Nach Suizidversuch: «Man lässt die Schiris alleine»
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Nach Suizidversuch«Man lässt die Schiris alleine»

Nur wenige Stunden nachdem sich Bubak Rafati das Leben nehmen wollte, prasselte auf einen anderen Bundesliga-Schiri massive Kritik ein. Hertha-Profi Christian Lell fordert nun ein Umdenken.

von
mon
Babak Rafati befindet sich nach seinem Suizidversuch auf dem Weg der Besserung.

Babak Rafati befindet sich nach seinem Suizidversuch auf dem Weg der Besserung.

Es war eine Hiobsbotschaft für die ganze Fussballwelt. Bundesliga-Schiedsrichter Babak Rafati beging am Samstag in einem Hotel in Köln einen Suizidversuch, kurz bevor er die Partie zwischen dem 1. FC Köln und Mainz pfeifen sollte (20 Minuten Online berichtete). Nur weil seine Assistenten nach dem Referee suchten, als dieser nicht zur Spielbesprechung erschien, ist er noch am Leben - und mittlerweile ausser Lebensgefahr. Die Partie zwischen dem Bundesliga 11. und 14. wurde abgesagt und auf einen noch unbekannten Termin verschoben.

Was Rafati zu diesem Schritt veranlasste, ist nach wie vor unklar. Deutsche Medien berichten am Sonntag, dass der 41-Jährige noch kurz vor der Tat mit seinem Vater telefoniert hatte und diesem sagte, dass es ihm nicht so gut gehe. «Dann sag das Spiel ab», habe ihm der Vater laut dem «Berliner Kurier» geraten. Doch Rafati wählte einen anderen Weg. Laut der «Bild»-Zeitung hat die Polizei im Hotel Notizen gefunden - ein Abschiedsbrief? Die Beamten werten das Fundstück derzeit aus.

Grosse Diskussionen entfacht

Unabhängig davon sind durch den tragischen Vorfall Diskussionen entfacht, wie viel einem Schiedsrichter zugemutet werden darf. So war Rafati bereits dreimal von den Bundesliga-Spielern zum schlechtesten Refree der Liga gewählt worden und auch sonst häufig - beispielsweise in diversen Bundesligaforen - kritisiert worden. Zudem entzog ihm der DFB im September den Status als Fifa-Schiedsrichter mit der Begründung einer «altersbedingten Umstrukturierung». Der Druck, der auf den Schultern des 41-Jährigen lastete, war riesig. Auf der Facebook-Seite «Anti Babak Rafati», die rund 2500 Kritiker unterstützen, ist mittlerweile ein regelrechter digitaler Krieg über die Daseinsberechtigung eines solchen Prangers entfacht. Zahlreiche User haben offenbar bereits bei Facebook beantragt, die Seite zu löschen, passiert ist allerdings bis anhin (Sonntag, 18:30 Uhr) noch nichts.

Ein grosses Umdenken ausgelöst haben die Diskussionen allerdings nicht. Bereits wenige Stunden nach dem Bekanntwerden von Rafatis Selbstmordversuch wurde in Freiburg bereits wieder ein Bundesliga-Schiedsrichter gedemütigt. In der Schlussphase zwischen Freiburg und Hertha Berlin rückte der Unparteiische Markus Wingenbach am Samstag ins Rampenlicht, nachdem er beim Stand von 2:2 in der 81. Minute einen Treffer des Heimteams nicht anerkannte. Daraufhin kam es zu Tumulten auf dem Spielfeld und von den Rängen schlug dem Referee pure Aggression entgegen. Als er das Spielfeld verliess, musste er gemässs «focus.de» mit grossen Schirmen vor Wurfgeschossen geschützt werden.

Hertha-Verteidiger Lell «kotzt es an»

Einer, der dem Treiben nicht mehr zusehen mag, ist Hertha-Verteidiger Christian Lell. Er findet deutliche Worte: «Ich finde es tragisch, dass nach einem Spiel immer alles auf den Schiedsrichter reduziert wird. Der hat sein Bestes gegeben. Das kotzt mich langsam an. Der (Wingenbach, Anm. d. Red.) war den Tränen nahe, als er den Platz verlassen hat.» Jeder klage immer über den Schiri, dabei müsse der in Bruchteilen von Sekunden entscheiden. «Der Druck ist brutal. Man lässt die Schiris alleine mit ihren Entscheidungen. Und dann wundert man sich. Das sind doch auch nur Menschen», so Lell. «Jetzt höre ich das gerade noch vom Rafati und muss mir an den Kopf langen. Das ist nicht mehr normal, das artet aus.»

Der 27-Jährige gelobte persönlich Besserung. «Ich werde das nicht mehr länger mitmachen. Ich werde mich aktiv dazu bekennen, auf und neben dem Platz. Das kann nicht sein, dass man einen Schiri so unter Druck setzt und bei jeder Entscheidung ein Rudel gebildet wird. Das ist Wahnsinn, wo führt das noch hin?»

Was denken Sie, stehen die Schiedsrichter unter zu grossem Druck? Diskutieren Sie im Talkback!

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