie Müdigkeit oder Erschöpfung zu einer Krankheit gemacht. Eiseninfusionen sind dann eine vermeintliche Win- win-Situation: Ärzte verdienen viel Geld daran, und Patienten haben das subjektive Gefühl, dass es ihnen besser geht», sagt er.

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Kritiker von Eiseninfusionen wie Rosemann werde oft vorgeworfen, sie möchten den Frauen etwas vorenthalten. «Dabei kritisieren wir nur die fehlenden Belege zur Wirksamkeit.»

Kritiker von Eiseninfusionen wie Rosemann werde oft vorgeworfen, sie möchten den Frauen etwas vorenthalten. «Dabei kritisieren wir nur die fehlenden Belege zur Wirksamkeit.»

Dmitrii Khvan

Thomas Rosemann ist Leiter des Instituts für Hausarztmedizin der Universität Zürich. Im Gespräch erklärt er, warum Eiseninfusionen seiner Meinung nach nicht nur sinnlos, sondern gar gefährlich sein können.

Herr Rosemann, werden in der Schweiz mehr Infusionen verschrieben als bei unseren europäischen Nachbarn?

Das ist tatsächlich so. In Deutschland werden viermal weniger Infusionen verordnet und in Österreich sogar zehnmal weniger. Unser Institut hat kürzlich eine Studie zur Eisentherapie bei einer englischen Fachzeitung eingereicht. Die Gutachter haben nur mit Kopfschütteln auf das reagiert, die Engländer kennen das Thema Eiseninfusion praktisch nicht. Bei dem vielen Eisen, das wir in unsere Venen kippen, könnte man fast Angst haben, die Schweizer verrosten.

Wieso sind Eiseninfusionen hierzulande so beliebt?

Man hat durch gezielte Werbekampagnen alltägliche Symptome wie Müdigkeit oder Erschöpfung zu einer Krankheit gemacht. Eiseninfusionen sind dann eine vermeintliche Win-

win-Situation: Ärzte verdienen viel Geld daran und Patienten haben das subjektive Gefühl, dass es ihnen besser geht – ein Riesengeschäft für Ärzte und Industrie. Kritiker wie ich sehen sich dagegen dem Vorwurf ausgesetzt, wir möchten den Frauen etwas vorenthalten, dabei kritisieren wir nur die fehlenden Belege zur Wirksamkeit.

Wie kommt es, dass Frauen sich nach einer Eiseninfusion besser fühlen?

Durch den starken Placeboeffekt. Etwas mehr als 50 Prozent der Patientinnen, die Placebomittel bekamen, gaben in einer Studie an, dass sie sich nach der Behandlung weniger müde fühlten.

Sind Frauen durch ihre Menstruation, bei der sie monatlich Blut und nachweislich Eisen verlieren, nicht tatsächlich anfälliger?

Nein, der weibliche Körper hat sich über Jahre an den ständigen Blutverlust durch die Menstruation angepasst und ist nicht auf Eiseninfusionen angewiesen.

Wieso gibt es in der Schweiz keinen einheitlichen Richtwert?

Die Richtwerte bei Eisen sind erstaunlich unterschiedlich, weil es bislang nur wenig Studien darüber gibt. Die vier Studien, an denen man sich in der Schweiz orientiert, wurden von der

Pharmaindustrie nicht nur mitfinanziert, sondern teilweise auch mitgeschrieben.

Ab welchem Wert sehen Sie eine Eiseninfusion als angebracht?

Ab einem Wert von unter 15 Nanogramm Eisen pro Milliliter. Darüber profitieren Frauen nicht mehr. In den oft zitierten Studien, die immer wieder als Legitimation für Infusionen herhalten müssen, zeigten sich ebenfalls Effekte erst unter 15. Zwischen 15 und 30 existiert sicher ein Graubereich, wo einige Frauen nachweislich eine Verbesserung verspüren können. Dieser Effekt verliert sich ab einem Wert von 30.

Wie würde eine optimale Eisentherapie aussehen?

Bei Werten unter 30 würde ich Tabletten verordnen und sie über die Nebenwirkungen wie schwarzen Stuhl oder harmlose Magenprobleme aufklären. Da ein Mangel häufig über Jahre entsteht, ist es völlig natürlich, dass die Therapie auch Monate dauern kann. Eine Eiseninfusion käme nur als ultima ratio in Frage, wenn orale Präparate nicht anschlagen oder vertragen werden.

Was für Nebenwirkungen können bei einer Eiseninfusion auftreten?

Akut sind dies allergische Reaktionen. Der Aufsichtsbehörde Swissmedic wurden seit 2010 beim am häufigsten verwendeten Präparat 340 Nebenwirkungen gemeldet, davon 239 schwerwiegende sowie drei Todesfälle. Bei der vermehrten Ablagerung von Eisen im Gewebe kann es langfristig zu Leberzirrhose, Diabetes oder sogar Erblindung kommen.

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