Aktualisiert 27.08.2012 07:23

Kriegsfotograf«Man muss das akzeptieren»

Tim Hetherington hat das World Press Photo des Jahres geschossen. Hetherington im Gespräch über die Belastungen in Kampfsituationen, den Umgang mit dem Tod von Freunden und über seine Beziehung zum seinem berühmtesten Fotosujet.

von
Maurice Thiriet

Herr Hetherington, Sie haben den World Press Photo Award gewonnen, den Nobelpreis der Fotografen quasi, jetzt können Sie eigentlich aufhören.

Sie schmeicheln mir sehr. Aufhören ist sicher keine Option. Ich werde meine Arbeit weiterführen, weiter mit Langzeit-Dokumentationen über Gewalt berichten. Nicht nur in Afghanistan. Auch an anderen Brennpunkten, wie beispielsweise in Liberia, wo ich viel gearbeitet habe. Natürlich ist der World Press Photo-Award eine grosse Ehre, aber ich kann noch viele Leute mit meinen Bildern erreichen, und das möchte ich auch tun.

Wie war das, als Sie das preisgekrönte Bild des Soldaten in einem afghanischen Bunker geschossen haben? Werden Sie in solchen Situationen nicht als Ablöscher empfunden?

Ähhhm... Wie bitte?

Ich kann mir vorstellen, dass das nicht für alle angenehm ist. Diese Soldaten sind dort in Kampfhandlungen verwickelt und Sie stehen daneben und fotografieren...

Dem war nicht so. Es ist ein Prozess der Annäherung, bis die Leute deine Präsenz akzeptieren. Die Distanz zu überwinden ist etwas, was ich als Fotograf können muss, wenn ich dokumentaristisch tätig sein will. Man muss eine persönliche emotionale Beziehung aufbauen. Natürlich braucht das ein wenig Zeit. Ich war das erste Mal Anfang September letzten Jahres da und kehrte regelmässig zurück (das Bild schoss er am 16. September Anm. d. Red.).

Das heisst, Sie haben dort auch Freunde gewonnen.

Absolut. Das musste ich auch, sonst hätte ich meine Arbeit dort gar nicht machen können. Wie gesagt: Ich bin kein klassischer Kriegsfotograf, die Konflikte an sich interessieren mich nicht. Ich dokumentiere menschliche Emotionen und da muss ich auch etwas zurückgeben können, um so nah wie möglich ranzukommen. Die Arbeit wird interessanter, wenn man sie zusammen mit Freunden machen kann.

Dann investieren Sie ziemlich viel. Es besteht ja die nicht geringe Wahrscheinlichkeit, dass die neugewonnenen Freunde sterben.

Damit muss man natürlich rechnen. Ich habe ein ziemlich gute Freundschaft mit einem G.I. entwickelt, der starke Verbrennungen davongetragen hat. Andere sind gestorben. Das ist etwas, das man akzeptieren muss.

Andere Fotografen, die in Kriegs- oder Krisengebieten arbeiten, werden zynisch oder esoterisch. Wie gehen Sie mit der psychischen Belastung um?

Ich glaube, man muss nicht nötigerweise zynisch oder esoterisch werden. Jeder hat seine eigene Methode, die Dinge zu verarbeiten. Ich habe sehr gute Freunde, denen ich alles erzählen kann. In Afghanistan habe ich mit einem Kollegen gearbeitet, mit dem ich mich austauschen konnte. Man muss das auch immer wieder neu für sich herausfinden. Es gibt nicht diesen oder jenen richtigen Weg, mit der emotionalen Belastung umzugehen.

Aber psychologische Hilfe müssen Sie keine in Anspruch nehmen.

Wenn ich müsste, würde ich es ihnen sicher nicht sagen.

Der G.I., der Sie berühmt gemacht hat, haben Sie noch Kontakt zu ihm?

Ja. Ich habe ihn vor drei, vier Wochen getroffen, es geht ihm gut. Er ist immer noch in Afghanistan, am selben Ort, mit der gleichen Aufgabe und wenn alles gut geht, wird er das hoffentlich auch noch bis im September dieses Jahres tun.

Tim Hetherington und das World Press Photo

Der 38-jährige Engländer Tim Hetherington hat am 16. September 2007 in einem Bunker im Korengal-Tal in Afghanistan einen erschöpften G.I. fotografiert, der gerade aus Kampfhandlungen zurückgekehrt ist. Das Bild, das den World Press Photo Award 2007 gewinnen sollte, entstand während seiner Arbeit an einer Bild-Dokumentation für die Zeitschrift Vanity Fair. Hetherington hat die Soldaten des 2. Airborne Battaglions der US-Infanterie über längere Zeit begleitet. Der World Press Photo Award ist mit 10 000 US-Dollar dotiert.

Die preisgekrönten Fotos der World Press Awards sind noch bis zum 29. Mai im Papiersaal im Zürcher Sihl-City ausgestellt.

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