Mordprozess - Richter und Staatsanwältin sind uneins – Verhandlung unterbrochen

Mordprozess Richter und Staatsanwältin sind uneins – Verhandlung unterbrochen

Zehn Personen stehen vor dem Kantonsgericht Glarus. Ihnen werden diverse Delikte wie versuchter Mord, Anstiftung zum versuchten Mord, Täuschung der Behörden und weitere Taten vorgeworfen. Heute geht der Prozess in die zweite Runde. 20 Minuten berichtet live.

von
Dafina Eshrefi
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Bei diesem Gebäude in Bilten GL …

Bei diesem Gebäude in Bilten GL …

20min/Michael Scherrer
… wurde am 3. Oktober 2018 ein damals 41-jähriger Kosovare …

… wurde am 3. Oktober 2018 ein damals 41-jähriger Kosovare …

20min/Michael Scherrer
… von zwei Männern niedergeschlagen.

… von zwei Männern niedergeschlagen.

20min/Michael Scherrer

  • Im August und September stehen zehn Personen vor dem Kantonsgericht Glarus. Der Prozess dauert mehrere Tage.

  • Gleich mehreren wird versuchter Mord oder Anstiftung dazu vorgeworfen.

  • Auslöser war ein gewalttätiger Streit vor einem Club in Birmensdorf ZH im Frühling 2017.

  • Als Rache dafür wurde im Oktober 2018 ein Mann von zwei beauftragten Männern spitalreif geschlagen.

Die zehn Angeklagten:

R.K. (23) Beauftragter Schläger

K.S. (27) Beauftragter Schläger

A.M. Auftraggeber für Tat in Bilten und Opfer in Birmensdorf (42)

S.R. Auftraggeber für Tat in Bilten und Opfer in Birmensdorf (40)

Q.V. Opfer von Bilten und Schläger in Birmensdorf (44)

Q.L. Mittäter in Birmensdorf (41)

A.G. Mittäter in Birmensdorf (47)

A.K. Vermittlerin der Schläger (28)

D.A. Fahrer des Fluchtfahrzeugs (37)

A.A. Frau vom Fahrer, Betrügerin (37)

Mittwoch, 15.09.2021

Die Verhandlung war für heute Mittwoch und Donnerstag angesetzt. Doch dieser Zeitplan ist nun mit dem Unterbruch der Verhandlung obsolet. In diesem Zeitfenster können die Beweismittel weder den Verteidiger zugänglich gemacht werden, noch vollumfänglich gesichtet und ausgewertet werden.

Wann die Verhandlung genau fortgesetzt wird, ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht klar. Es ist aber nicht damit zu rechnen, dass dies in Kürze sein wird. Schliesslich müssen erst die neuen Beweismittel von allen Parteien gesichtet werden können und danach gilt es, einen passenden Termin für fünf Richterinnen und Richter, den Gerichtsschreiber sowie die vielen Verteidiger und die Verteidigerin zu finden. Kein einfaches Unterfangen.

Damit verabschieden wir uns, früher als geplant, aus Glarus. Danke fürs Mitlesen.

Verhandlung wird für unbestimmte Zeit unterbrochen

Nach einer kurzen Unterbrechung fährt der Richter fort:

«Das Gericht will und muss diese Akten anschauen. Ich frage Sie deshalb, welche Frist benötigen Sie, um uns alle ausgewerteten Daten und die dazugehörigen Auswertungsberichte der Polizei einzureichen, damit auch die Verteidigung diese sichten und dazu Stellung nehmen kann?»

Die Staatsanwältin sagt: «Das sind riesige Datensätze, es handelt sich dabei um Tausende Dateien. Alleine dieses Handy hat über 4000 Daten.»

Der Richter erwidert: «Ich gehe von einem Terabyte aus.»

Die Staatsanwältin sagt, das es nicht üblich ist, alle Dateien abzugeben.

Richter: «Gut. Ich setze Ihnen noch keine Frist. Die Verhandlung wird unterbrochen bis alle Daten im Recht liegen. Ich ergänze nochmals: Wir nehmen keinen Auszug, den Sie ausgesucht haben. Ich diskutiere das nicht länger mit Ihnen. Die Verhandlung wird unterbrochen.»

Derzeit ist noch nicht klar, wann die Verhandlung fortgeführt wird.

Das Gericht zieht sich kurz zurück, um darüber zu entscheiden, ob das von der Staatsanwältin vorgelegte Video als Beweis angenommen wird.

«Ich verlange, dass sich die Staatsanwaltschaft an das Gesetz hält»

Der Richter will von der Staatsanwältin wissen, weshalb das Video nicht als Beweismittel schon vorher angegeben wurde, damit auch die Verteidigung dieses hätte sichten können.

Die Staatsanwältin: «Das Handy ist das Beweismittel und liegt dem Gericht als Beweis vor.»

