Lockdown in Deutschland: Politiker sind gegen eine Schweizer Ausgangssperre
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Lockdown in DeutschlandPolitiker sind gegen eine Schweizer Ausgangssperre

Deutschland verkündete über Ostern einen scharfen Lockdown, krebste dann aber zurück. Härtere Massnahmen würde in der Schweiz keinen Sinn machen, sagen Politiker – aufgrund der Corona-Müdigkeit in der Bevölkerung.

von
Dafina Eshrefi
Georgia Chatzoudis
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Ausflüge sind weiterhin möglich, rund um die Uhr: In der Schweiz sind die Corona-Massnahmen im Vergleich zum Ausland eher zahm, eine Ausgangssperre war noch nie in Kraft.

Ausflüge sind weiterhin möglich, rund um die Uhr: In der Schweiz sind die Corona-Massnahmen im Vergleich zum Ausland eher zahm, eine Ausgangssperre war noch nie in Kraft.

Tamedia
 «Massnahmen greifen nur solange, wie sich die Bevölkerung auch daran hält und die steigenden Zahlen zeigen, dass das immer weniger der Fall ist», sagt die CVP-Politikerin.

«Massnahmen greifen nur solange, wie sich die Bevölkerung auch daran hält und die steigenden Zahlen zeigen, dass das immer weniger der Fall ist», sagt die CVP-Politikerin.

Parlamentsdienste
Nationalrat Balthasar Glaettli, GP sagt zur Oster-Prävention: «Wenn sich die Menschen in Gruppen treffen wollen, dann wäre es angebracht, sich vorher testen zu lassen.»

Nationalrat Balthasar Glaettli, GP sagt zur Oster-Prävention: «Wenn sich die Menschen in Gruppen treffen wollen, dann wäre es angebracht, sich vorher testen zu lassen.»

Parlamentsdienste/Alessandro della Valle

Darum gehts

  • In der Schweiz sind sich Politiker einig: Eine Verschärfung der Massnahmen wie beispielsweise eine Ausgangssperre ist kein Thema.

  • Der Grund: Die Coronamüdigkeit in der Bevölkerung. «Massnahmen greifen nur solange, wie sich die Bevölkerung auch daran hält», sagt unter anderem Nationalrätin Ruth Humbel (CVP).

  • Laut Epidemiologe Christian Garzoni sei es wichtig, die Situation im Auge zu behalten.

Um ein Haar wäre die Schweiz zur Corona-Insel geworden: Hierzulande wären Treffen mit bis zu zehn Personen wieder möglich, während sich Deutschland über Ostern einen scharfen Lockdown verordnet hätte. In vielen anderen europäischen Ländern gelten auch viel strengere Regeln als bei uns.

Auch die Schweiz müsste vom epidemiologischen Standpunkt aus theoretisch ab heute im harten Lockdown sein, sagt GLP-Nationalrat Martin Bäumle. Aber: «Wir können das der Bevölkerung nicht mehr antun. Eine Ausgangssperre wäre nach einem Jahr Pandemie nicht mehr realistisch.» Für die Osterferien schlägt Bäumle eine Teststrategie vor: «Das BAG soll dafür sorgen, dass jedem Haushalt über Ostern mehrere Tests zur Verfügung stehen.» Bäumle verlangt vor allem aber den Ausbau der Testkapazitäten sinnvoll – insbesondere wöchentliche Poolingtests in den Schulen. «Dies ist besser als eine Ausgangssperre, bei der die Leute nicht mitmachen würden.»

Diese Meinung teilt Ruth Humbel (CVP): «Eine Ausgangssperre über Ostern würde keinen Sinn machen – aufgrund der Corona-Müdigkeit in der Bevölkerung», sagt die Nationalrätin. «Massnahmen greifen nur solange, wie sich die Bevölkerung auch daran hält und die steigenden Zahlen zeigen, dass das immer weniger der Fall ist.» Die Verhängung einer Ausgangssperre in der Schweiz sei zu diesem Zeitpunkt der Pandemie laut Humbel undenkbar, zumal die Schweiz zu Beginn der Pandemie keine hatte. «Man muss Massnahmen beschliessen, die die Leute auch ertragen. Das Impfen und die Tests müssten da vorangetrieben werden. Das gibt den Menschen auch eine gewisse Hoffnung.»

