Schweizer Taliban-Geiseln - Schweiz bot 1,25 Millionen Dollar Lösegeld für Geiseln
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Schweizer Taliban-GeiselnSchweiz bot 1,25 Millionen Dollar Lösegeld für Geiseln

Vor zehn Jahren wurden Daniela Widmer und David Och über acht Monate von den Taliban gefangen gehalten. Trotz der gebotenen 1,25 Millionen Lösegeld, blieb ihnen am Ende nur die Flucht.

von
Angela Rosser
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Am 15. März 2012 landeten die entführte Schweizerin und der entführte Schweizer nach ihrer Flucht in der Nähe von Islamabad.

Am 15. März 2012 landeten die entführte Schweizerin und der entführte Schweizer nach ihrer Flucht in der Nähe von Islamabad.

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Im Juli 2011 wurde das Paar von den pakistanischen Taliban entführt und 259 Tage als Geiseln gefangen gehalten.

Im Juli 2011 wurde das Paar von den pakistanischen Taliban entführt und 259 Tage als Geiseln gefangen gehalten.

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Nachdem die Schweiz den Taliban in den Verhandlungen 1,25 Millionen Lösegeld anboten, diese jedoch 50 Millionen forderte, war dem Paar klar, dass ihnen nur die Flucht bleibt.

Nachdem die Schweiz den Taliban in den Verhandlungen 1,25 Millionen Lösegeld anboten, diese jedoch 50 Millionen forderte, war dem Paar klar, dass ihnen nur die Flucht bleibt.

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Darum gehts

  • 2011 wurde ein Schweizer Paar von den Taliban entführt und als Geiseln gehalten.

  • Die Schweiz bot 1,25 Millionen Lösegeld – die Taliban forderten 50 Millionen.

  • Am Ende flüchteten die Schweizerin und der Schweizer Daniela Widmer und David Och.

  • Daniela Widmer schrieb ein Buch, dessen Verfilmung am 23. September zum Auftakt der Zurich Film Festivals gezeigt wird.

In der «NZZ am Sonntag» erzählt Daniela Widmer von den Geschehnissen von vor zehn Jahren, als sie und ihr damaliger Partner David Och von den Taliban als Geiseln genommen und über acht Monate gefangen gehalten wurden.

Ihre verfilmte Geschichte wird der Eröffnungsfilm am diesjährigen Zurich Film Festival. «NZZ am Sonntag» fragte die heute 38-Jährige vor, wovor sie am meisten Angst habe: «Vor der Konfrontation. Mich wieder rechtfertigen zu müssen, auch zehn Jahre später noch», sagt Widmer. Damit meint sie auch die Schlagzeilen, die nach ihrer Flucht zu lesen waren, wie: «Sorry wir haben kein Bedauern» vom «Tages-Anzeiger» oder «Die Schweiz hat die dümmsten Geiseln der Welt», wie der «Blick» damals titelte.

Nachdem die beiden Schweizer überfallen und zwei Wochen in die Berge verschleppt wurden, schliefen sie tagsüber in Ziegenställen und mussten nachts durch Sümpfe waten. Widmer hatte ein halbes Jahr Durchfall von dreckigem Wasser, Och zweimal Malaria – er nahm 22 Kilo ab. In dem Innenhof, wo sie am 9. September gefangen gehalten wurden, ging es ihnen – zumindest was die Ernährung anging, – besser.

Taliban mögen es nicht, wenn jemand weint

Die Hoffnung verlor die damals 28-Jährige selten. Zwei Monate nach der Entführung habe sie einen Zusammenbruch gehabt. Das ewige Kopftuchtragen, die Hitze mit bis zu 50 Grad und die ständigen Schüsse und Detonationen – Widmer sass in dem Innenhof vor dem Ventilator und weinte unaufhörlich. Auch David habe geweint, sagt sie: «Die Taliban mögen es überhaupt nicht. Wer weint, ist sündig».

Während das Paar unter der Gewalt der Taliban festgehalten wurde, liefen die Diskussionen in der Schweiz heiss. Viele meinten, die beiden hätten «Selbst Schuld», da auch das EDA (Eidgenössisches Departement für auswärtige Angelegenheiten) vor einem erhöhten Entführungsrisiko warnte. «Hätten wir von Entführungen gewusst, wären wir niemals da durchgefahren. Was ist, wenn Touristen oder Touristinnen in Luxor an Anschlägen sterben? Handeln die dann auch fahrlässig?», so Widmer.

«Dankbar, dass sie mich nicht vergewaltigt haben»

In dem Interview erklärt Daniela Widmer auch, wofür sie ihren Entführern dankbar ist: «Sie hätten uns Fingernägel ausreissen können, sie hätten mich vergewaltigen können. Aber sie haben es nicht getan. Dafür bin ich ihnen dankbar.»

Bei Entführungen und Geiselnahme zahlt die Schweiz kein Lösegeld. Altbundesrat Moritz Leuenberger sagte jedoch: «Kommt eine Geisel frei, ist wohl meist bezahlt worden» – auch wenn das stets verneint wurde. Dass die Flucht ihre einzige Möglichkeit war, wurde den beiden bewusst, als die Schweiz 1,25 Millionen bot, die Taliban aber 50 Millionen forderten. «Da wussten wir, dass die Verhandlungen nie zu einem Ende kommen und uns nichts anderes bleibt, als zu fliehen», sagt Widmer – niemand komme durch gute Verhandlungen und einen Händedruck frei.

Nach 259 Tagen Gefangenschaft

Ihre Entführer rechneten laut Widmer aus, wie viele Anschläge die Taliban mit den 50 Millionen noch verüben könnten, dann hätten sie und David ausgerechnet, wie viele Menschen bei diesen Anschlägen ums Leben kommen könnten und sich gefragt, ob sie für Lösegeld überleben wollen.

Am 17. März 2012 landeten Daniela Widmer und ihr damaliger Partner David Och am Flughafen Zürich, nachdem sie von den Taliban entführt und 259 Tage lange gefangen gehalten wurden. Daniela Widmer lebt heute zusammen mit ihrer Familie in Bellikon AG. Dort ist sie Gemeindeammann. Ausserdem hält sie noch immer Referate bei Organisationen wie der Nato und arbeitet für das internationale Militär. Mit David Och hat die 38-Jährige noch immer Kontakt. Der Film «Und morgen seid ihr tot» von Regisseur Michael Steiner basiert auf dem gleichnamigen Buch, das 2013 veröffentlicht wurde und kommt am 28. Oktober in die Kinos.

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