Natalie Hersche - «Manchmal kommt es mir vor, als wäre das alles gar nicht mir passiert»
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Natalie Hersche«Manchmal kommt es mir vor, als wäre das alles gar nicht mir passiert»

Die Schweizerin Natalie Hersche ist seit einem Jahr in Weissrussland inhaftiert, weil sie an den Protesten gegen Diktator Alexander Lukaschenko teilgenommen hat. Ihrem Bruder hat sie aus der Frauenkolonie einen Brief geschrieben.

von
Lukas Hausendorf
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Natalie Hersche bei ihrem ersten Gerichtstermin im Dezember 2020 in Minsk, wo sie zu 2,5 Jahren Haft verurteilt wurde.

Natalie Hersche bei ihrem ersten Gerichtstermin im Dezember 2020 in Minsk, wo sie zu 2,5 Jahren Haft verurteilt wurde.

Menschenrechtsorganisation Viasna
Beim Berufungsverfahren wurde ihre zweieinhalbjährige Haftstrafe bestätigt. Die Bilder stammen vom ersten Gerichtstermin vom 7. Dezember.

Beim Berufungsverfahren wurde ihre zweieinhalbjährige Haftstrafe bestätigt. Die Bilder stammen vom ersten Gerichtstermin vom 7. Dezember.

Menschenrechtsorganisation Viasna
Natalie Hersche bei einer Demonstration in Minsk. Am 19. September wurde sie wegen «Widerstands gegen Strafverfolgungsbeamte» verhaftet. 

Natalie Hersche bei einer Demonstration in Minsk. Am 19. September wurde sie wegen «Widerstands gegen Strafverfolgungsbeamte» verhaftet.

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Darum gehts

  • Die schweizerisch-belarussische Doppelbürgerin Natalie Hersche sitzt in Weissrussland eine zweieinhalbjährige Haftstrafe ab.

  • Sie hatte an Protesten gegen Diktator Alexander Lukaschenko teilgenommen und soll einem Polizisten bei ihrer Verhaftung die Sturmhaube vom Gesicht gerissen haben.

  • Aus der Frauenkolonie, wo sie ihre Strafe absitzt, hat sie ihrem Bruder einen Brief geschrieben, der am Samstag veröffentlicht wurde.

Die schweizerisch-belarussische Doppelbürgerin Natalie Hersche wurde am 19. September 2020 in der weissrussischen Hauptstadt Minsk verhaftet, nachdem sie an einem Protestmarsch gegen Diktator Alexander Lukaschenko teilgenommen hatte. Die 51-Jährige wurde im Dezember zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt, weil sie Widerstand gegen die Polizei geleistet haben soll. Ihr Vergehen: Sie hatte einem Polizisten die Sturmhaube vom Kopf gerissen. In der Haft musste sie sich mit einem Hungerstreik ihr Recht erkämpfen, per Briefverkehr mit der Aussenwelt Kontakt zu halten. Sie sitzt ihre Strafe in einer Frauenkolonie in der Stadt Gomel ab.

Der «Tages Anzeiger» (Bezahlartikel) publizierte am Samstag einen Brief, den Hersche ihrem Bruder Kassyan Gennadij geschrieben hat. Er sei ziemlich sicher von den weissrussischen Behörden kontrolliert worden, was den auffallend positiven Ton erklären könnte. Gennadij glaubt dennoch, dass der Inhalt im Wesentlichen wahrheitsgetreu sei.

«Botschafter Altermatt ist für mich schon wie ein Verwandter.»

Natalie Hersche

Glaube gibt ihr Halt

Herrsche schreibt, dass es immer noch Probleme gebe mit den Briefen. «Aber im Wesentlichen geht es mir gut, ich habe keinen Stress.» Sie lese viel und habe gerade ‹Der Archipel Gulag› von Alexander Solschenizyn fertig. Ausserdem schreibe sie Beschwerden über Dinge, mit denen sie nicht einverstanden sei. Sie schreibt auch, dass sie von den Kameradinnen im Block isoliert sei, was sie aber nicht störe. Hersche kündete schon vor ihrer Versetzung in die Frauenkolonie an, dass sie sich weigern werde, dort Fäustlinge für die Bereitschaftspolizei zu nähen, obwohl sie dafür in einer Strafzelle sitzen muss.

Das erste Jahr in Gefangenschaft sei schnell vergangen. «Manchmal kommt es mir vor, als wäre das alles gar nicht mir passiert. Dann wieder frage ich mich, wie wohl mein Leben nach der Haft aussehen wird? Werde ich wirklich ein weiteres Jahr gefangen sein?» Hersche schreibt, der Glaube gebe ihr Halt und die regelmässigen Besuche des Schweizer Botschafters Claude Altermatt. «Er ist für mich schon wie ein Verwandter, beim letzten Mal haben wir sogar Luftküsse ausgetauscht. Wer hätte sich so etwas vor einem Jahr vorstellen können?»

Bruder darf sie nicht besuchen

Gesundheitlich gehe es ihr gut, auch weil sich die Qualität der Lebensmittel deutlich verbessert habe. «Es gibt Kartoffeln, Rüben und Kohl.» Sie vermisse aber Obst und leider vermutlich an Eisenmangel. Sie fühle sich dennoch geistig und körperlich stark. «Ich danke allen für ihre Teilnahme an meinem Schicksal und ihre Unterstützung», schliesst sie den Brief, der vom 3. September datiert ist.

«Natalie wird als Geisel gehalten»

Kassyan Gennadij, Bruder von Natalie Hersche

Kassyan Gennadij darf seine Schwester nicht besuchen, überhaupt bleibt ihrer Familie der Zugang zum Gefängnis verwehrt. Einzig Botschafter Altermatt kann sie besuchen, was er bisher elf Mal tat. Hersche erhält auch Briefe von SP-Nationalrätin Barbara Gysi, die eine Patenschaft für die Gefangene übernommen hat. Gennadij findet dennoch, die Schweiz engagiere sich nicht genug für seine Schwester. Natalie werde als Geisel gehalten, sagt er. Sie sei schliesslich die einzige Bürgerin eines westlichen Staats in weissrussischer Haft. Die Schweiz müsse eine harte Linie einschlagen mit Einreiseverboten und dem Einfrieren von Vermögenswerten, fordert er.

Hersche selbst sagte in einem früheren Interview mit 20 Minuten, dass sie auf keinen Fall möchte, dass die Schweiz die weissrussische Regierung für ihre Entlassung bezahle.

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