Von der Kosmetikerin zur Ärztin: «Manchmal wünschte ich mir Akademiker-Eltern»
Aktualisiert

Von der Kosmetikerin zur Ärztin«Manchmal wünschte ich mir Akademiker-Eltern»

Wie ist es, eine der wenigen Akademiker in einem Dorf zu sein? Die Ärztin Monika Schürch entstammt selber aus einfachsten Verhältnissen.

von
D. Pomper
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Monika Schürch ist die einzige Akademikerin in der Berner Gemeinde Därstetten. Sie stammt aus einfachsten Verhältnissen und sagt: «Ich fühle mich weder Büezer- noch Akademikerkreisen zugehörig, kann mich aber überall gut anpassen.»

Monika Schürch ist die einzige Akademikerin in der Berner Gemeinde Därstetten. Sie stammt aus einfachsten Verhältnissen und sagt: «Ich fühle mich weder Büezer- noch Akademikerkreisen zugehörig, kann mich aber überall gut anpassen.»

Von der Dorfbevölkerung fühle sie sich wertgeschätzt. Privat verkehrt sie aber mit Freunden und Bekannten aus dem Unterland, «wobei der Bildungsstand eine untergeordnete Rolle spielt».

Von der Dorfbevölkerung fühle sie sich wertgeschätzt. Privat verkehrt sie aber mit Freunden und Bekannten aus dem Unterland, «wobei der Bildungsstand eine untergeordnete Rolle spielt».

Während es in der Schweiz immer mehr Akademiker gibt, lebt in Därstetten bis auf die Dorfärztin und den Pfarrer kein einziger.

Während es in der Schweiz immer mehr Akademiker gibt, lebt in Därstetten bis auf die Dorfärztin und den Pfarrer kein einziger.

Frau Schürch, Sie sind neben dem Pfarrer eine der wenigen Studierten hier im bernischen Därstetten. Fühlen Sie sich wohl im Dorf?

Ja, sehr. Ich fühle mich von den sehr bodenständigen Menschen angenommen und wertgeschätzt. Privat verkehre ich allerdings mit Freunden und Bekannten aus dem Unterland, wobei der Bildungsstand eine untergeordnete Rolle spielt. Mein akademischer Grad ist mir gedanklich nicht allgegenwärtig.

Waren Ihre Eltern auch schon Akademiker?

Nein, ich stamme aus bescheidenen Verhältnissen. Mein Vater wuchs als Verdingbub auf und wechselte oft seine Arbeit. Aber er hatte ein grosses naturwissenschaftliches Interesse und hat vieles hinterfragt. Meine Mutter wuchs als Heimkind auf und arbeitete im Service. Sie ist künstlerisch begabt, schrieb gern und spielte Klavier. Auch sie war alles andere als eine Konformistin.

Warum wollten Sie Ärztin werden?

Als Mädchen habe ich die Bücher des Urwaldarztes Albert Schweitzer verschlungen. Obwohl ich damit liebäugelte, Ärztin zu werden, erschienen mir solche Pläne nicht im Entferntesten realisierbar. Damals wurden nur Buben Ärzte und Mädchen Krankenschwestern. Zudem war ich eine Träumerin und langweilte mich oft in der Schule. Am liebsten hielt ich mich draussen in der Natur auf, und ich musste eine Klasse wiederholen. Weder meine Eltern noch meine Lehrer wären je auf die Idee gekommen, dass ich eine akademische Laufbahn einschlagen könnte.

Was ist dann passiert?

Ich machte die Lehre als Kosmetikerin und wurde dann Laborantin. Mit 29 Jahren holte ich die Matura nach und studierte Medizin.

Wie haben Ihre Eltern reagiert?

Zu Beginn waren sie skeptisch. Schliesslich hatte ich da schon einen 7-jährigen Sohn. Dann haben sie mich unterstützt, wo sie nur konnten. Nicht zuletzt dank ihrer Hilfe konnte ich meinen Traum verwirklichen.

