22.07.2020 18:44

Corona-Pandemie

«Man möchte sich nicht vorstellen, was ohne Massnahmen passiert wäre»

Die erste Welle hat die Schweiz dank Lockdown und Aufschieben von OPs so glimpflich überstanden. Bei einer zweiten Welle könnte das anders aussehen, befürchtet Intensivmediziner Peter Steiger.

von
Fee Anabelle Riebeling
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Während der ersten Welle der Corona-Pandemie waren zu jedem Zeitpunkt genug Betten auf den Intensivstationen frei. Das geht aus einer Erhebung der Schweizerischen Gesellschaft für Intensivmedizin hervor.

Während der ersten Welle der Corona-Pandemie waren zu jedem Zeitpunkt genug Betten auf den Intensivstationen frei. Das geht aus einer Erhebung der Schweizerischen Gesellschaft für Intensivmedizin hervor.

KEYSTONE
Demnach waren bis maximal 98 Prozent jener Betten belegt, die gewöhnlich zur Verfügung stehen.

Demnach waren bis maximal 98 Prozent jener Betten belegt, die gewöhnlich zur Verfügung stehen.

KEYSTONE
50 Prozent davon entfielen auf Covid-19-Patienten. Dies war am 10. April 2020 der Fall. Zum Vergleich: Im Jahresdurchschnitt sind die Intensivstationen zu etwa 75 Prozent belegt.

50 Prozent davon entfielen auf Covid-19-Patienten. Dies war am 10. April 2020 der Fall. Zum Vergleich: Im Jahresdurchschnitt sind die Intensivstationen zu etwa 75 Prozent belegt.

SGI

Darum gehts

  • Laut der Schweizerischen Gesellschaft für Intensivmedizin waren hierzulande zu jedem Zeitpunkt genug Betten auf den Intensivstationen frei.
  • Allerdings waren bis maximal 98 Prozent jener Betten belegt, die gewöhnlich zur Verfügung stehen.
  • Die Auslastung sei wegen der Coronavirus-Pandemie um 23 Prozent höher gewesen als üblich.
  • Das aufzufangen, sei vor allem der teilweise beträchtlichen Erhöhung der intensivmedizinischen Kapazitäten in den Spitälern sowie dem Aufschub von nicht dringend angezeigte medizinischen Eingriffe und Therapien zu verdanken.
  • Aktuell ist auf den Intensivstationen etwas Ruhe eingekehrt. Doch diese ist laut Peter Steiger vom Universitätsspital Zürich trügerisch.
  • Steiger befürchtet, dass nach den Ferien «etwas Grosses auf uns zukommt».

Die Schweiz ist in der aktuellen Pandemie bisher mit einem blauen Auge davongekommen. Anders als etwa in Italien oder Spanien waren hierzulande zu jedem Zeitpunkt genug Betten auf den Intensivstationen frei. Allerdings schrammten auch Schweizer Spitäler haarscharf an einer Überbelegung mit möglicherweise katastrophalen Folgen vorbei.

Wie die Schweizer Gesellschaft für Intensivmedizin (SGI) mitteilte, waren bis maximal 98 Prozent jener Betten belegt, die gewöhnlich zur Verfügung stehen. 50 Prozent davon entfielen auf Covid-19-Patienten. Dies war am 10. April 2020 der Fall. Zum Vergleich: Im Jahresdurchschnitt sind die Intensivstationen zu etwa 75 Prozent belegt.

Lockdown und Aufschieben von OPs retteten Leben

Dass die Schweiz so glimpflich durch die erste Welle kam, ist dem rigorosen Eingreifen des Bundes zu verdanken. Vor allem «die teilweise beträchtliche Erhöhung der intensivmedizinischen Kapazitäten in den Spitälern sowie der Beschluss des Bundesrats, nicht dringend angezeigte medizinische Eingriffe und Therapien per 17. März 2020 zu verbieten», dürften laut SGI, «massgeblich dazu beigetragen haben, eine Überlastung der Intensivstationen in der Schweiz zu verhindern».

Dem stimmt auch Peter Steiger, stellvertretender Direktor des Instituts für Intensivmedizin am Universitätsspital Zürich, zu. Gemeinsam mit seinem Team hat er an vorderster Front um das Leben der schwer an Covid-19 erkrankten Patienten gekämpft. An den schlimmsten Tagen mussten sie 21 Patienten auf 2 Intensivstationen betreuen, insgesamt waren es 48. Die Patienten blieben zum Teil über 100 Tage auf der Intensivstation. «Man möchte sich nicht vorstellen, was ohne die Massnahmen passiert wäre.»

