Mitt Romney: Mann ohne Eigenschaften
Aktualisiert

Mitt RomneyMann ohne Eigenschaften

Mitt Romney will erreichen, was seinem Vater misslang: die Eroberung des Weissen Hauses. Für dieses Ziel hat er sämtliche Kanten seiner Persönlichkeit bis zur Unkenntlichkeit abgeschliffen.

von
Peter Blunschi
New York

Ein Wort kann einen Traum zerstören. Im Fall von George Romney war es der Begriff «Hirnwäsche». Nach einem Besuch in Vietnam habe er erkannt, dass er einer solchen unterzogen worden sei, empörte er sich am 31. August 1967 im Interview mit einem Fernsehsender in Detroit. Militärs und Diplomaten hätten das amerikanische Volk über die Hintergründe des Vietnam-Konflikts getäuscht. Bis zu jenem Zeitpunkt galt der 60-jährige Romney, erst erfolgreicher Manager in der Autoindustrie, danach erfolgreicher Gouverneur von Michigan, als Favorit der Republikaner für die Präsidentschaftswahl im folgenden Jahr.

Danach ging es mit seinen Umfragewerten bergab. Noch vor Beginn der Vorwahlen im März 1968 warf George Romney das Handtuch. Die «Hirnwäsche» war nicht der einzige Grund für sein Scheitern. Aber sie lieferte seinen Gegnern im konservativen Lager, denen der liberale Romney ein Dorn im Auge war, die willkommene Munition. Sein damals 20-jähriger Sohn Mitt erlebte die Schmach des Vaters nur aus der Ferne. Er leistete nicht Militär- in Vietnam, sondern Missionsdienst für die Mormonen in Frankreich. Dennoch sollte die Episode einen nachhaltigen Eindruck auf ihn ausüben.

«Was ihm bereitete, war die Frage, wer er ist»

Seine Schwester Jane bestätigt: «Die Sache mit der Hirnwäsche – hat sie uns beeinflusst? Auf jeden Fall. Mitt ist von Natur aus ein Diplomat, aber ich denke, sie hat ihn noch mehr dazu gemacht. Er will sich nicht auf die Äste hinaus wagen. Er agiert vorsichtiger, mehr nach Drehbuch.» Die Aussage findet sich in «The Real Romney», der ersten fundierten Biographie über jenen Mann, der sich nun anschickt, den Traum seines Vaters zu erfüllen. Geschrieben wurde sie von Michael Kranish und Scott Helman, zwei Journalisten des «Boston Globe», die Mitt Romneys Karriere seit rund 20 Jahren begleiten.

Das Buch enthält knackige Passagen, etwa über die Vielweiberei seines Urgrossvaters Miles, oder wie er als Mormonen-Bischof in Boston angeblich zwei Frauen einschüchterte, die ein Kind allein aufziehen oder im anderen Fall abtreiben wollten. Am spannendsten ist die Biographie jedoch, wenn es um die Persönlichkeit von Willard Mitt Romney geht. An Ehrgeiz und Tatendrang habe es ihm nie gefehlt, schreiben die Autoren. «Was ihm in der Politik Mühe bereitete, war die Frage, wer er eigentlich ist.» Nichts sei Mitt Romney so schwer gefallen, wie sich auf eine klare Überzeugung festzulegen.

Wendehals

Der verehrte Vater besass diese Fähigkeit – und scheiterte. Mitt hat daraus gelernt. In seiner kurzen politischen Karriere war er stets bemüht, seine Ansichten dem Umfeld anzupassen. Als er in seiner Wahlheimat Massachusetts, dem wohl «linksten» US-Bundesstaat, 1994 erfolglos für den Senat und 2002 erfolgreich für den Gouverneursposten kandidierte, war er für das Recht der Frauen auf Abtreibung und schärfere Waffengesetze. Er bekundete Sympathien für Schwule und Lesben, wenn auch nicht für die Homoehe – das wäre für einen Mormonen wohl zu viel des Guten.

Kaum als Gouverneur vereidigt, nahm er das Ziel ins Visier, das Vater George versagt blieb: das Weisse Haus. Im Gleichschritt mit der republikanischen Partei rückte er nach rechts. Von Abtreibung und Waffenkontrolle will Romney heute nichts mehr wissen. Nur einmal wagte er es, klar Stellung zu beziehen, als er gemeinsam mit den Demokraten in Massachusetts eine Gesundheitsreform verabschiedete. Er liess das zugehörige Gesetz sogar auf dem Ölgemälde festhalten, auf dem er wie alle Gouverneure verewigt wurde. Heute würde er Bild und Reform am liebsten ins politische Pfefferland verbannen.