Verteidiger von Q.V: «So geht das nicht! Ich verlange, dass sich die Staatsanwaltschaft an das Gesetz hält.» Bereits im Haftverfahren war bekannt, dass Q.V. seinen Arm nicht heben kann. «Ich beantrage, dieses Beweisstück abzuweisen. Es kann nicht sein, dass man ein Handy der Staatsanwaltschaft abgibt und nicht klar ist, was davon gezeigt wird und was nicht», sagt der Verteidiger weiter.

Nicht glaubwürdig

Q.V. ist nicht geständig. Die Staatsanwältin: «Er will nicht wissen, wer an der Schlägerei dabei gewesen ist. Seine Aussagen sind nicht glaubwürdig.»

Obwohl er beim Club eine Überwachungsanlage hat einrichten lassen, konnten diese Daten nicht entwertet werden. Die Staatsanwältin geht zudem auf Begründung der Verteidigung ein, wonach Q.V. nicht in der Lage wäre seinen linken Arm zu heben. Dazu will die Staatsanwältin dem Gericht ein Video zeigen, das dem eingezogenen Handy von Q.V. entnommen wurde.

Die Verteidigung kennt das Video nicht. Die Verteidiger signalisieren Unverständnis für das so spät eingereichte Beweisvideo.

Mit Baseballschläger zugeschlagen

Am 20. Mai.2017 hat Q.V. A.M. mit Baseballschläger angegriffen und ihn auf Kopf und Körper geschlagen. Die Staatsanwältin sagt zudem, dass die Mittäter von Birmensdorf, Q.L. und A.G. Brüder sind. Sie sagt weiter: «A.M. wurde festgehalten während Q.V. mit dem Baseballschläger auf seine Stirn schlug.» Damit erlitt A.M. ein Schädelhirntrauma und befand sich in potenzieller Lebensgefahr.

Die Aussagen von A.M. seien glaubwürdig, ergänzt die Staatsanwältin.

A.M. hat ausgesagt: «Die Schläge waren sehr wuchtig. Natürlich verlor ich die Kontrolle. Es floss Hirnflüssigkeit aus meiner Nase.» Die Staatsanwältin erklärt, dass die beiden Brüder Q.M. und A.G. das Opfer A.M. festgehalten haben, während Q.V. mit dem Baseballschläger zuschlug. Der Angriff erfolgte als A.M. und S.R. den Club verlassen wollten. Zeugen haben ausgesagt, dass entgegen der Behauptung der Verteidigung, Q.L normal laufen konnte.

Die Staatsanwältin fordert für A.G. unter anderem wegen versuchter vorsätzliche Tötung und Täuschung der Behörden: 6 Jahre und 9 Monate Freiheitsstrafe und 15 Jahre Landesverweis.

Für Q.V. wird unter anderem wegen versuchter vorsätzlicher Tötung, Angriffes: 6.5 Jahre Freiheitsstrafe. Im 5. Jahr soll er des Landes verwiesen werden.

Für Q.L. verlangt die Staatsanwältin unter anderem wegen versuchter vorsätzlicher Tötung 5 Jahre Freiheitsstrafe und 15 Jahre Landesverweis.

Nun geht es weiter.

Die Beweisanträge des Verteidigers von Q.L. werden abgewiesen.

Die Staatsanwältin verliest ihr Plädoyer.

Verhandlung kurz unterbrochen

Der Verteidiger wirft der Staatsanwaltschaft vor, dass die Behörden nicht alle Unterlagen und Akten freigegeben haben. Das Telefon seines Mandanten ist bis dato nicht zurückgegeben worden, es ist auch nicht bekannt, wie und wann das Telefon abgehört wurde. Klar ist, dass umfangreich Telefonate und wohl weitere Kommunikation von den Ermittlern untersucht wurden. In den Anklageschriften sind mehrere Positionen von Kosten für Telefonüberwachungen aufgelistet sowie diverse Übersetzungen dafür.

Die Staatswanwaltschaft bestreitet die Vorwürfe des Verteidigers: «Es gibt keine Geheimakten.» Das Gericht zieht sich zurück und entscheidet nun über den Antrag des Verteidigers bezüglich der Beweismittel.

Die Verhandlung wird um 9.45 Uhr fortgesetzt.

Nun spricht Vetreidiger von Q.L.: «Mein Mandant war im Mai 2017 krankheitsbedingt arbeitsunfähig.»

Der Verteidiger von Täter in Birmensdorf und Opfer in Bilten Q.V. erklärt: «Wegen einer Verletzung durch ein Granatsplitter im Kosovokrieg, kann mein Mandant seinen linken Arm nicht so gut bewegen. Die Beschreibung von A.M. ist daher falsch: Q.V. kann einen Baseballschläger nicht mit dem linken Arm so weit nach oben halten.»

Damit war sein Mandant nicht in der Lage A.M. wie von ihm beschrieben zu schlagen. Q.V. kann seinen linken Arm nicht so weit nach oben bewegen.

Nun werden die Täter von Birmensdorf befragt .

