31.07.2020 18:00

Knatsch im ÖV

Mann ruft 117, um Mitreisende ohne Maske zu verpetzen

Das Maskenobligatorium im öffentlichen Verkehr wird eigentlich gut eingehalten. Wer jedoch – absichtlich oder unabsichtlich – ohne Mundschutz in Bus, Bahn und Tram unterwegs ist, muss damit rechnen, beschimpft zu werden. Dies zeigt etwa ein Vorfall von neulich in Bern.

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Neulich auf der Buslinie 20 in Bern kam es zu einem Streit. Zwei Männer griffen eine Frau verbal an, weil diese keine Maske trug. (Symbolbild)

Neulich auf der Buslinie 20 in Bern kam es zu einem Streit. Zwei Männer griffen eine Frau verbal an, weil diese keine Maske trug. (Symbolbild)

Nicole Philipp / Tamedia AG
Nicht nur im Berner ÖV sorgt die Maskenpflicht ab und an für Krach unter Pendlern. So werden auch den Thuner Verkehrsbetrieben «kleinere Wortgefechte, die natürlich für die beteiligten Personen unangenehm sind», zugetragen.

Nicht nur im Berner ÖV sorgt die Maskenpflicht ab und an für Krach unter Pendlern. So werden auch den Thuner Verkehrsbetrieben «kleinere Wortgefechte, die natürlich für die beteiligten Personen unangenehm sind», zugetragen.

BZ
Doch ob in Bern, Thun oder Zürich: Überall sind solche Konflikte Einzelfälle.

Doch ob in Bern, Thun oder Zürich: Überall sind solche Konflikte Einzelfälle.

Urs Jaudas

Darum geht es

  • Die allermeisten Pendler tragen regelkonform eine Maske.
  • In Bern kam es letzthin zum Streit zwischen Pendlern, da eine Frau ohne Mundschutz unterwegs war.
  • Dies passiert derzeit schweizweit öfters.
  • Doch die ÖV-Unternehmen raten davon ab, Mitreisende von sich aus zu rügen.

Neulich auf der Buslinie 20 in Bern: Zwischen der Haltestelle Wyleregg und dem Bahnhof Bern kommt es mitten am Nachmittag zu einem heftigen Wortgefecht zwischen zwei Männern und einer Frau. Die drei rund 50-Jährigen sitzen nahe beisammen, kennen tun sie sich aber nicht. Plötzlich beginnt einer der beiden Männer, die Frau verbal anzugreifen. Diese wiederum setzt sich in ähnlicher Manier zur Wehr. Der zweite Mann schaltet sich ebenfalls ein, auch er teilt unschöne Worte aus. Die meisten Mitreisenden schauen beschämt weg, ein junger Mann versucht zu schlichten. Doch vergebens. Die Situation schaukelt sich immer wieder von neuem auf, man ist einfach richtig hässig aufeinander. Der Grund für den Konflikt: die Maskenpflicht.

Die Frau ist als Einzige ohne Mundschutz im Bus unterwegs. Weshalb, weiss niemand. Doch für die beiden Herren, die regelkonform ihre Masken tragen, ist klar: Der mutmassliche Verstoss dieser Dame muss bekämpft werden. Einer der Männer wählt gar die 117. Er hält das Telefon in die Luft, um die Notrufzentrale am Streitgespräch teilnehmen zu lassen – «als Beweis», wie er sagt. Dann naht jedoch der Bahnhof. Die Kontrahenten wollen alle aussteigen, es bleibt also keine Zeit zum Weiterstreiten, geschweige denn um sich zu versöhnen.

Auch in anderen Städten wird gezofft

Nicht nur im Berner ÖV sorgt die Maskenpflicht ab und an für Krach unter Pendlern. So werden auch den Thuner Verkehrsbetrieben «kleinere Wortgefechte, die natürlich für die beteiligten Personen unangenehm sind», zugetragen, wie Betriebschef Erich Seiler gegenüber 20 Minuten sagt. Ebenso in Zürich kommt es zwischen Maskentragenden und Nichttragenden zu Streitereien: «Wir haben vereinzelte Rückmeldungen über verbale Konflikte zwischen Fahrgästen erhalten», sagt Daniela Tobler, Sprecherin der Zürcher Verkehrsbetriebe.

Doch ob in Bern, Thun oder Zürich: Überall sind solche Konflikte Einzelfälle. Wie die ÖV-Unternehmen mitteilen, halten sich die Passagiere allgemein gut an die Vorgaben des Bundes. «Circa 98 Prozent tragen eine Maske, wofür wir sehr dankbar sind», so VBZ-Sprecherin Tobler.

Dass jedoch die wenigen Leute, die ohne Maske reisen, von Mitpendelnden aufgefordert werden, eine solche anzuziehen, hält der Thuner STI-Betriebschef für eher heikel. Denn: «Es besteht auch stets die Möglichkeit, dass eine Person aus medizinischen Gründen keine Maske tragen muss. Wie klärt sich diese Situation sachlich? Wie viel Verständnis ist vom Mitmenschen hier zu erwarten?», gibt Seiler zu bedenken.

«Weg mit dem Mahnfinger»

Auch in Bern hält man vom Mahnfinger der Passagiere wenig. Bernmobil-Sprecher Didier Buchmann meint: «Was die Selbstkontrolle unter den Fahrgästen bezüglich der Maskentragepflicht betrifft, ist dies mit Vorsicht zu geniessen.» Die Aufgabe solle man besser den Profis vom Dienst überlassen, diese könnten deeskalierend reagieren: «Im Rahmen der üblichen Fahrausweiskontrollen sprechen wir rund 20 bis 30 Fahrgäste an, die sich nicht oder ungenügend an die Plicht zum Tragen einer Schutzmaske halten. Weigert sich ein Fahrgast dennoch, die Schutzmaske zu tragen, wird er dazu angehalten, das Fahrzeug an der nächsten Haltestelle zu verlassen», sagt Buchmann. Bussen werden jedoch keine ausgesprochen.

Während tagsüber sich die meisten Pendler, mit Mundschutz ausgerüstet, ruhig von A nach B transportieren lassen, zeigt sich in den späteren Stunden des Tages ein etwas anderes Bild: «Je später es in die Nacht geht, desto nachlässiger wird die Maskentragepflicht eingehalten. Gleiches zeigt sich an den Wochenenden», sagt Buchmann. Auch in Zürich treffe man an Wochenenden, besonders später am Abend, Personen oder ganze Gruppen ohne Maske an. «Dies sind insbesondere Gruppen jüngerer Fahrgäste, die Situationen sind aber immer konfliktfrei», sagt Sprecherin Tobler.

Wer also höflich aufgefordert wird, der Maskenpflicht Folge zu leisten, zeigt sich solidarisch. So setzt man in Bern stets auf Kooperation und Verständnis der Fahrgäste. Bei der SBB heisst es: «Zentral sind und bleiben die Eigenverantwortung und die gegenseitige Solidarität der Reisenden. Wer eine Maske trägt, schützt sich, die Mitreisenden und das Personal.»

(miw)

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