06.11.2015 22:29

Tausende Lehrabbrüche

«Manche Lehrlinge geben zu schnell auf»

Vor allem in Bau und Gastronomie brechen viele die Lehre ab – bei den Maurern jeder Dritte. Viele Abbrecher landen in der Sozialhilfe.

von
R. Landolt
Keystone/Lukas Lehmann

In der Schweiz werden je nach Beruf zwischen 10 und 50 Prozent der Lehrverträge pro Jahr vorzeitig aufgelöst. Eine neue Studie im Auftrag des Schweizerischen Baumeisterverbandes (SBV) zeigt nun, wie gross das Problem auf dem Bau ist: 19 Prozent der Strassenbauer brechen laut der Studie ihre Lehre ab. Bei den Maurern sind es sogar 27 Prozent – und dies in einer Branche, wo schon heute nicht alle Lehrstellen besetzt werden können.

Als Gründe nennen die Studienautoren schlechte Anstellungsbedingungen. Zudem landeten gerade auf dem Bau oft Jugendliche, die sonst nirgends unterkommen, wie die SRF-«Rundschau» berichtet.

Probleme auch in anderen Branchen

Laut Theo Ninck, Präsident der Berufsämter-Konferenz, sind die Abbruchquoten auch bei Köchen und Restaurations-Fachleuten, Coiffeuren und Landwirten hoch. Es seien Berufe, die geringere schulische Anforderungen stellten. «Diese Berufe sind bei den Jugendlichen oft nicht erster Berufswunsch. Wer nicht überzeugt sei von seinem Beruf, sei auch nicht sehr motiviert.»

Zudem hätten Junge heute mehr Wahlmöglichkeiten, was auch Schattenseiten haben könne: «Sie geben vielleicht zu schnell auf. Manchmal fehlt es ihnen an Motivation, einfach durchzubeissen.» Ninck bestätigt zudem, dass unregelmässige oder lange Arbeitszeiten, das Arbeiten bei misslicher Witterung wie auf dem Bau oder ein schlechtes Arbeitsklima zur hohen Abbruchquote beitragen.

Laut einer Studie der Eidgenössischen Hochschule für Berufsbildung macht rund ein Drittel bis die Hälfte der jungen Erwachsenen mit einer Lehrvertragsauflösung nie einen Abschluss. Diese haben das grössere Risiko, langzeitarbeitslos zu werden.

«Billige Arbeitskräfte»

Die Arbeitgeber wollen nun handeln. Der SBV will mit gezielten Massnahmen die Unternehmen der Branche aufrütteln. «Die Betriebe müssen jetzt Gas geben, wenn sie weiterhin qualifizierten Nachwuchs wollen», fordert Patrizia Hasler, die Projektleiterin beim SBV, gegenüber der «Rundschau». Es müsse genau geprüft werden, «ob sie sich trotz des Termindrucks auf dem Bau genug Zeit nehmen für die Ausbildung.»

Genau dies bezweifelt Juso-Präsident Fabian Molina. Es sei «offensichtlich, dass eine grosse Anzahl Lehrbetriebe ihre Lehrlinge nicht gut betreuen können, sie als billige Arbeitskräfte ausnützen.» Er staune, wenn gesagt werde, dass die Jungen nicht mehr durchbeissen könnten und deshalb die Lehre abbrächen.

Eine Petition der Juso verlangt neben einem Mindestlohn für Lehrlinge eine stärkere Kontrolle durch die Berufsbildungs-Ämter. «In der heutigen Zusammensetzung geht das aber nicht - die kantonalen Ämter sind sehr nah am Gewerbe.»

Führt Lehrstellenmangel zu besserer Ausbildung?

«Die Mindestlohn-Forderung zeigt, dass Fabian Molina keine Lehre gemacht hat. Die Jugendlichen sind ja nicht wegen ihres Lohns unzufrieden», entgegnet Maurus Zeier, Präsident der Jungfreisinnigen. Er sei der Letzte, der Misstände nicht beseitigen wolle. Das könne verstärkte Kontrollen bedeuten.

Allerdings habe es in den letzten Jahren in einigen Branchen mehr Lehrstellen gegeben als Suchende. «Die Betriebe stehen in stärkerer Konkurrenz zueinander. Deshalb müssen sie sich Gedanken machen, wie man die Lehre attraktiver machen kann.» Der Wettbewerb sei bestimmt ein wichtiger Treiber für die Qualität der Berufslehre in Zukunft.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.