Touristen sorgen für Bedenken

Der Infektiologe Christian Garzoni befindet die vom Bundesrat getroffenen Massnahmen als angemessen. Ein harter Lockdown käme für die Schweiz im Moment nicht in Frage. «Ich habe meine Bedenken, ob sich die Touristen im Tessin verantwortungsvoll verhalten werden.» Wenn man im Urlaub sei, neige man dazu, sich freier zu bewegen und womöglich Schutzmassnahmen zu missachten, sagt Garzoni. Und trotzdem: «Die jetzigen Zahlen würden aus epidemiologischer Sicht eine Verschärfung der Massnahmen nicht unterstützen.» Wichtig sei es, die Situation im Auge zu behalten und bei einem Anstieg der Zahlen sofort zu reagieren: «In diesem Fall würden härtere Massnahmen bestimmt wieder Sinn machen.»

Aus epidemiologischer Sicht seien Lockerungen im Moment nicht angezeigt, Massentests und die Impfkampagnen würden noch keinen relevanten Beitrag zur Epidemiebekämpfung bringen, sagt auch Epidemiologe Andreas Cerny. «Man müsste eher, wie es unsere Nachbarn tun, die Schutzmassnahmen verschärfen», sagt der Experte. «Der Bundesrat trägt klar die letzte Verantwortung für die getroffenen Entscheide.»

Epidemiologisch mache eine Ausgangssperre keinen Sinn, sagt dagegen Ständerat Andrea Caroni (FDP): «Die Fallzahlen der Nachbarstaaten mit Schulschliessungen und Ausgangssperren sahen im Vergleich zu jenen der Schweiz nicht besser aus.» Hingegen seien die Schäden an Bildung und Psyche enorm. Bis die Risikobevölkerung durchgeimpft ist und im Hinblick auf Familientreffen zu Ostern empfiehlt Caroni, sich und die andern mittels Schnelltests zu schützen.

«Es ist egal, wie gut gewisse Massnahmen auf Papier aussehen»

Auch Balthasar Glättli, Parteipräsident der Grünen, befürwortet eine extensivere Test-Strategie: «Wenn sich die Menschen über Ostern in Gruppen treffen wollen, dann wäre es angebracht, sich vorher testen zu lassen.» Der Präsident der Grünen ist froh, dass angesichts der steigenden Zahlen nicht gelockert worden ist. Striktere Massnahmen befürwortet er aber nicht: «Es ist egal, wie gut gewisse Massnahmen auf Papier aussehen – wenn die Bevölkerung sich nicht daran hält, dann nützt es nichts, diese zu treffen.» Allgemein appelliert er an die Vernunft der Bevölkerung und der Politik: «Wir sollen aufhören, uns über die Massnahmen zu streiten und beginnen, grundsätzlich vorsichtig zu sein», so Glättli.

Mauro Tuena (SVP) teilt diese Meinung: «Eine Ausgangsperre zu verhängen wäre fatal!» Es sei nicht richtig Menschen «einzusperren» und die Massnahme nütze nichts. Als Begründung dafür nennt der Nationalrat den Mangel an öffentlicher Kontrolle, der bei einer Ausgangssperre eine Rolle spiele: «Zu Hause könnten sich die Menschen theoretisch ohne jegliche Sicherheitsmassnahmen in grösseren Gruppen treffen. Bei Ansammlungen draussen gibt es immerhin Regeln, die durch die Öffentlichkeit kontrolliert werden können», so Tuena. Die Pandemie würde bei einem solchen Beschluss nur weiter angefacht werden.

Die Schweiz als Insel

Während hierzulande über Massnahmen-Lockerungen trotz steigender Fallzahlen diskutiert wird, gelten im Ausland teilweise seit Wochen Ausgangssperren. Laut dem Bundesamt für Gesundheit ist geplant, noch diese Woche eine aktualisierte Liste der Reisevorgaben zu veröffentlichen, weitere Massnahmen sollen aber keine verhängt werden. Es gilt die Empfehlung, auf nicht notwendige Reisen zu verzichten. Wie sieht es in anderen Ländern aus?