Romneys weiche Seite

So ist jener Mann, der unbedingt Präsident werden will, für viele Amerikaner ein Phantom. Sie stellen sich die gleiche Frage wie der «New Yorker»: Wer ist Mitt Romney? Antworten erhofften sie sich vom Parteikonvent in Tampa (Florida), wo Romney zum Kandidaten gekürt wurde. Davor war er nur ein steif und unnahbar wirkender Multimillionär. Seine Biographie gibt wenig her für jene triefenden Kitschstorys, die Amerika so liebt: Kein Aufwachsen in Armut, keine zerrütteten Familienverhältnisse, kein hart erarbeiteter Aufstieg, keine Heldentaten im Militär.

Dabei ist Mitt Romney kein herzloser Mensch, als Privatmann und Mormone bewies er oft eine ausgesprochen mitfühlende und grosszügige Ader. Die «Washington Post» recherchierte, dass er illegalen Einwanderern – die er als Politiker am liebsten ausschaffen würde – entgegen der offiziellen Doktrin seiner Kirche heimlich juristische Unterstützung zukommen liess. Der öffentliche Romney aber entwickelte, die «Hirnwäsche»-Kontroverse stets im Hinterkopf, einen Kontrollwahn, der teilweise paranoide Züge aufweist.

Im Panik-Modus

Als einer seiner grossen Erfolge gilt die Organisation der Olympischen Winterspiele 2002 in Salt Lake. Aber er liess alle Unterlagen über seine Tätigkeit vernichten. Und die hartnäckige Weigerung, seine Steuerunterlagen für mehr als zwei Jahre offen zu legen, ist ein Running Gag für Amerikas TV-Komiker. Seine Gegner wollten darin bloss nach belastendem Material suchen, begründeten Mitt und Ehefrau Ann Romney. Dass sie damit solche Verdächtigungen erst provozieren, wollen oder können sie offenbar nicht wahrhaben.

Es gibt keine Hinweise auf dunkle Flecken in Mitt Romneys Leben. Auch seine Biographen haben nichts dergleichen aufgespürt. Aber allein der Gedanke, dass ein solcher Fleck auf seiner Weste entdeckt werden könnte, scheint in Romney Panik auszulösen. Selbst seine häufigen verbalen Fehltritte lassen sich so erklären: Wer ständig Angst vor der «Hirnwäsche»-Falle hat, der fällt erst recht hinein. So entsteht das Bild einer stromlinienförmigen Persönlichkeit, an der alle Kanten abgeschliffen wurden.

Was ist der «Plan»?

Für die Präsidentschaftswahl aber genügt das nicht. Selbst Romney hat erkannt, dass die Amerikaner mehr wollen als einen Nicht-Obama. Deshalb hat er mit Paul Ryan einen Vize an Bord geholt, der eine klare ideologische Linie vertritt: Sparen auf dem Buckel der Alten und Bedürftigen, dafür weitere Steuergeschenke für die Reichen. Der «New Yorker» und andere US-Medien sprechen von einer «Verzweiflungstat». Mangels eigener Visionen verbünde sich der Kandidat mit einem Mann, der vor allem die eigene Basis mobilisiert.

Schon tags darauf ging Romney auf Distanz zu Ryans Ideen. Diese seien ein Schritt «in die richtige Richtung», er werde aber einen eigenen Plan entwickeln. Von einem solchen «Plan» ist häufig die Rede, bei Romneys Auftritten, in seinen Wahlkampf-Spots. Wie der «Plan» aussieht, würden die US-Wähler gerne wissen. Auf seiner Website werden viele Themen angesprochen. Meist aber findet man nur Worthülsen, konkrete Vorschläge fehlen. Wie will der einstige Turnaround-Manager den maroden US-Staat sanieren? Wie will der reiche Geschäftsmann die stotternde Wirtschaft ankurbeln? Es bleibt nebulös.

Starke Debatte

Im Verlauf des Wahlkampfs hat der «Mann ohne Eigenschaften» Konturen erhalten. In der ersten Fernsehdebatte rückte er in die Mitte und vermochte unentschlossene Wähler für sich zu gewinnen. Wofür ein Präsident Romney wirklich stehen würde, blieb indes bis zuletzt unklar. Für viele Amerikaner ist der «Real Romney» ein Phantom geblieben.

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