Kinder als Partner-Ersatz: «Manchmal wollte ich lieber tot sein»
Aktualisiert

Kinder als Partner-Ersatz«Manchmal wollte ich lieber tot sein»

Parentifizierung nennen es Experten - wenn die Eltern nach einer Scheidung das Kind als Lückenbüsser einsetzen. 20-Minuten-Leser erzählen, wie es ist, den Partner-Ersatz zu spielen.

von
T. Bircher
Nach einer Scheidung leidet das Kind oft, weil es nicht mehr weiss, wohin es gehört.

Nach einer Scheidung leidet das Kind oft, weil es nicht mehr weiss, wohin es gehört.

Nach einer Scheidung kann es passieren, dass die Mutter oder der Vater das Kind zu einer Art Ersatz-Partner instrumentalisiert. Das Phänomen heisst Parentifizierung. Der verlassene Elternteil fühlt sich einsam und macht dem Kind - meist unbewusst und ohne böse Absicht - ein schlechtes Gewissen, wenn es beispielsweise in den Ausgang will. Die Mutter will getröstet und in den Arm genommen werden, der Vater lädt seine Probleme bei dem völlig überforderten Kind ab.

Ein Aufruf zum Artikel «Wenn das Kind dem Mami den Papi ersetzt» hat viele 20-Minuten-Leser dazu bewegt, ihre eigenen Erfahrungen zu schildern. Einige haben ihre ganze Vergangenheit in langen Mails aufgerollt und detailliert erzählt. Wie sehr sie diese Erlebnisse auch Jahre später noch belasten, zeigen folgende Aussagen: «Ganz ehrlich, das alles mal aufzuschreiben, tat gut. Danke vielmals.» Und: «Es ist schön, so einen Artikel zu lesen und nachher die vielen Kommentare zu sehen. Man merkt, man ist nicht alleine.»

«Als ich ein paar Sachen mitnahm, fing mein Vater an zu weinen»

Keiner der Leser, die uns ihre Geschichten erzählt haben, möchte mit richtigem Namen zitiert werden - zu sehr fürchten sie sich alle davor, erkannt zu werden. Aus diesem Grund wurden ihnen nachfolgend erfundene Namen zugeteilt.

Claudia ist heute 16, ihre Eltern haben sich vor sechs Jahren scheiden lassen. Sie verbrachte jeweils abwechslungsweise eine Woche bei ihrer Mutter und ihrem Vater. Eine Szene hat sie heute noch vor Augen, als hätte sie sich gestern abgespielt: «Als ich ein paar Sachen zu meiner Mutter mitnahm, fing mein Vater an zu weinen und fragte mich, warum ich ihn jetzt auch noch verlasse. Wie soll eine Zehnjährige das beantworten?» Für sie sei eine Welt zusammengebrochen, sie habe nicht mehr gewusst, wohin sie gehöre. «Ich gebe zu, manchmal wollte ich lieber tot sein», schreibt sie.

Beide Elternteile schickten Claudia unterschwellige Signale: «Sie sagten im selben Satz: ‹Leb dein Leben, aber schau, mir geht es schlecht, bleib doch da›.» Also sei sie dageblieben. Sie sei ein sehr emotionaler Mensch, Nein zu sagen falle ihr extrem schwer.

«Ich kann nicht mich selbst sein und habe Verlustängste»

Auch Stefanie ist ein Scheidungskind. Ein zweifaches. Die Scheidung vom Stiefvater vor vier Jahren habe sie mehr geprägt als jene von ihrem leiblichen Vater, sagt sie. Ihre Mutter sei nie der fürsorgliche, liebevolle Typ gewesen. Sie habe sie immer eher wie eine Freundin behandelt, bei der sie ihre Probleme abladen konnte. «Ihre Liebe mussten wir uns meist erkaufen mit teuren Geburtstags- oder Weihnachtsgeschenken.»

Ihr Stiefvater hingegen sei immer an ihrer Seite gewesen, er habe ihr Kraft, Vertrauen, Mut und sehr viel Liebe gegeben. «Seit der Scheidung von meiner Mutter bin ich aber auch für ihn wie eine Freundin geworden.» Sie fühle sich oft erwachsener als beide zusammen und komme sich wie ein Auffangbrunnen für jedes Familienmitglied vor. «Ich kann bis heute nicht mich selbst sein, habe Verlustängste und das Gefühl, ich müsse mich für alles irgendwie erklären», sagt Stefanie.