Unklar ist, ob Deutschland sich eine sanftere Form von Shutdown verordnet, nach der Absage des harten Lockdowns.
In Österreich herrscht eine Ausgangsbeschränkung von 20 bis 6 Uhr. Läden sind wieder geöffnet, es gilt eine FFP2-Maskenpflicht. Touristische Reisen sind allgemein nicht erlaubt, Hotels sind geschlossen und es gelten strenge Quarantäne- und Testvorschriften. Nur im Bundesland Vorarlberg ist die Gastronomie bis 20 Uhr geöffnet und Veranstaltungen mit bis zu 100 Teilnehmern möglich.
Aufgrund steigender Fallzahlen hat Frankreich die Corona-Massnahmen wieder verschärft. Seit letzter Woche gelten in 16 Départements Ausgangsbeschränkungen von 19 bis 6 Uhr, viele Läden sind geschlossen.
In Italien gilt in vielen Regionen seit dem 15. März wieder ein Lockdown. Es herrschen strenge Ausgangsbeschränkungen, teils auch tagsüber. In der Öffentlichkeit muss ein Mund-Nasen-Schutz getragen werden. An Ostern gilt national «Stufe rot»: Es sollen alle zu Hause bleiben, Besuche von Freunden oder Verwandten sind verboten.
Trotz schnellem Impf-Fortschritt herrscht auch in Grossbritannien ein strikter Lockdown: Treffen mit bis zu sechs Personen im Freien sind erst ab Ende Monat erlaubt, weitere Lockerungen sollen nach Ostern folgen.In Spanien und Portugal sinken nach einem Peak im Januar die Fallzahlen. Internationaler Tourismus ist wieder möglich, für die spanische Bevölkerung gelten weiterhin Einschränkungen.
In Holland gilt eine Ausgangssperre zwischen 21 Uhr und 4.30 Uhr, in Belgien sind bis 18. April strikte Reisebeschränkungen in Kraft: Erst ab dem 19. April dürfen die Bürger wieder in andere EU-Länder reisen. Tschechien hat seine strengen Ausgangsbeschränkungen bis nach Ostern verlängert. Am Samstag traten auch in Polen landesweit wieder verschärfte Corona-Massnahmen in Kraft.

Hast du oder hat jemand, den du kennst, Mühe mit der Coronazeit?

Hier findest du Hilfe:

BAG-Infoline Coronavirus, Tel. 058 463 00 00

BAG-Infoline Covid-19-Impfung, Tel. 058 377 88 92

Dureschnufe.ch, Plattform für psychische Gesundheit rund um Corona

Branchenhilfe.ch, Ratgeber für betroffene Wirtschaftszweige

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

Deine Meinung

122 Kommentare
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rolflicc

25.03.2021, 23:45

Wer LOHN hat in dieser PANDEMIE DEM geht die Krise mehr oder weniger am Ar...vorbei.Die Regierung hat keine Ahnung SIE macht immer dieselben sinnlosen Fehler. Sie will die PANDEMIE behalten

Danilowitsch

25.03.2021, 17:43

Corona Müdigkeit hin oder her. Die Anzahl Ansteckungen ist noch noch nicht zurück gegangen. Jetzt muss der Bundesrat knallhart durchgreifen. Mindestens 3 - 4 Monate scharfer Lockdown inkl. nächtlicher Ausgangssperre. Nur noch online Einkaufen (auch telefonisch) zulassen. Für das Rüsten der Bestellungen kann das Verkaufspersonal eingesetzt werden.

masquerade

25.03.2021, 15:59

Huch, was ist denn da passiert, plötzlich Harmonie von links bis rechts, dass man uns nicht einsperren sollte. Haben wohl Angst vor weiteren Aktionen à la Liestal. Richtig so. Wir sind erwacht und wehren uns.