Omikron-Welle – «Man muss sich fragen, wie sinnvoll das Testen noch ist»
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Omikron-Welle«Man muss sich fragen, wie sinnvoll das Testen noch ist»

Gesundheitsminister Alain Berset relativiert die Bedeutung des Testens. Der Präsident der Labor-Vereinigung sieht es gleich.

von
Claudia Blumer
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Alain Berset und die Waadtländer Gesundheitsdirektorin Rebecca Ruiz (SP) informierten darüber, dass Bund und Kanton im Gespräch seien.

Alain Berset und die Waadtländer Gesundheitsdirektorin Rebecca Ruiz (SP) informierten darüber, dass Bund und Kanton im Gespräch seien.

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Philipp Walter, Spezialist in Labormedizin und Präsident der schweizerischen Union für Labormedizin, stellt der Nutzen grossflächiger Tests in Frage. «Testen macht ja niemanden gesund.»

Philipp Walter, Spezialist in Labormedizin und Präsident der schweizerischen Union für Labormedizin, stellt der Nutzen grossflächiger Tests in Frage. «Testen macht ja niemanden gesund.»

Solothurner Spitäler
Auch Bundesrat Alain Berset gab sich am Freitagmorgen gelassen, als er vor den Medien sagte, dass die Labors mit dem Testen nicht mehr nachkämen. Auf die Frage, ob das Testregime zusammengebrochen sei, verneinte er nicht.

Auch Bundesrat Alain Berset gab sich am Freitagmorgen gelassen, als er vor den Medien sagte, dass die Labors mit dem Testen nicht mehr nachkämen. Auf die Frage, ob das Testregime zusammengebrochen sei, verneinte er nicht.

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Darum gehts

  • Gesundheitsminister Alain Berset und die Waadtländer Gesundheitsdirektorin Rebecca Ruiz traten am Freitagvormittag vor die Medien.

  • Eine der Botschaften war: Die Testkapazität ist ausgeschöpft, bei 100’000 Tests pro Tag kommen die Labors nicht mehr nach.

  • Die hohe Ansteckungsrate bei Omikron verändere auch am Test-Regime «ziemlich viel», sagte er. Mit anderen Worten: Das Testen verliert an Bedeutung.

  • Das sagt auch Philipp Walter von der schweizerischen Union für Labormedizin. Man müsse sich fragen, wie sinnvoll grossflächiges Testen noch sei. «Tests machen niemanden gesund.»

Bundesrat Alain Berset machte am Freitag deutlich, dass sich mit Omikron auch die Teststrategie des Bundes verändert hat. Die Kapazitäten der Labors seien ausgeschöpft, man müsse priorisieren, und er verstehe auch, wenn Test-Aktivitäten in den Kantonen angepasst oder eingeschränkt würden.

«Würden Sie sagen, das Testregime ist zusammengebrochen, wenn Leute sogar drei oder vier Tage auf die Resultate warten müssen?», fragte ein Journalist an der Medienkonferenz von Berset und der Waadtländer Gesundheitsdirektorin Rebecca Ruiz. Berset verneinte nicht.

«Wenn wir so eine hohe Ansteckungsrate haben wie jetzt, dann ändert das ziemlich viel am Test-Regime», antwortete er. Heute verzeichnet die Schweiz weit über 100’000 Tests pro Tag, vor einigen Monaten waren es noch bis zu 40’000. «Und schon damals waren die Labors am Limit», sagte Berset.

Das Verhalten anpassen

Das bestätigt auch Philipp Walter, Präsident der schweizerischen Union für Labormedizin. «Wir haben schon frühzeitig gesagt, dass die Kapazitäten ausgeschöpft sind, aber das wurde zu diesem Zeitpunkt noch nicht wahrgenommen.» Es gehe dabei um Ressourcen wie Reagenzien, Verbrauchsmaterial, aber auch Labor-Fachkräfte, die eine fundierte, mehrjährige Ausbildung benötigen und zudem in den Spitälern fehlten, wie Walter sagt.

Erschwerend komme hinzu, dass der in den letzten Monaten entstandene Markt im Bereich der Testlabors für eine hohe Fluktuation unter den Labor-Mitarbeitenden geführt hat und manche öffentlich betriebene Labors Mühe hatten, Mitarbeitende zu finden oder zu halten. Die Spitäler als 24-Stunden-Betrieb mit mässig guten Anstellungsbedingungen spürten das Problem noch stärker, sagt Walter.

Philipp Walter ist mit Berset einig, wenn dieser die Bedeutung des Testens in der Omikron-Phase relativiert. «Man muss sich fragen, wie sinnvoll das grossflächige Testen ist. Testen macht ja niemand gesund.» Die Test- und Contact-Tracing-Strategie sei bisher ein zentrales Instrument des Bundes zur Pandemiebekämpfung gewesen. Doch bei den heutigen hohen Fallzahlen verlören sie an Bedeutung. «Besser, man geht davon aus, dass jede und jeder grundsätzlich Covid-positiv ist und verhält sich entsprechend.» Man müsse eben das Verhalten anpassen und die Hygienemassnahmen noch konsequenter anwenden, sagt Philipp Walter.

Österreich und Dänemark machen es anders

Die Testkapazitäten geben auch unter Wissenschaftlern zu reden. So twitterte die Genfer Virologin Isabella Eckerle:

Die Laborkapazität könne mit dem «extrem steilen Anstieg an Fällen» nicht mithalten, schreibt sie weiter. Und überlastete Labore führten dazu, dass die Testergebnisse später kämen. «Ganz schlecht bei Omikron!» Auch Pooltests funktionierten ab einer gewissen Inzidenz gar nicht mehr. Deshalb brauche es die Schnelltests für schnelle Ergebnisse, auch wenn sie nicht perfekt seien.

Andere europäische Länder haben sich etwas einfallen lassen, um das Testregime trotz hoher Fallzahlen aufrechtzuerhalten. So werden in Österreich beispielsweise täglich über 250’000 PCR-Tests ausgewertet. Allein in der Hauptstadt wäre es möglich, jeden Tag bis zu einer halben Million Tests auszuwerten, schreibt «Watson» – dank eines Projekts, das PCR-Selbsttests für zuhause anbietet.

Auch in Dänemark testen sich die Leute in den eigenen vier Wänden. Seit Anfang Jahr versendet der Staat kostenlose Testkits nach Hause, sie können über eine Website bestellt werden. Vor allem Familien mit schulpflichtigen Kindern sind aufgefordert, sich zweimal wöchentlich zu testen.

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