«Ohne Massnahmen hätten wir das gar nicht hinbekommen»

Zwar geht Steiger davon aus, dass es einen Lockdown des Landes gar nicht gebraucht hätte, wenn sich alle an die Hygienemassnahmen und Abstandsgebote gehalten hätten, aber das Zurückfahren des normalen Spitalbetriebs «war essenziell. Ohne das hätten wir das gar nicht hinbekommen.»

Was oft vergessen würde, ist, dass die Betreuung eines schwer erkrankten Covid-19-Patienten deutlich aufwendiger ist als die von nicht mit Sars-CoV-2 infizierten Intensivpatienten, so Steiger. Allein die Notwendigkeit, sie regelmässig in Bauchlage zu bringen, erfordere mehr Personal pro Patient.

Falscher Eindruck von Kurzarbeit in Spitälern

«Hinzu kommt, dass wir den ganzen Tag in der Covid-Montur stecken», erklärt der Mediziner. Weil das sehr anstrengend sei, brauchten sie mehr Pausen. «Um während diesen die Betreuung weiter gewährleisten zu können, mussten wir aufstocken.» Das Zusatzpersonal habe man von anderen Intensivstationen, aus der Anästhesie und anderen Stationen abgezogen.

Entsprechend sei das Bild der Kurzarbeit in Spitälern, auf das Kritiker der Corona-Massnahmen so gerne verweisen, verfälscht: «Andere Abteilungen hatten zwar tatsächlich weniger zu tun, dafür hat das Intensivpersonal deutlich mehr geleistet und Unterstützung beanspruchen müssen.»

Massnahmen einhalten statt applaudieren

Aktuell ist auf den Intensivstationen des Landes etwas Ruhe eingekehrt. Doch diese ist gemäss Steiger trügerisch: Die Zahlen der Corona-Patienten, die eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung benötigen, steigen wieder. «Nachdem wir im Kanton zwischenzeitlich schon bei null waren, hatten wir jetzt allein im USZ wieder drei Patienten auf der Intensivstation liegen.» Einer davon sei an den Folgen von Covid-19 gestorben.

Steiger befürchtet, das alles könnte die Ruhe vor dem Sturm sein: Zu viele Leute verhielten sich einfach unvorsichtig. «Sie sehen die Konsequenzen nicht und sind sich nicht bewusst, dass es auch sie schwer treffen kann.» Auch dass sich die Mehrheit der Risikotouristen nicht an die Quarantänepflicht hält, bereitet ihm Bauchschmerzen: «Ich habe schwerste Bedenken, dass mit den Reiserückkehrern etwas Grosses auf uns zukommt.»

Er appelliert, nicht nur an sich, sondern auch an andere zu denken – auch an das Spitalpersonal, für das die Betreuung von Covid-19-Patienten auch mental fordernd sei. «Der Applaus hat das Gesundheitspersonal gefreut, aber uns hilft es am meisten, wenn die Leute sich an die Massnahmen halten.» Natürlich gäbe es Angenehmeres als das Tragen einer Maske, «aber es bewahrt uns – in Kombination mit dem Abstandhalten und den Hygienemassnahmen vor Schlimmeren». Es könne doch nicht sein, dass es erst eine zweite, heftigere Welle brauche, damit es alle verstünden.

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582 Kommentare
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Der Weckerhatgeklingelt

23.07.2020, 21:36

Ich weis das ihr das niemals veröffentlichen werdet... aber ihr lest es und solltet euch Gedanken machen... wir werden immer mehr und ihr könnt nichts dagegen tun... eure Angst Propaganda ist dem Ende nahe...

Sosiehtesaus

23.07.2020, 19:06

Eine Studie der ETH Zürich sagt aus dass der Lockdown unnötig war, 3 Tage danach haben sich die Zahlen stabilisiert und sind dann wieder gesunken. Selbst wenn wir gleich viele Tote wie Schweden hätten wären das nicht mal 1% der Jährlichen Todesfälle und die Meissten davon Ü80

Sara Binggeli

23.07.2020, 18:49

So ein Chabis, es hat nichts mit dem Lock down zu tun wer das immer noch nicht merkt tut mir leid. Wir werden hier an der Nase herum geführt.