25.01.2017 18:39

IV-Gesuche

«Manche Eltern machen ihre Kinder zu Kranken»

Jugendliche beantragen zunehmend Invalidenrenten. Laut einem Pädagogen steckt oft erzieherisches Versagen dahinter.

von
B. Zanni
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Zu langes Timeout, das Jugendliche in eine Abwärtsspirale treibt: Laut Philipp Suter, pädagogischer Leiter einer Jugendbewährungshilfe in Baar, sind steigende IV-Gesuche eine Folge davon.

Zu langes Timeout, das Jugendliche in eine Abwärtsspirale treibt: Laut Philipp Suter, pädagogischer Leiter einer Jugendbewährungshilfe in Baar, sind steigende IV-Gesuche eine Folge davon.

Katarzynabialasiewicz
Philipp Suter: «Die Eltern sind ohnmächtig und es dauert nicht lange, bis sie den Sohn oder die Tochter zum Therapeuten schicken, der bestimmt auch irgendeine Krankheit diagnostiziert.»

Philipp Suter: «Die Eltern sind ohnmächtig und es dauert nicht lange, bis sie den Sohn oder die Tochter zum Therapeuten schicken, der bestimmt auch irgendeine Krankheit diagnostiziert.»

jugendbewaehrungshilfe.ch
Viele Eltern unterliessen es, das Potenzial ihres Kindes zu fördern.

Viele Eltern unterliessen es, das Potenzial ihres Kindes zu fördern.

Morozova Tatiana

Die Kurve der IV-Gesuche von Jugendlichen in der Schweiz steigt steil an. So erhöhte sich etwa im Kanton Luzern zwischen den Jahren 2013 und 2015 die Anzahl der IV-Anträge um fast 248. Vermehrt sind psychische Erkrankungen und Autismus Gründe. Philipp Suter, pädagogischer Leiter einer Jugendbewährungshilfe in Baar, sieht das Übel jedoch oft in der eigenen Familie: «Manche Eltern machen ihre Kinder zu Kranken, weil sie sie nicht adäquat erziehen und ihre Talente nicht fördern.»

Ihm seien aus seiner praktischen Erfahrung etliche Fälle bekannt, in denen die Eltern ihren Kindern nach einem Lehr- oder Schulabbruch ein zu langes Time-out gewährt hätten, das sie in eine Abwärtsspirale getrieben habe. «Die Jugendlichen sitzen wochenlang zu Hause herum und haben immer weniger Selbstvertrauen. Die Eltern sind ohnmächtig und es dauert nicht lange, bis sie den Sohn oder die Tochter zum Therapeuten schicken, der bestimmt auch irgendeine Krankheit diagnostiziert.»

«Eltern trauen sich nicht mehr, Grenzen zu setzen»

Laut Suter unterlassen es viele Eltern, das Potenzial ihres Kindes zu fördern. «Sie haben mit ihren Kindern ein freundschaftliches Verhältnis und trauen sich nicht mehr, etwas einzufordern oder Grenzen zu setzen.» Als «besten Beweis» dafür, wie wichtig die elterliche Unterstützung sei, führt er das Beispiel eines 19-Jährigen mit einer Lernbehinderung an. «Als ich in der Zusammenarbeit erfuhr, dass der auch geistig etwas eingeschränkte Jugendliche kein IV-Bezüger ist, staunte ich.»

Nur weil die Eltern ihn gezielt gefördert und motiviert hätten, habe er keine IV-Unterstützung benötigt. «Der Wille des Jungen war dadurch so gross, dass er eine Lehre mit eidgenössischem Berufsattest abschliessen konnte und jetzt in der Hausbäckerei eines Grossverteilers arbeitet.»

«Eltern wollen nur das Beste»

Auch Urs Kiener, Jugendpsychologe bei Pro Juventute, stellt fest, dass Eltern zunehmend dazu neigen, ihren Kindern sämtliche Aufgaben und Verantwortung abzunehmen. «Es beginnt beim Zwölfjährigen, dem die Eltern noch die Schuhe binden oder den Schulthek packen.» Auf diese Weise verbauten sie den Weg in die Unabhängigkeit. «Das kann dazu führen, dass Jugendliche schnell aufgeben, wenn in der Schule oder in der Lehre etwas nicht klappt.» Den Eltern alleine könne man aber nicht die Schuld für die steigende Zahl von jugendlichen IV-Gesuchstellern in die Schuhe schieben. «In der Regel wollen sie für ihr Kind nur das Beste.»

Behindertenorganisationen unterstützen diese Argumentation nicht. Es könnten nicht alle jugendlichen IV-Gesuchsteller in einen Topf geworfen werden, sagt Anita Biedermann Kaess, stellvertretende Geschäftsleiterin von Pro Mente Sana. «Tatsächlich gibt es viele psychische Erkrankungen wie Schizophrenie und Persönlichkeitsstörungen, die erstmals im Jugendalter auftreten.» Zudem erlebten sie in den Beratungen sehr viele Eltern, die sich für ihre Kinder stark engagierten.

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