A.G. lebt zusammen mit seinem Sohn in der Schweiz. Er arbeitet auf dem Bau als Eisenleger. Er erklärt, dass er 1993 den Kosovo verlassen hat. Er ist vorbestraft.

Q.V. sagt, dass er verheiratet ist und drei Kinder hat, die alle eine Lehre absolvieren. Er hat im Kosovo studiert und ist im Jahr 2000 in die Schweiz gekommen. Q.V. ist vorbestraft.

Q.L. ist ebenfalls verheiratet und hat zwei KInder. Er arbeitet wie A.G. als Eisenleger im Bau.

Loredanas Anwalt verlässt die Verhandlung

Nun spricht der Verteidiger von L.M.. Er sagt, dass zwei Zeugen ausgesagt hätten, dass sein Mandant einen Streit schlichten wollte. Auch das zweite Opfer von Birmensdorf verweigert wieder die Aussage. Er hat keine einzige Frage des Richters beantwortet.

Opfer A.M. möchte an der weiteren Verhandlung nicht teilnehmen. Ihm werden die Handschellen wieder angezogen und er wird von der Polizei abgeführt. Auch sein Verteidiger Fingerhuth verlässt die Verhandlung. Fingerhuth ist übrigens auch schon als Rechtsvertreter für die Rapperin Loredana tätig gewesen.

Aussage verweigert

Der Richter hat einen ganzen Katalog an Fragen: «Schildern Sie aus ihrer Sicht, was an jenem Tag in Bilten genau geschehen ist.

Weshalb meldeten Sie sich nicht bei der Polizei?

Wie kam es eigentlich dazu, dass sie angegriffen wurden? Kennen Sie die Gründe?

Welche Verletzungen haben Sie davongetragen?

Welche Folgen spüren Sie?»

Opfer A.M. verweigert die Aussage zu sämtlichen Fragen.

Nun wird Auftraggeber für Tat in Bilten, A.M., als Opfer von Birmensdorf befragt. Der Richter verliest dem Opfer seine Rechte. Das Ganze wird vom Dolmetscher auf Albanisch übersetzt.

Zweite Halbzeit beginnt

Willkommen zurück! Der Prozess am Kantonsgericht Glarus geht nun in die zweite Halbzeit. Heute Mittwoch (15. September 2021) und morgen Donnerstag stehen drei weitere Personen vor Gericht. Nun werden quasi die Rollen getauscht: Das Opfer von Bilten GL steht nun als Täter vor Gericht, die Auftraggeber, die vor einem Monat als Täter vor Gericht standen, als Opfer. Denn die zwei Kosovaren wurden von Q.V. und zwei Kumpanen im Frühling 2017 bei einem Club in Birmensdorf ZH, den es heute nicht mehr gibt, abgepasst und diese mit einem Baseballschläger angegriffen. Dabei wurde der eine so stark verletzt, dass er zwei Jahre lang arbeitsunfähig gewesen war. Durch den Angriff erlitt der heute 32-Jährige ein offenes Schädel-Hirn-Trauma und weitere Verletzungen. Das zweite Opfer, ein heute 40-jähriger Kosovare wurde ebenfalls mit einem Baseballschläger angegriffen und erlitt eine Rissquetschwunde am Kopf.

Donnerstag, 19.08.2021

Damit wird die Verhandlung geschlossen. Der Gerichtspräsident erklärt, dass es ein Urteil frühestens im Oktober oder spätestens im Dezember geben wird.

Vielen Dank fürs Mitlesen des Tickers.

Beauftragte Schläger zeigen Reue

Als erstes sagt Schläger R. K. sein Schlusswort:

«An erster Stelle möchte ich mich beim Opfer Q. V. entschuldigen, wir wollten nicht sein Leben gefährden. Ich entschuldige mich auch bei den Behörden dafür, dass wir all diese Umstände und Kosten verursacht haben. Ich war damals 20, ich habe das Leben damals nicht so gesehen wie heute. Ich bin auch nur ein Mensch und habe einen Fehler begangen. Ich entschuldige mich erneut.»

Schlusswort von Schläger K. S.: «Als allererstes möchte ich nochmals betonen: Wir haben keinen Auftrag erhalten, jemanden zu töten. Ich bedauere sehr, was ich Q. V. angetan habe und ich entschuldige mich bei ihm. Alles, was ich will ist, die Gefängniszeit abzusitzen und wieder zu meiner Familie nach Albanien zurückzukehren.»

Auch die beiden Auftraggeber haben die Möglichkeit zu einem Schlusswort. Auftraggeber A. M. fasst sich kurz: «Ich bin seit 27 Monaten in Haft. Ich hoffe, dass das endet.» Auftraggeber S. R. ist nicht in der Lage ein Schlusswort zu geben, erklärt sein Verteidiger.

Wir kommen bereits zu den Schlussworten der Beschuldigten.

Die restlichen Verteidiger nutzen die Replik, um ihre Standpunkte erneut zu erläutern.