«Mir geht es schlecht, wenn ich sein Haus verlasse»

Erika (20) und ihre ältere Schwester entschieden sich nach der Scheidung ihrer Eltern, bei je einem Elternteil zu leben. «Ich wohnte bei meinem deprimierten Vater, der im Selbstmitleid versank», schreibt sie. Um ihn nicht einsam sehen zu müssen, habe sie im Alter von 12 Jahren die Verantwortung im Haushalt übernommen und ihre eigenen Bedürfnisse in den Hintergrund gestellt. Trotzdem quälte sie täglich das schlechte Gewissen: Sie fühlte sich schuldig, glaubte sogar für den Jähzorn ihres Vaters verantwortlich zu sein.

«Als ich 18 war, entschied ich mich auszuziehen, um mich emotional mehr abgrenzen zu können - ein halbes Jahr später erlitt ich einen Nervenzusammenbruch, weil ich mir so viele Sorgen um meinen Vater machte.» Auch heute belaste sie die Situation noch immer: «Mir geht es schlecht, wenn ich nach einem Besuch sein Haus verlasse, empfinde tiefes Mitleid», so Erika. Es sei schwer, als Kind einen Elternteil so leiden zu sehen, da man sich verpflichtet fühle, sich um ihn zu kümmern.

«Dass ich mein Kind benutzt habe, beschämt mich heute sehr»

Susanne (47) ist Mutter und geschiedene Ehefrau. Es habe ihr wehgetan, diesen Artikel zu lesen, weil sie sich selbst in der Frau wiedererkannt habe, die so verzweifelt versucht hatte, ihre Tochter so an sich zu binden. «Nach der Scheidung von meinem Mann blieb ich am Boden zerstört zurück.» Ihre 15-jährige Tochter wurde zu ihrem einzigen Lebensinhalt. «Ich fühlte mich einsam und sehnte mich nach Zuneigung - dass ich mein Kind dazu benutzt habe, beschämt mich heute sehr.» Doch damals habe sie nur ihr eigenes Elend gesehen und keine Rücksicht darauf nehmen können, dass auch ihre Tochter sehr unter dem Verlust ihres Vaters litt und sie als Mutter gebraucht hätte. «Ich hoffe, meine Tochter verzeiht mir eines Tages.»

Doch es sind nicht nur die Kinder, die Opfer dieser Parentifizierung werden. Paul schreibt: «Es gibt auch die andere Seite, die des werdenden oder eben nicht werdenden Partners.» Er habe eine Beziehung mit einer Frau begonnen und bald bemerkt, dass er in eine Art Partner-Situation zwischen der Frau und ihrem Sohn geraten sei.

«Meine Freundin hat über Jahre hinweg alleine mit ihrem Sohn gelebt, Ferien und Freizeit mit ihm verbracht und kann sich auch heute noch nicht von ihm lösen.» Damit werde eine Beziehung sehr erschwert. «Ein möglicher Partner, wie in meinem Fall, kommt sich wie ein Eindringling vor.» Diese Art von Beziehung sei dermassen stark, dass er kaum eine Chance habe, seine Zuneigung einzubringen und seine Bedürfnisse ausleben zu können.

«Ich bin stolz auf mich, es hat mich stärker gemacht»

So wie sich die Erfahrungen der Leser überschneiden, sieht auch das Fazit vieler ähnlich aus - obwohl die Folgen der Scheidung ihrer Eltern sie oft bis an die psychische Grenze getrieben haben, blicken die meisten heute selbstbewusst zurück: «Trotz meiner Vergangenheit bin ich stolz auf mich, denn ich habe alles hinbekommen, wie ich es wollte. Diese ganze Erfahrung hat mich auch stark gemacht», schreibt Stefanie. «Mich haben die Scheidung und deren Folgen verändert, aber sie haben mich auch widerstandsfähiger gemacht», sagt auch Claudia. Sogar Erika zieht eine positive Bilanz: «Ich habe diese Situation dank meinem neuen Umfeld gemeistert und mehr Selbstvertrauen bekommen.»

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