«Bedrohung für die menschliche Gesundheit»: Mann infiziert sich in Deutschland mit seltenem Tulavirus
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«Bedrohung für die menschliche Gesundheit»Mann infiziert sich in Deutschland mit seltenem Tulavirus

Das akute Nierenversagen eines jungen Mannes aus Norddeutschland ist auf das Tulavirus zurückzuführen. Dieses wurde bislang nicht als Gefahr für den Menschen angesehen. Das ist nun anders.

von
Fee Anabelle Riebeling
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Nachdem bei einem 21-jährigen Deutschen das Tulavirus nachgewiesen wurde, das zu den Hantaviren gehört, raten Forschende, den Erreger «als Bedrohung für die menschliche Gesundheit» anzusehen. (Im Bild: das Sin-Nombre-Virus, ebenfalls ein Hantavirus.)

Nachdem bei einem 21-jährigen Deutschen das Tulavirus nachgewiesen wurde, das zu den Hantaviren gehört, raten Forschende, den Erreger «als Bedrohung für die menschliche Gesundheit» anzusehen. (Im Bild: das Sin-Nombre-Virus, ebenfalls ein Hantavirus.)

CDC/ Cynthia Goldsmith, Luanne Elliott
Wie der Norddeutsche, der als Sanitär- und Heizungsmonteur tätig ist, mit dem Erreger in Kontakt kam, ist ungeklärt.

Wie der Norddeutsche, der als Sanitär- und Heizungsmonteur tätig ist, mit dem Erreger in Kontakt kam, ist ungeklärt.

Wikimedia Commons/kaʁstn/CC BY-SA 3.0
Normalerweise kommt der Erreger vor allem bei Feld- und Wühlmäusen vor. Doch «die Fähigkeit des Tulavirus, selbst bei einem zuvor gesunden Menschen eine Hantaviruserkrankung auszulösen, zeigt das pathogene Potenzial dieses Virus», so die Fachleute.

Normalerweise kommt der Erreger vor allem bei Feld- und Wühlmäusen vor. Doch «die Fähigkeit des Tulavirus, selbst bei einem zuvor gesunden Menschen eine Hantaviruserkrankung auszulösen, zeigt das pathogene Potenzial dieses Virus», so die Fachleute.

Getty Images/iStockphoto

Darum gehts

  • In Deutschland hat sich ein Mann mit dem Tulavirus infiziert.

  • Der Erreger zählt zu den Hantaviren, die hämorrhagisches Fieber auslösen können.

  • Wo und wie sich der 21-Jährige infiziert hat, ist offen.

  • Laut Fachleuten sollte das Tulavirus als Bedrohung für die menschliche Gesundheit angesehen werden.

Der Fall lässt aufhorchen: In Deutschland wurde ein 21-Jähriger aus der Nähe von Hamburg mit plötzlich auftretendem Fieber, Übelkeit, starken Kopf-, Bauch- und Gliederschmerzen ins Krankenhaus eingeliefert. Alles deutete auf ein akutes Nierenversagen hin. Hinweise darauf, was die Symptome ausgelöst haben könnte, gab es zunächst nicht.

Bei Untersuchungen des Patienten wurde schliesslich eine Hantavirus-Infektion festgestellt. Unklar war zunächst, welches Virus genau die Erkrankung ausgelöst hat.

Erstmals direkter Nachweis

Erst weitere molekularbiologische Analysen durch Expertinnen und Experten des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI) und der Charité in Berlin zeigten, dass sie auf das Tulavirus zurückzuführen ist, das zur Familie der Hantaviren (siehe Box) zählt. Das Tulavirus kommt vor allem bei Feldmäusen vor. Wie der 21-Jährige, der als Sanitär- und Heizungsmonteur tätig ist, mit dem Erreger in Kontakt kam, ist ungeklärt.

Sicher ist dagegen, dass es sich bei dem Fall um den ersten handelt, bei dem das Tulavirus direkt als Ursache einer Erkrankung bei einem Menschen festgestellt worden ist. Bislang gab es in Deutschland nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) nur sehr wenige indirekte Hinweise für eine solche Infektion.

So wird das Hantavirus übertragen

Hantaviren gehören laut dem Bundesamt für Gesundheit BAG zu den Erregern viraler hämorrhagischer Fieber. Sie sind nach dem koreanischen Grenzfluss Hantaan benannt, wo während des Koreakriegs (1950-1953) mehr als 3000 Soldaten nach einer Infektion schwer erkrankten.

Die Übertragung auf den Menschen findet durch infizierte Nagetiere wie Mäuse oder Ratten statt, die das Virus über Speichel, Urin und Kot ausscheiden. Eine Ansteckung kann durch Nagetierbisse, Kontakt mit Nagern oder deren Ausscheidungen sowie das Einatmen von kontaminiertem Staub erfolgen. Daher gilt als besonders gefährdet, wer im Forstbetrieb, in der Landwirtschaft oder im Garten arbeitet.

Es gibt eine Vielzahl von Hantavirus-Typen, die sich bezüglich Verbreitung und Krankheitsbild unterscheiden. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch wurde einzig bei einem äusserst seltenen Virus-Typ beschrieben.

Gemäss BAG wurden seit dem Jahr 2000 in Europa jährlich gegen 3000 Fälle registriert. Die Schweiz sei davon aber kaum betroffen.

Virus hat «pathogenes Potenzial»

Die Forschenden werten den Fall des Norddeutschen als Weckruf: «Dieses Ergebnis rückt nun auch die Feldmaus und das mit ihr assoziierte Tulavirus stärker in den Fokus der Hantavirus-Epidemiologie und erfordert zukünftig eine bessere Typisierung von Hantaviruserkrankungen», so Rainer Ulrich, Leiter des Nationalen Referenzlabors für Hantaviren bei Tieren am FLI.

«Die Fähigkeit des Tulavirus, selbst bei einem zuvor gesunden Menschen eine Hantaviruserkrankung auszulösen, zeigt das pathogene Potenzial dieses Virus», schreiben die Expertinnen und Experten in dem im Fachjournal «Emerging Infectious Diseases» publizierten Fallbericht. Sie empfehlen, die Wühlmausarten, die den Erreger beherbergen, in ihrem jeweiligen geographischen Verbreitungsgebiet als Infektionsquelle anzusehen. «Aufgrund der weiten Verbreitung und der starken Vermehrung von Wühlmäusen in mehreren Teilen Europas, sollte das Tulavirus als Bedrohung für die menschliche Gesundheit angesehen werden.»

Ausbruch in den USA

Die Familie der Hantaviren hatte zuletzt im Jahr 2012 für weltweites Aufsehen gesorgt: Damals infizierten sich im auch bei Schweizer Touristen sehr beliebten Yosemite-Nationalpark in Kalifornien mehrere Besucher mit Vertretern der Art, mindestens drei Personen starben. Die Gefahr weiterer Ansteckungen wurde von den Behörden als so gross eingeschätzt, dass sie eine Warnung für alle 230’000 Übernachtungsgäste des Sommers aussprachen. Laut einer Studie des kalifornischen Gesundheitsministeriums von 2008 trägt ungefähr eine von fünf Hirschmäusen in den Wäldern des Bundesstaates das Virus in sich.

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