Sie haben sich aus der Büezerwelt in den Ärztekosmos katapultiert. Wie war das für Sie?

Meine Studentenkollegen, viele mit akademischem Hintergrund, hatten teilweise andere Gesprächsthemen, Interessen und Werte. Nach den Semesterprüfungen musste ich arbeiten, um mein Studium und den Lebensunterhalt zu verdienen. Ich blieb oft den Vorlesungen fern, weil ich mit meinem Sohn etwas unternehmen wollte oder arbeitete. So gesehen fühlte ich mich kaum zugehörig zu diesem «Ärztekosmos». Ich hatte ein Ziel vor Augen und ging meinen Weg. Zugehörig fühle ich mich bis heute weder Büezer- noch Akademikerkreisen, ich kann mich aber überall gut anpassen.

Haben Sie sich manchmal gewünscht, Akademiker-Eltern zu haben?

Ja, manchmal schon. Der Weg wäre wahrscheinlich weniger steinig gewesen. Obschon meine Eltern sehr grossen Anteil an meinem Leben genommen haben, weiss ich nicht, wie fest sie meine berufliche Verantwortung im Ganzen erfasst haben.

In Därstetten entscheiden sich nur ganz wenige Schüler für ein Studium. Sollten sie eher dafür motiviert werden?

Die Buben hier wollen Schreiner, Zimmermann oder Bauer werden. Die Mädchen Floristin, Coiffeuse oder Landwirtin. Viele wollen den elterlichen Betrieb übernehmen und haben einen starken Familiensinn. Es wäre schade, wenn es diese Traditionen nicht mehr gäbe.

Dafür gibt es keinen Därstettener Arzt, der Ihre Nachfolge übernehmen könnte …

Das stimmt. Die Nachfolge macht mir grosse Sorgen. Es gibt nicht viele junge Hausärzte, die auf dem Land in einer Einzelpraxis arbeiten möchten. Därstetten sei zu abgelegen, ist dabei das meistgehörte Argument. Dabei sind die Menschen hier sehr angenehm und dankbar.

Wie meinen Sie das?

Zu vielen Patienten besteht mittlerweile ein sehr persönliches Verhältnis. Man kennt nicht nur die Krankengeschichten, sondern auch die familiären Hintergründe. Die Menschen sprechen ihre Wertschätzung aus, und manchmal gibt es auch einen wunderbaren selbstgemachten Kuchen oder Käse.

Nachtrag vom 29.5.2019: In einer ersten Version schrieb 20 Minuten, die Dorfärztin und der Dorfpfarrer seien die einzigen Akademiker in Därstetten. Dies hatte der Gemeindepräsident Thomas Knutti bestätigt. Richtig ist: Es gibt mindestens eine weitere Frau mit einem Uni-Abschluss in Därstetten. Wir entschuldigen uns für diesen Fehler.

Dreiteilige Reportage

Die Zahl der Akademiker in der Schweiz steigt. In den Städten Zürich, Bern oder Genf hat fast jeder Zweite studiert. Bis 2045 werden rund 60 Prozent der Bevölkerung in der Schweiz einen tertiären Bildungsabschluss haben.

Was denken Nicht-Akademiker über diese gesellschaftliche Entwicklung? Und was bedeutet sie für unser Land? 20 Minuten beantwortet diese Fragen in einer dreiteiligen Reportage.

1. Was denken die Menschen eines Büezer-Dorfes über den Akademiker-Boom? Ein Besuch in der Berner Gemeinde Därstetten.

2. Wie ist es die einzige Akademikerin in einem Dorf zu sein? Interview mit der Därstettner Dorfärztin Monika Schürch.

3. Was bedeutet die steigende Akademikerrate für die Schweiz? Interview mit dem Bildungsökonomen Matthias Ammann von Avenir Suisse.

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